Mariae Himmelfahrt bei Lichtinstallation bis auf den letzten Platz gefüllt

Kunstgeist in der Kirche

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Farben, Formen, Strahlen, Figuren und Wörter, die flüchtig durch den Raum huschen. Beim Herausgehen waren sich viele der Besucher einig: So haben sie ihre Kirche noch nie erlebt.

Weilheim – Es ist Donnerstag kurz vor 21 Uhr. Obwohl kein Gottesdienst stattfindet, sind die Bänke in der Stadtpfarrkirche Mariae Himmelfahrt so voll, wie es sonst wohl nur an hohen Feiertagen der Fall ist. Immer mehr Menschen drängen in das Gotteshaus. Sogar die Stehplätze werden langsam knapp. Alle wollen sie sehen, die neueste Lichtinstallation von Philipp Geist.

Der brachte bereits in der ganzen Welt Denkmäler, Paläste, Gebäude und Plätze zum Leuchten. Doch auch nach Weilheim zieht es den Künstler immer wieder. Hier ist er aufgewachsen. Hier fühlt er sich immer noch wohl. Zwar lebt er seit 1999 in Berlin, dennoch kehrt er mit seiner Kunst auch gerne in seine Heimat zurück.

Geist ist an diesem Abend unscheinbar. Trotz seiner Bekanntheit ist er bescheiden geblieben. Komplett schwarz gekleidet ist er fast unsichtbar in der kleinen Nische, die für ihn mit weiß-rotem Absperrband hinten in der Kirche freigehalten wird. Ganz ruhig sitzt er auf einem einfachen Holzstuhl an einem kleinen Tisch. Nur das Licht des Monitors, das auf sein Gesicht scheint, macht ihn sichtbar. Konzentriert und leicht nach vorne gebeugt blickt er auf den Bildschirm, der vor ihm steht.

Kunst in der Kirche. Hier muss Fingerspitzengefühl bewiesen werden, damit es keine Beschwerden gibt. Geist hat sich ein passendes Konzept überlegt. In der Münchener Theatinerkirche begeisterte der 39-Jährige Tausende Besucher mit einem ähnlichen Projekt. Doch keine seiner Lichtinstallationen gleicht der anderen.

Worte und Sätze schweben in verschiedenen Farben durch den Raum. Mal riesig, mal ganz klein. „Hoffnung“, „Kinder“, „Seelenfreund“, „Trost in Leid und Tod“, „Komm herab, Heil‘ger Geist“. Doch Geist meint damit natürlich nicht sich selbst, sondern beschäftigt sich in seiner Installation mit Pfingsten und der biblischen Geschichte. Auch Textfragmente auf Latein sind dabei. Dazwischen bunte Gitter, fliegende Tauben, flackernde Flammen oder die bekannte Jesusstatue aus Rio de Janeiro. Die Grenzen zwischen Altar, Wänden, Decke und Bänken verschwimmen. Alles ist eingehüllt in farbiges Licht, das ein andächtiges Gefühl erzeugt.

Fast 20 Jahre ist es her, dass Geist mit einer Ausstellung in einem Wald nahe Weilheim die ersten Schritte in der öffentlichen Kunstszene machte. Auch die Fotografie gehört zu den Ausdrucksformen, die er gerne wählt. Doch in Weilheim zählt nur eins: die Lichtkunst. Inspiriert durch die Installationen von Geist soll im nächsten Jahr sogar ein eigenes Lichtkunstfestival ins Leben gerufen werden (wir berichteten).

Es ist still um den Künstler herum. Zwischen ihm und der Heiligenstatue an der Wand brummen nur die drei Beamer, aus denen die Lichtstrahlen in den Raum projiziert werden. Aus den Lautsprechern weiter vorne schallen mystische, fast schon meditative Geräusche, die sich genauso schnell im Gewölbe der Kirche verflüchtigen wie die eng verwobenen Lichtpunkte.

Geist könnte es sich einfach machen – alles vorbereiten und dann nur noch einen Knopf zum Abspielen drücken. Doch das würde seinem künstlerischen Anspruch widerstreben. Zwar habe er zahlreiche einzelne Elemente vorgefertigt, erzählt er einer begeisterten Zuschauerin, die gleich nachdem der Applaus abgeklungen ist, auf ihn zustürmt, doch vor Ort werde alles mit der Architektur und passend zum Ambiente gemischt. Er malt spontan, ganz ohne Leinwand und ohne Farbe. „Alles live. Das macht ja den Reiz aus.“

Von Ursula Gnadl

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