Nestorin Ragnhild Thieler bricht in ihrer Rede Lanze für Kulturschaffende

Kultur steht »Wasser bis zum Halse«

Ragnhild Thieler, Stadträtin Weilheim.
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Ragnhild Thieler.

Weilheim – „Ein turbulentes Jahr geht für uns im Stadtrat und in unserer Stadt zu Ende“, begann Nestorin Ragnhild Thieler ihre diesjährige Rede in der Weihnachtssitzung.

„Wir sollten im Stadtrat immer wieder klarstellen, dass wir mit unseren Beschlüssen und durch unser Handeln hohe Verantwortung für den Bestand und die Weiterentwicklung unserer Stadt tragen“, so die BfW-Rätin. „Zu leicht vergessen wir in der täglichen Arbeit, welche Auswirkungen unsere Entscheidungen für die Gegenwart, in besonderem Maße aber auch auf weitere Sicht für die nachfolgenden Generationen haben.“ Grundsätzlich sei festzustellen, dass sich die Wahrnehmung von Politik spürbar verändert hat. „Die Menschen sind insgesamt kritischer geworden – gegenüber Entscheidungen, Entscheidungsprozessen und insbesondere gegenüber Parteipolitik.“ Die gewählten Vertreter würden versuchen, so gut es geht darauf einzugehen. Es sei ein legitimes Recht aller BürgerInnen, gegen Pläne und Entscheidungen der Stadt ihre Stimme zu erheben. Trotzdem müssten in den Stadtratssitzungen oft Entscheidungen getroffen werden, die nicht immer von jedem als richtig angesehen werden.

„Politik – so sagt der Soziologe Max Weber – ist das Bohren harter Bretter.“ Einige dieser „harten Bretter“ waren auch 2020 Thema: Ausbau der Kinderbetreuung, Verbesserungen der Mobilität, Bemühungen zu Klimaschutz und Artenschutz, Schaffung von bezahlbaren Wohnbau, Förderung des sozialen Wohnungsbaus. Über all diesen nur unvollständig angerissenen Themen würde die Frage nach der Finanzierbarkeit schweben. In vielen Bereichen konnten jedoch 2020 wichtige Weichen gestellt werden, jetzt gelte es weiterzuarbeiten und Entscheidungen umzusetzen.

Das Stadtratsjahr sei einschneidend von der Wahl und der Corona-Krise geprägt worden. Ihren Stadtratskollegen wünschte sie für ihre Tätigkeit „alles Gute, starke Nerven und Ausdauer.“ Wer sich für ein Amt in der Stadtratspolitik zur Verfügung stellt, der „möchte sich einbringen und etwas bewegen, möchte gute Politik machen für seine Stadt und sich einsetzen für die Gemeinschaft, in der wir alle leben.“ Das verdiene „unsere Anerkennung und unseren Respekt.“ Auf keiner anderen Ebene könne Politik so direkt und bürgernah umgesetzt werden.Das habe für Mandatsträger Sonnen- und Schattenseiten, „da politische Erfolge einerseits schnell spürbar, andererseits die Bürger ihre Kritik an politischen Entscheidungen auch direkt an die Verantwortlichen zurückspiegeln.“ Auch die neue Zusammensetzung des Rates habe sich in der Stadtratsarbeit bemerkbar gemacht. „Eine veränderte Diskussions- und Entscheidungskultur ist festzustellen.“ Heute würde ein Ergebnis, welches demokratisch gefunden wurde, nicht mehr ohne Weiteres akzeptiert, sondern es immer wieder mit neuen Argumenten in Frage gestellt werden. „Dadurch werden Sitzungen in letzter Zeit unnötig in die Länge gezogen“, kritisierte Thieler und machte weiter deutlich: „Ich bin sehr wohl für eine kontroverse Debatte, möchte in keinster Weise eine schnelle Abstimmung der einzelnen Tagesordnungspunkte und mir ist sehr wohl bewusst, dass es immer wieder Themenbereiche geben wird, zu denen Diskussionsbedarf besteht, der dann auch notwendig, berechtigt und erwünscht ist.“ Trotzdem erinnerte sie an die klaren Strukturen der Arbeitsweise: Neben den ersten Informationen aus den regelmäßig stattfindenden Besprechungen der Fraktionsvorsitzenden, der Arbeit in den jeweiligen Fraktionssitzungen, sollte die Vorarbeit mit allen Details in den Fachausschüssen – wenn notwendig unter Beteiligung von Sachverständigen – weiterhelfen, im Stadtrat die anstehenden Entscheidungen schneller zu treffen. Aber immer wieder würden weitere Erkenntnisse und Meinungen angesprochen, diskutiert und Verständnisfragen gestellt werden. „Wir sollten uns alle wieder etwas disziplinieren – das gilt übrigens auch für langjährig amtierende Stadträte – und der Bitte unseres Bürgermeisters nachkommen, uns gerade in Corona-Zeiten in den Stadtratssitzungen kürzer zu fassen.“

Die Krise mache starke Einschnitte im öffentlichen und privaten, im wirtschaftlichen und kulturellen Leben erforderlich. Durch die Einschränkungen der persönlichen Freiheiten wolle man die vom Virus besonders gefährdeten Gruppen – die Alten, Schwachen, die Hilfsbedürftigen – schützen. „Das ist die Hauptverantwortung einer aufgeklärten, menschlichen und demokratischen Gesellschaft“, stellte Thieler klar. Und weiter: „Gefragt sind jetzt Zusammenhalt und Menschlichkeit. Ja, allen Bedenkenträgern zum Trotz rücken die Menschen zusammen und das, obwohl sie sich räumlich isolieren müssen. Ein Sieg der Vernunft und der Solidarität!“

In ihrer Funktion als Kulturreferentin hatte die Stadträtin auch ein paar persönliche Worte zur Kulturszene zu sagen. „Im Land der Dichter und Denker steht der Kultur das Wasser bis zum Halse. Den Kulturschaffenden wird ihre Arbeitsgrundlage teilweise komplett genommen, ebenso den Bühnen- und Tontechnikern, Beleuchtern, Maskenbildnern und so weiter. Sie alle fallen durch das Raster der Hilfsprogramme.“ Trotzdem gebe es immer wieder Lichtblicke. Als gelungenes Beispiel für „die Innovationskraft der örtlichen Kulturschaffenden“ nannte sie das „Teatro Coronato“ und dankte Andreas Arneth und Yvonne Brosch dafür. „Und eine Bitte habe ich an Sie alle, sobald wir wieder grünes Licht bekommen, strömen Sie wieder zu den Theateraufführungen, besuchen Sie Ausstellungen und Konzerte, nutzen Sie das Angebot an Kunst und Kultur, bleiben sie den KünstlerInnen treu.“

Gerade in dieser Krise habe sich gezeigt: „Ehrenamtliche lassen sich von schwierigen Bedingungen nicht davon abhalten, für andere Menschen und für die Gesellschaft einzustehen.“ Sie würden keinen kurzfristigen Applaus, „sondern unsere langfristige Wertschätzung“ brauchen. Thieler dankte auch all denjenigen, „die in dieser schwierigen Zeit die Funktionsfähigkeit unserer Stadt aufrecht erhalten haben.“

„Dieses Jahr ist und war alles anders, auf vielen Ebenen ist sehr gute Arbeit geleistet worden, aber die Krise ist noch längst nicht bewältigt“, war sich Thieler sicher. Die Krise lege „die Stärken und die Schwächen unserer Gesellschaft offen.“ Sie würde aber auch zeigen, dass weder Politik noch Gesellschaft auf eine Krise dieses Ausmaßes ausreichend vorbereitet gewesen waren. „Trotzdem haben wir in dieser besonderen Zeit, auch in diesem Gremium, Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit bewiesen.“

An ihre Stadtratskollegen gewandt sagte Thieler: „Wir wollen weiterhin uns gemeinsam einsetzen für eine bürgernahe Politik und mit Maß, Vernunft und Abgewogenheit Entscheidungen treffen zum Wohle unserer Bürger. Wir müssen immer wieder den Mut haben, Perspektiven aufzuzeigen und neue Wege situationsbezogen umzusetzen. Gerade in unruhigen Phasen müssen wir den Menschen unverändert Halt, Sicherheit und Geborgenheit geben.“

Von Sofia Wiethaler

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