Ein Quäntchen Ungeduld

Murnauer Mobilitätskonzept offenbart Verkehrssituation im Ort

Murnauer Untermarkt
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Rund zwei Drittel der Murnauer Marktgemeinderatssitzung waren dem Mobilitätskonzept vorbehalten. Prof. Dr. Volker Stölting vom Innovationsberatungsbüro team red präsentierte dabei unter anderem Planfälle, in welchen etwa der Untermarkt als Einbahnstraße, Shared Space oder gar Fußgängerzone gedacht wird.

Murnau – Rund zwei Stunden nimmt das Mobilitätskonzept in der Marktgemeinderatssitzung Mitte März ein – und damit viel Zeit. Dabei handelt es sich nicht einmal um ein ausgeklügeltes Endprodukt, das da vorgestellt und diskutiert wird, sondern um einen Anfang, um eine „Bestandsaufnahme der Verkehrssituation“, so Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum). Ziel des Unterfangens ist es, den Ort von der starken Verkehrsbelastung zu befreien, ohne dabei den motorisierten Individualverkehr zu verteufeln.

Schon ein Jahr liege das Konzept in seiner ersten Phase vor, meint Beuting in der Marktgemeinderatssitzung. Schon seit einem Jahr liegt es also vor, liegt es herum. Dabei ist das Thema alles andere als irrelevant. Im Gegenteil. Murnau braucht ein Mobilitätskonzept angesichts der zunehmenden Belastung des Ortes durch motorisierten Verkehr. Doch Umstände wie die Wahlen und die Corona-Pandemie hätten zur Verzögerung der Vorstellung geführt, berichtet der Rathauschef. Verwundern mag es da nach einem Jahr Wartezeit kaum, dass Prof. Dr. Volker Stölting, Verkehrsplaner der Mobilitätsinnovationsberatung team red, etwas weiter ausholt, als er die Bestandsaufnahme der Verkehrssituation in der Marktgemeinde präsentiert.

Untersucht worden seien verschiedene Aspekte, darunter die Erreichbarkeit bestimmter Ziele, etwa des Bahnhofs oder des Unfallklinikums. In beiden Fällen „braucht man kein Auto“, so der Verkehrsplaner. Generell seien in Murnau die wichtigsten Ziele in maximal 15 Minuten erreichbar, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Beide Fortbewegungsarten müsse man daher attraktiver gestalten. „Das steht ganz oben auf der Agenda“, so Stölting. Auch eine Parkraum-

analyse sei durchgeführt worden. Diese hätte unter anderem ergeben, dass es im Kernbereich unter der Woche „überhaupt kein Problem“ sei, einen Stellplatz zu finden. Samstags gebe es dagegen „relativ viel Einkaufsverkehr“. Im Unter- wie Obermarktbereich findet Stölting, seien generell keine Autos gefragt. Auch sei es keine schlechte Idee, das Park&Ride-Angebot zu erweitern, wobei dieses ein zweischneidiges Schwert sei, da mit jeden P&R-Kunden dem ÖPNV ein Fahrgast genommen werde. Und ein Parkleitsystem, an dem die Marktgemeinde gerade dran ist, sei außerdem ein „wichtiges Element“.

Der Untermarkt mit neuem Straßenkonzept

Bei Verkehrserhebungen habe sich herausgestellt, dass „die B2 mit Abstand am stärksten belastet ist“, so der Verkehrsplaner. Auch seien viele Autos auf Straßen unterwegs, die sich nicht für Durchgangsverkehr eignen. Stölting präsentiert anschließend vier ermittelte Planfälle. In den verschiedenen Szenarien verwandelt Stölting etwa den Untermarkt in eine Einbahnstraße, einen spielstraßenartigen Shared

Space und in eine Fußgängerzone, um dann die Vor- und Nachteile aufzuzählen. Am Ende seines Vortrags kommt der Verkehrsplaner nicht nur zu dem Schluss, dass „man eigentlich eine Verkehrssimulation machen müsste“, sondern leitet aus den Ergebnissen auch zehn Leitlinien ab, die in die zweite Phase des Mobilitätskonzeptes mitgenommen werden sollen.

Murnau soll zu einer Fußgängerstadt entwickelt werden, die Radinfrastruktur bedarf einer Weiterentwicklung und der ÖPNV einer Attraktivitätssteigerung. Es braucht ein Parkleitsystem genauso wie innovative Mobilitätsangebote und eine allgemeine Verkehrsberuhigung, man soll auf erneuerbare Energien und einen „Bewusstseinswandel“ hin zur Nachhaltigkeit setzen. Außerdem sollen vorhandene Mobilitätsangebote vernetzt werden und es gilt, einen nachhaltigen Tourismus anzutreiben.

Worte wie „Fußgängerstadt“ und „Nachhaltigkeit“ dürften Dr. Josef Raabs (Grüne) Herz höher schlagen lassen. Auf das Konzept habe man nun lange gewartet, „fast wären wir ungeduldig geworden“, schmunzelt der Umweltreferent, der das Auto als „Glück und Verderben zugleich“ bezeichnet und glaubt, das Mobilität mit Blick auf Lebensqualität einen hohen Preis habe. Die Leitlinien betrachtet er jedoch kritisch, diese wolle er erst einmal zur Kenntnis nehmen. Das Auto als Verderben betrachten möchte Welf Probst (FWG) nicht. Wenn er auf die Verdrängung des Autos aus dem Ortszentrum blickt, erkennt er nicht allein eine Verlagerung des Verkehrs in die Nebenstraßen, sondern auch das Abwandern von Dienstleistern. Gegen eine Fußgängerzone sei er nicht, jedoch wolle er zum Nachdenken anregen. Man müsse gemeinsam handeln, „ohne jemanden hinauszustoßen“.

Ein fragendes Gesicht zieht derweil Beuting. „Ich finde es nicht ganz logisch, wenn wir die Leitlinien nicht beschließen“, so der Bürgermeister. Immerhin seien diese das Fazit der Erhebung. Gegen die Leitlinien hat auch Michael Manlik (ÖDP/Bürgerforum) per se nichts einzuwenden, nur die zeitlichen Zielsetzungen, die diesen noch angefügt sind, „können wir gerne weglassen, die sind mir zu sportlich“, sagt er und betont, wie wichtig der Ausbau der Radwege sei.

Seinem Fraktionskollegen Raab stärkt Hans Kohl den Rücken, als er seine Befürchtung äußert, mit dem Beschluss der Leitlinien gleich Arbeitspakete zu schnüren. „Wir leiten davon unmittelbar Aufgaben ab“, mahnt der Grüne. Diese Befürchtung teilt Phillip Zoepf nicht. „Ich glaube, wir können sie beschließen“, so der Mehr Bewegen-Fraktionssprecher. Schließlich habe man die Leitlinien in Auftrag gegeben, sie seien allgemein formuliert und offen gehalten. Das sieht auch die Mehrheit des Gremiums (12:6) so und stimmt dafür, die Mobilitätsleitlinien als Grundlage für die künftigen Planungen und Entscheidungen zu beschließen.

Das Klima wartet nicht

Als es im Anschluss um das weitere Vorgehen geht, sorgt die mögliche Schaffung einer neuen Teilzeitstelle in der Verwaltung für Diskussionen. In einem Beschlussvorschlag der Grünen sollen eine interne Projektleitung und eine Steuerungsgruppe mit der Planung und Umsetzung der Aufgabenpakete beauftragt werden. Undefiniert ist in der Formulierung aber, ob es sich bei der Leitung um eine vorhandene Position oder um eine neu zu schaffende Stelle, wie von der Verwaltung vorgeschlagen, handelt. Für Beuting ist aber klar, dass die 0,82-Bestandsstelle eine solche Leitung nicht leisten könnte.

Eine neue Stelle will Rudolf Utzschneider (CSU) nicht unbedingt schaffen, zumindest nicht sofort. „Wir müssen uns erst einmal klar werden, was wir machen“, mahnt er. Und obwohl Raab noch kurz zuvor meinte, nur „fast“ ungeduldig geworden zu sein, so scheint ihn doch schon ein Quäntchen Ungeduld zu plagen. „Das Klima wartet nicht“, sagt Raab und betont, dass man das Thema „nicht aus dem Nähkästchen bewerkstelligen“ könne.

Für das weitere Vorgehen in Sachen Mobilitätskonzept beschließt das Gremium letztlich, die Verwaltung mit der Erarbeitung der Maßnahmen zu beauftragen.

Des Weiteren soll eine auf zwei Jahre befristete 20 Stunden-Stelle für diese Aufgabe geschaffen werden, unter der Bedingung, dass diese Kapazitätserweiterung gefördert wird.

Von Antonia Reindl

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