41 Anlieger entlang der Bachstraße bringen in "Offenem Brief" ihren Unmut zum Ausdruck

IG Hochwasserschutz contra Gemeinde

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2016 kam es infolge von Hochwasser zu massiven Schäden in Peißenberg.

Peißenberg – 2016 wurden die Anwohner der Peißenberger Bachstraße und der seitlichen Nebenstraßen gleich zweimal schwer vom Hochwasser getroffen.

Die Starkregenfälle sorgten für Millionenschäden und hinterließen nicht nur finanziell tiefe Spuren. Bei den Anliegern grassiert seitdem die ständige Angst vor neuerlichen Überflutungen – gerade jetzt in der Gewitter-Saison. Inzwischen haben sich 41 Anlieger zu einer Interessensgemeinschaft zusammengeschlossen. Die IG „Hochwasserschutz“ wirft der Marktgemeinde nun in einem „Offenen Brief“ schwere Versäumnisse vor: So habe es die Kommune schlichtweg unterlassen, die Baumaßnahmen für einen effektiven Hochwasserschutz konsequent voranzutreiben.

Verfasserin des Briefs, der an Bürgermeisterin Manuela Vanni und den Gemeinderat adressiert wurde, ist Anni Hofstetter-Kerndl. Gemeinsam mit ihrem Gatten wohnt die Rechtsanwältin in der Bachstraße an besonders exponierter Stelle – nämlich genau dort, wo die Verrohrung des Michels- in den Wörthersbach mündet. Das Ehepaar fährt nur noch getrennt in den Urlaub. Ein Familienmitglied ist in ständiger Alarmbereitschaft, um im Ernstfall die fünf Meter breite Hauseinfahrt mit Spundwänden zu verbarrikadieren. Viel Zeit bleibt dafür nicht: „Das Wasser kommt in einem Tempo, das kann man sich nicht vorstellen. 2016 waren es jeweils vom ersten Regentropfen bis zur Überflutung maximal 20 Minuten“, erzählt Hofstetter-Kerndl. Die Nerven bei den Anliegern liegen dementsprechend blank – vor allem deshalb, weil ihrer Meinung nach in den vergangenen beiden Jahren keine grundlegenden Verbesserungen in puncto „Hochwasserschutz“ erzielt wurden. Dass die Planverfahren unter anderem für den Bau eines Regenrückhaltebeckens am Recyclinghof aufgrund diverser bürokratischer Hürden so lange dauern, das kritisiert die IG übrigens nicht: „Das kennen wir Bürger schon lange. Wir nehmen es als Tribut an den demokratischen Rechtsstaat auch hin“, heißt es in dem „Offenen Brief“. Allerdings sei mit den Planungen selbst viel zu spät begonnen worden. Bereits 2008 habe das Wasserwirtschaftsamt darauf hingewiesen, dass Peißenberg nicht ausreichend gegen Hochwasser geschützt sei. „Und was hat man in der Gemeinde gemacht? Offensichtlich nichts oder zumindest viel zu wenig, denn sonst hätte es 2016 nicht zu diesen riesen Schäden kommen können“, moniert die IG in ihrem Schreiben. Bei rechtzeitigem Planungsbeginn wären die Bauten „mit großer Wahrscheinlichkeit“ trotz der bürokratischen Hürden schon vor 2016 fertig gewesen. Noch dazu, wo der Freistaat Bayern Hochwasserschutzmaßnahmen mit 65 Prozent bezuschussen würde.

Was Hofstetter-Kerndl zudem „wahnsinnig stört“, ist die ihrer Ansicht nach „nicht vorhandene Kommunikation“ mit dem Rathaus: „Es muss endlich Ehrlichkeit herrschen. Aber wir Anlieger erfahren gar nichts oder gelegentlich etwas aus der Presse. Man hat uns nicht mal das Hochwasserschutzkonzept erläutert.“

Und wie reagiert man im Rathaus auf den „Offenen Brief“? „Es kann uns keiner vorwerfen, dass wir nichts tun“, kontert Bürgermeisterin Manuela Vanni. Natürlich sei die Gemeinde für den Hochwasserschutz zuständig, aber ihr allein den „Schwarzen Peter“ zuzuschieben, sei nicht gerechtfertigt. „Wenn wir wirklich nichts machen würden, dann wären wir in der Haftung“, erklärt Vanni. Aber der Hochwasserschutz sei eben im Zuge des Klimawandels mit immer häufiger auftretenden Starkregenfällen schwieriger geworden. Auch dürfe die Gemeinde nicht auf die Schnelle „irgendwelche Provisorien“ bauen: „Wir sind an gesetzliche Verfahren gebunden“, so Vanni. Dass man das Hochwasserschutzgutachten für den nördlichen Ortsteil noch einmal habe nachrechnen lassen, sei im Übrigen absolut richtig gewesen: „Damals hat es keiner geglaubt, dass das Wasser wirklich bis zur Ebertstraße fließen kann.“ Nun brauche man ein Konzept, das allen Anliegern am Wörthersbach gerecht werde. Der Stand der Planungen für „Peißenberg-Nord“ werde in der Juli-Sitzung im Marktrat präsentiert.

Ob das die IG besänftigen wird? Wohl kaum. Eine zeitliche Richtmarke für die Umsetzung der im Norden geplanten Hochwasserschutzbauten gibt es bis dato nicht. Die IG fordert stattdessen Sofortmaßnahmen. Unter anderem sollen nach Meinung von Hofstetter-Kerndl die kleinen, größtenteils privaten Stege über den Wörthersbach entlang der Bachstraße verschwinden. Die „Bequemlichkeitsbrücken“, wie sie Hofstetter-Kerndl nennt, würden erheblich zum Rückstau beitragen. Das habe das Wasserwirtschaftsamt in einem Gespräch bestätigt: „Da wäre es jetzt die Aufgabe der Gemeinde, mit den Eigentümern zu reden.“ Der Hochwasserschutz müsse schließlich auch auf die Interessen der Bach-Oberlieger Rücksicht nehmen. „Wir können nicht der Überflutungspolder für die Unterlieger sein“, so Hofstetter-Kerndl – für sie ist jedenfalls klar: „So kann es nicht weitergehen.“

Von Bernhard Jepsen

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