40 000 Besucher im Jahr

Pähler Schlucht: Immer wieder Rettungseinsätze im Naturschutzgebiet

Pähler Schlucht
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Trotz offensichtlicher Gefahren ist die Pähler Schlucht begehrtes Ausflugsziel für Tausende von Besuchern. Attraktion ist der Wasserfall mit 16 Metern freier Fallhöhe.
  • Dieter Roettig
    VonDieter Roettig
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Pähl – Der zum Teil halsbrecherische Weg zum Wasserfall durch das Naturschutzgebiet Pähler Schlucht wird zum Problemfall. Immer wieder verletzen sich ungeübte Wanderer beim Übersteigen umgestürzter Bäume, rutschen auf gerölligem nassen Untergrund aus oder platschen wegen unpassendem Schuhwerk in den Bach. Zum Teil braucht man pfadfinderische Fähigkeiten für den abenteuerlichen Marsch durch den Schluchtwald nördlich der B 2 und östlich des Hochschlosses Pähl.

In Unkenntnis der Gefahren scheint ein Ausflug in die Pähler Schlucht gerade in Corona-Zeiten besonders reizvoll. Woche für Woche wälzen sich zahlreiche Menschen teils bar jeder Vernunft und Rücksichtnahme durch das Naturschutzgebiet und spielen „Indiana Jones“. Viele mit kleinen Kindern, ohne wetterfeste Kleidung oder nur mit Straßenschuhen. Bürgermeister Werner Grünbauer schätzt die Zahl der Besucher heuer auf rund 40 000: „Die Schlucht ist mittlerweile ein Ort der Begierde insbesondere unserer städtischen Bevölkerung geworden!“

Immer wieder kommt es dabei zu Unfällen mit teils schweren Verletzungen, bei denen zu den Rettungssanitätern auch die Weilheimer Bergwacht anrücken muss. In den letzten Wochen gab es sogar fünf Hubschrauber-Notarzteinsätze. So eine Bergung ist mitunter recht gefährlich wegen der benötigten Maximallänge des Seils und möglichem Astbruch durch den Luftabtrieb. Im Bergesack wird der Patient mit der Seilwinde zum Hubschrauber aufgewincht und nach Murnau in die Unfallklinik geflogen.

Grünbauer wurmt neben dem Leichtsinn der Besucher besonders, dass aus Sicherheitsgründen angebrachte Sperrungen einfach beseitigt oder sogar durchgesägt werden: „Die Leute halten sich an gar nichts, was zu brenzligen Situationen führt.“ Der gesunde Menschenverstand müsse ausreichen, dass es zum Beispiel unter dem Wasserfall gefährlich ist. Grünbauer erinnert an den Felssturz vor zwei Jahren, der einem Jungen hier fast zum Verhängnis geworden ist. Über dem Wasserfall hatten sich rund fünf Kubikmeter Felsen, Steine, Geröll und Erde gelöst und waren in die Tiefe gestürzt. Der Bub wurde gottlob nur gestreift und leicht verletzt.

Die Gemeinde Pähl ist auch enttäuscht von der Regierung von Oberbayern, die immer noch keinen Bescheid zur Wiederherstellung der Wege in der Schlucht erlassen hat. Darum werde die Rettung verletzter Wanderer erheblich erschwert. Nachdem 2002 ein Hochwasser den Weg durch die Pähler Schlucht teilweise weggespült hatte, würde die Gemeinde die Wege bis zum Wasserfall gerne sanieren. Das 2014 bei der Regierung eingereichte Konzept stieß aber bis dato auf Ablehnung, da es sich um ein Naturschutzgebiet handelt. Im vorderen Teil der Schlucht könne man sich zwar einen Rundweg vorstellen, nicht aber im steilen hinteren Bereich. Wenn man diesen Weg gegen Steinschlag, Astbruch oder umstürzende Bäume sichern müsste, wäre das ein zu großer Eingriff in die Natur. Trotz der Gefahren im hinteren Teil hat sich hier in Laufe der Jahre ein Trampelpfad zum Wasserfall entwickelt.

Dagegen hat die Regierung angeblich nichts und verweist auf das „Betretungsrecht der freien Natur.“ Der Bürgermeister hat trotzdem zumindest eine Absicherung des Wasserfalls vorgenommen, damit die Wanderer nicht mehr so leicht zu nahe hinkommen. Seitens der Höheren Naturschutzbehörde Oberbayern wollte man eigentlich längst „den überbordenden Besucherandrang an mehreren schönen Tagen beobachten und auswerten“.

Viele „echte“ Naturfreunde verstehen nicht, dass Fremdenverkehrsverbände, Alpenverein oder Volkshochschulen so explizit auf die Pähler Schlucht aufmerksam machen. Sogar Stoßzeitendiagramme für die Ausflugsplanung findet man im Internet. Im Waldreport des Naturschutzvereins werde angeblich von „einem Erholungsraum für Tausende“ geworben.

Aber es gibt auch Warnungen im Netz. Ein User schreibt: „Ich kann nicht verstehen, dass das als Ausflugsziel für die ganze Familie empfohlen wird. Die Wege sind durch umgestürzte Bäume blockiert und wenn man den Bach kreuzen will, muss man entweder durch das Wasser laufen oder halsbrecherisch über rutschige Bäume balancieren.“ In einem anderen Erfahrungsbericht heißt es: „Natur pur. Umgestürzte Bäume muss man umgehen, übersteigen oder unten durch. Für Senioren und Kinder unter zehn Jahren kann es beschwerlich sein.“

In einem Brandbrief an den Kreisboten schreibt ein besorgter Leser: „Die Pähler Schlucht ist Privatbesitz, Naturschutzgebiet, lebensgefährlich und kein Abenteuerspielplatz. Sie sollte mitnichten ein Erholungsraum für Tausende sein.“ Es sei dringend notwendig, endlich eine Lösung zu finden, diesem hier beispielhaften „Overtourismus“ Einhalt zu bieten.

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