Zusätzliche Zwickelfahrten

Ortsbus omobi: Betriebsgebiet wird um Seehausen und Riegsee erweitert

Vor der Jungfernfahrt mit dem neuen Ortsbus: Robert Schotten (Omobi), Bürgermeister Rolf Beuting, Clement Deyerling (Omobi), Rainer Paschen (Seniorenbeirat).
+
Rund ein Jahr nach der Jungferfahrt (hier im Juli 2020) fährt der Ortsbus in Murnau fährt jetzt auch nach Seehausen und Riegsee.
  • vonAntonia Reindl
    schließen

Murnau – Genügend Platz für ein weiteres Fahrzeug ist gewiss in der großen Garage am Riegsee. Der Murnauer Ortsbus omobi, der für einen Zwickel pro Fahrt innerhalb der Gemeinde verkehrt, soll künftig auch durch Riegsee und Seehausen rollen. Der Erweiterung des Betriebsgebietes stimmte der Marktgemeinderat in seiner jüngsten Sitzung mit großer Mehrheit zu. Nach der Sitzung erheben sich jedoch kritische Stimmen aus der CSU-Fraktion. 

Kaum einer in Murnau hat den schwarzen Van mit weißer Aufschrift noch nicht rumkurven sehen. Nun soll das Mobil des Fahrservices omobi auch in Riegsee und Seehausen Personen von A nach B bringen, wie gehabt für gerade einmal zwei Euro pro Fahrt, unabhängig von der Dauer der Fahrt und der zurückgelegten Strecke. Montag bis Freitag zwischen 6 und 20 Uhr kann der Service, der sich telefonisch oder per App buchen lässt, bislang in Murnau in Anspruch genommen werden. Und er wird. Im Februar nutzten durchschnittlich 53 Personen am Tag den Ortsbus. „Bis jetzt lässt sich wieder ein Anstieg der Fahrgastzahlen beobachten, welcher bei gleichbleibender Kapazität voraussichtlich im Frühjahr zu deutlich erhöhten Wartezeiten und damit zu negativen Nutzererfahrungen führen wird“, heißt es in einer entsprechenden Vorlage in der jüngsten Marktgemeinderatssitzung. Mit der Anbindung weiterer Gemeinden bestehe laut ebendieser Vorlage nun aber die Möglichkeit, ebensolche negativen Nutzererfahrungen zu verhindern, indem die Kapazität sowie Qualität erhöht werden. Und auch eine „teilweise Gegenfinanzierung“ könne erreicht werden. Der Ansatz: Termine in zwei völlig unterschiedlichen Richtungen müssen nicht mehr nacheinander abgefahren werden, sondern können, dank zwei Fahrzeugen auf der Straße, gleichzeitig angefahren werden.

Kostenmäßig schaut es dabei aber nicht so rosig aus. Pro Fahrgast im Regelbetrieb zahlt die Gemeinde Murnau derzeit 4,77 Euro drauf. Schließen sich nun Riegsee und Seehausen an, so müssen sich diese selbstredend an den Kosten beteiligen. Die finanzielle Beteiligung soll sich nach den Einwohnerzahlen richten, wobei Murnau mit Abstand den größten Anteil (77,32 Prozent) tragen wird. Kritisch auf die Kosten blickt da Rudolf Utzschneider (CSU), der sich bei Josef Brückner nach den Finanzen erkundigt. Der Kämmerer rechnet durch und vor, wirft anfangs sechsstellige Defizite in den Raum und bezieht dann Fördergelder ein. Am Ende projiziert der Beamer Zahlen im fünfstelligen Bereich auf die Leinwand. Ein Zahlenvielerlei, das ein wenig Verwirrung um die tatsächlichen jährlichen Defizite zu stiften vermag. Am Ende meint Brückner mit Blick auf die Mehrkosten, dass man für diese aber auch mehr Busse und einen Qualitätsgewinn bekomme. Abgesehen davon bestünde noch die Möglichkeit, den Landkreis an den Kosten zu beteiligen, so Brückner.

Eine kleine Zahlenlawine, welche die meisten Gemeinderäte nicht zu überrollen scheint. Die Mehrheit stimmt für die Erweiterung, wobei omobi mit dem dauerhaften Einsatz eines weiteren Fahrzeuges beauftragt werden und die Verwaltung entsprechende Vereinbarungen mit den Gemeinden und dem Landkreis schließen soll. Nur einer sticht bei der Abstimmung aus der Menge. Franz Neuner (CSU), der seine Hand für ein Nein erhebt – und etwas erstaunt wirkt, die einzige Gegenstimme zu sein.

ÖPNV ‒ aber ökologisch

Am Tag nach der Marktgemeinderatssitzung erklärt Neuner, warum er gegen eine Erweiterung des Ortsbus-Betriebsgebietes unter Einsatz eines zweiten Fahrzeugs gestimmt hat. Er spricht sich klar für den ÖPNV aus, jedoch müsse dieser von ökologischem Mehrwert und auch ökonomisch sein. Beides sieht er im Falle des Ortsbusses nicht gegeben. Es sei ein Defizitbetrieb, dessen Kosten mit öffentlichen Geldern niedriger gerechnet werden. Und während der „Luxusvan mit 2,5 Tonnen“ herumfahre, bleibe so manch‘ sparsamerer Kleinwagen in der Garage stehen, erklärt Neuner sein einsames Nein.

Doch auch fast eine Woche nach der Sitzung lässt Neuner das Thema nicht los. Gemeinsam mit seinem Fraktionskollegen Josef Bierling geht er noch einmal die Zahlen durch. Auch Bierling betont, nicht gegen den ÖPNV zu sein. Doch zweifelt er, wie auch Neuner, an, dass das omobi-System wirklich bedarfsorientiert ist. Auch wenn der Fahrservice gut angenommen werde, dieser „ist einfach zu teuer“, findet Bierling und erläutert die Zahlentabellen des Kämmerers. Für den Kunden ist eine Fahrt günstig, wohl aber nicht für den Bürger. Denn die staatlichen Fördergelder, die bei der Defizitermittlung miteingerechnet werden und das Minus sinken lassen, „sind für mich auch Steuergelder“, betont Bierling. Neuner nickt. Er blickt aber nicht allein auf die breite Masse, sondern auch auf einzelne, auf die Taxifahrer, deren Geschäft von omobi beeinflusst werde. „Wir machen bestehende Unternehmen kaputt“, glaubt Neuner, der eine Zahl jenseits des Defizits nicht unerwähnt lassen möchte: Die Gemeinde habe dem Unternehmen omobi damals auch noch eine „Startspritze“ von 50 000 Euro für die Erstausstattung gegeben.

Gemäß Bierlings Nachrechnungen belaufe sich das Gesamtdefizit im ersten Betriebsjahr auf 335 235,24 Euro. Abzüglich staatlicher Förderungen in Höhe von 238 000 Euro ergebe sich somit für den Markt Murnau ein tatsächliches Defizit von 97 735,24 Euro. „Dieses Defizit bereinigt um den dreimonatigen Wochenendbetrieb und dem Kulturknallwochenende ergibt ein rechnerisches Defizit von 50 621,24 Euro“, so Bierling. Im zweiten Betriebsjahr, in dem nun Seehausen und Riegsee mit eingebunden werden, errechnet Bierling ein Gesamtdefizit von 379 990 Euro. Berücksichtige man eine staatliche Förderung von insgesamt 194 000 Euro, die Zuschüsse fallen laut Bierling im zweiten Jahr geringer aus, so müsse die Gemeinde mit einem Defizit von 185 996 Euro rechnen. Wobei, nicht ganz, denn abzüglich der Kostenanteile, die Seehausen und Riegsee zu tragen haben, müssten auf den Markt Kosten in Höhe von 143 811,46 Euro zukommen. Blickt Bierling dann noch auf die Beförderungsentgelte (rund 26 600 Euro im ersten Jahr, angenommene 35 000 Euro im zweiten Jahr) und vergleicht diese mit den jeweiligen Gesamtkosten, so hebt er die geringe Kostendeckung von 7,36 Prozent beziehungsweise 8,43 Prozent hervor. „Das System ist eine Luxuslösung“, resümiert Bierling angesichts solcher Zahlen. (Die angegebenen Zahlen sind Nettobeträge.)

Bilder, Videos und aktuelle Ereignisse aus Ihrer Heimat: Besuchen Sie den Kreisboten Weilheim-Schongau auch auf Facebook.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Bündnis für Menschlichkeit Starnberg Weilheim-Schongau stellt sich vor
Bündnis für Menschlichkeit Starnberg Weilheim-Schongau stellt sich vor
Eselfarm Pähl: Diskussion geht weiter
Eselfarm Pähl: Diskussion geht weiter

Kommentare