Erste Hilfe für die Seele

Notfallseelsorger helfen Menschen in emotionalen Ausnahmesituationen

Zwei Menschen spazieren
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Notfallseelsorger leisten Erste Hilfe für Menschen, die gerade eine nahestehende Person verloren haben.

Landkreis – Ein Mann erleidet zuhause einen Herzinfarkt. Eine Frau stirbt bei einem Verkehrsunfall. Ein junger Mensch begeht Suizid. In solchen Momenten ist der Einsatz von Rettungskräften wie Sanitätern oder der Polizei gefragt. Doch nicht nur die Opfer, sondern auch deren Angehörige brauchen Hilfe und Unterstützung. Dafür gibt es seit 18 Jahren die ökumenische Notfallseelsorge im Landkreis Weilheim-Schongau. 

14 Haupt- und Ehrenamtliche engagieren sich dort. Zudem arbeitet die Notfallseelsorge eng mit dem Kriseninterventionsteam (KIT) des BRK zusammen. Pfarrer Dirk Wollenweber aus Peiting ist seit 17 Jahren als Notfallseelsorger aktiv. Er und sein Team werden im Jahr zu rund 110 Einsätzen gerufen. „95 Prozent davon sind im innerhäuslichen Bereich“, erklärt Wollenweber.

Doch wie genau kann man Menschen helfen, die sich nach dem Tod eines nahestehenden Menschen in einer emotionalen Ausnahmesituation befinden? Grundsätzlich gehe es in dieser Akutphase darum, mit ganz einfachen Mitteln und ohne großen Aufwand die nächsten Schritte zu planen. „Wir gehen zunächst einmal hin und halten mit aus“, beschreibt Wollenweber die Aufgabe. Notfallseelsorger würden auf Menschen treffen, nachdem ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. „Wir helfen und begleiten die Menschen bei den ersten Schritten in ein plötzlich völlig verändertes Leben.“

Für Wollenweber die wichtigste Frage an die Betroffenen: „Wen wollen Sie jetzt informieren, der zu Ihnen kommt?“ Die Notfallseelsorger helfen dann herauszufinden, wer den Menschen in diesem Moment gut tut, wen sie bei sich haben wollen. Das kann ein guter Freund oder ein Verwandter sein.

Ebenfalls ein wichtiger Punkt sei die Wahrnehmung der Selbstwirksamkeit, wie Wollenweber weiter ausführt. „In einer Krise werde ich auf mich selber zurückgeworfen.“ Die Betroffenen empfänden häufig eine Handlungsunfähigkeit. Sie könnten selbst nicht helfen, müssten es dem Rettungsdienst überlassen. Auch die „Entprivatisierung“ sei ein Problem. Rettungskräfte und Polizei müssen in der Wohnung ein- und ausgehen. „Wenn dann die Seelsorge kommt, fragen wir zuallererst: ‚Darf ich reinkommen‘?“ Das sei ein ganz wichtiger Moment in der noch frischen Krise. Die Menschen können dann wieder selbst entscheiden, sie seien wieder „Herr über ihre Wohnung“, wie Wollenweber es ausdrückt.

Oftmals sind auch Kinder vor Ort, wenn die Notfallseelsorger eintreffen. Dann geht es in erster Linie darum, die Erziehungsberechtigten zu unterstützen. Grundsätzlich hätten Minderjährige und Erwachsene eine unterschiedliche Herangehensweise an eine Krise, wie Wollenweber erklärt. „Erwachsene glauben, sie hätten die Welt verstanden. Kinder wollen sie verstehen.“

Auch das Alter spielt eine entscheidende Rolle: „Ein Kind unter sechs Jahren wird die Tragweite des Geschehens noch nicht in vollem Umfang begreifen.“ Dementsprechend bestehe ein anderer Umgang mit solchen Situationen, als das bei einem Teenager der Fall sei. Die Notfallseelsorger kennen Anlaufstellen, an die sich Eltern mit ihren Kindern wenden können, um ihnen bestmöglich zu helfen.

Wie der Glaube hilft

Die Notfallseelsorge ist eine Akuthilfe. Wollenweber berichtet, dass sie in der Regel zwei bis drei Stunden vor Ort seien. Dennoch sind die Hilfesuchenden danach nicht allein. Die Notfallseelsorger haben Netzwerke und Ansprechpartner, die sich anschließend um die Menschen kümmern. Das können zum Beispiel Vereine oder auch Selbsthilfegruppen sein. Mit deren Vermittlung und quasi der Ersten Hilfe ist der Einsatz für die Notfallseelsorger abgeschlossen. Immer mal wieder gebe es hinterher noch Kontakt, wie Wollenweber sagt. Etwa durch einen Dankesbrief oder eine Spende. Tieferen Kontakt haben die Helfer jedoch nicht mehr: „Wir können gut auf Wiedersehen sagen, weil wir wissen, dass die Menschen nicht alleine sind.“ Über Gott seien sie zudem weiterhin verbunden.

Der Glaube ist etwas, das Wollenweber antreibt: „Es ist für mich ein christliches Selbstverständnis Menschen in Krisen zu begleiten.“ Es sei ein hohes Maß an Vertrauen, das man ihm bei seiner Arbeit entgegenbringe und „ich bin gerne bereit das zu tragen“, sagt Wollenweber über seine Motivation. Für ihn sei es ein großes Geschenk Menschen begleiten zu dürfen. Denn letztlich sei er davon überzeugt, dass viele nach einer Krise gestärkt wieder ins Leben hineinfinden.

Der Glaube ist nicht nur eine Motivation, sondern er scheint auch eine große Hilfe zu sein, wenn es um den Selbstschutz geht. Immerhin ist es freilich auch für die Helfer nicht immer leicht, mit dem Erlebten umzugehen. Wollenweber hilft es, sein Anliegen „vor Gott zu bringen“: „Ich habe mein Möglichstes getan. Jetzt bist du dran, Gott.“

Aber auch die Ausbildung spielt eine entscheidende Rolle, um mit dem Erlebten umgehen zu können. Wollenweber erklärt, dass die Notfallseelsorger in einer umfangreichen Ausbildung, die nach bundesweiten Standards abgehalten wird, lernen, sich ein Ritual anzulegen, um einen Einsatz bewusst abzuschließen. „Das kann zum Beispiel das bewusste Ablegen der Einsatzkleidung, ein Gebet, das Entzünden einer Kerze und auf jeden Fall das Schreiben eines Einsatzberichts sein.“

Regelmäßig gebe es auch Gruppen-Supervisionen, bei denen die Notfallseelsorger sich untereinander austauschen können. „Außerdem bin ich als Systemleiter auch immer ansprechbar“, ergänzt Wollenweber.

Selbst gefestigt sein

Notfallseelsorger zu sein ist eine emotional und seelisch anspruchsvolle Arbeit. Dementsprechend nennt Wollenweber als wichtigste Voraussetzung für die Helfer: „Der Mensch muss gefestigt sein.“ Oftmals gebe es Interessenten, die einen belastenden Moment in ihrem eigenen Leben nicht richtig verarbeitet hätten.

Eine weitere Voraussetzung ist die Mitgliedschaft in einer Kirche. „Wir missionieren nicht, aber wir werden von der Kirche ausgesandt. Wir kommen zu jedem, zu dem wir gerufen werden, egal welcher Religion oder Weltanschauung derjenige angehört. Das ist unser Auftrag.“ Zudem würden sie ein „kirchliches Plus“ mit in den Einsatz bringen. „Auf Wunsch beten wir mit den Betroffenen oder machen auch eine Aussegnung.“ Wobei Wollenweber dennoch betont, dass sie für alle Menschen da seien, unabhängig von ihrer Konfession oder ihrem Glauben.

Neben der persönlichen Eignung ist auch eine Ausbildung wichtig. Im fachlichen Teil werden die Interessenten unter anderem mit der Psycho-Traumatologie vertraut gemacht. Anschließend folgt eine lange Hospitationsphase. „Dabei ist man immer mit einem erfahrenen Notfallseelsorger bei den Einsätzen.“ Und erst wenn man diese Phase gemeistert hat, könne man laut Wollenweber selbst Verantwortung für einen Einsatz übernehmen. Wobei die Notfallseelsorger dennoch nie alleine unterwegs sind, sondern immer zu zweit. Teilweise mit ihren Kollegen vom KIT.

Bei Interesse an einer Mitarbeit bei der Notfallseelsorge ist das örtliche Dekanat eine gute Anlaufstelle. Auch das Kontaktformular im Internet auf der Seite der Notfallseelsorge Bayern kann genutzt werden.

Von Stephanie Novy

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