Landratskandidaten stellen sich auf Podium

Ist Inklusion angekommen?

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Auf dem Podium stellten sich (v.li.) Dr. Friedrich Zeller, Andrea Jochner-Weiß, Karl-Heinz Grehl, Wofgang Taffertshofer und Susann Enders den Fragen von Anita Read. Im Vordergrund wurde der ganze Abend von einer Gebärden-Dolmetscherin übersetzt. Von den Besuchern würden 37,72 Prozent Enders, 19,77 Prozent Grehl, 19,16 Prozent Zeller, 12,57 Prozent Jochner-Weiß und 10,78 Prozent Taffertshofer wählen.

Weilheim – Susann Enders hat die Nase im Kampf um den Landratsposten vorne – zumindest wenn man das Ergebnis betrachtet, das beim Probewahlgang nach der Podiumsdiskussion des Beirats für Menschen mit Behinderung am Freitag in der Stadthalle herauskam.

Schon eine viertel Stunde vor Beginn wurden die Sitzplätze knapp. Also halfen mehrere Wartende zusammen, um noch schnell ein paar mehr Tische und Stühle aufzubauen. Peter Pabst, der den Abend organisiert hatte, fiel beim Anblick der rund 400 Besucher ein sichtlicher Stein vom Herzen.

Bevor die Diskussion dann aber losging, kam ein ganz besonderer Appell von Hans Biehler. „Früher wurden wir als geistig behindert bezeichnet. Das gefällt uns aber nicht so gut“, begann er seine kurze Ansprache. Da er aber mit komplizierten Sätzen Probleme habe, bat er die Anwesenden, Fragen und Antworten in leicht verständlicher Sprache zu formulieren. „Es liegen gelbe Kärtchen auf den Tischen, die jeder heben kann, wenn er etwas nicht versteht“, erklärte Biehler den Besuchern.

Schließlich konnte die erste Fragerunde beginnen. Anita Read führte gekonnt in das Thema ein. Zunächst fragte sie die Kandidaten, ob sie denn künftig mit oder über Menschen mit Behinderung reden würden. Landrat Dr. Friedrich Zeller (SPD) betonte, dass während seiner Amtszeit bereits viel getan und dabei auch Wert auf die Teilhabe gelegt worden sei.

„Die meisten reden in Ehrfurcht darüber, aber haben keine Ahnung vom Leben mit einer Behinderung“, zeigte sich auch Susann Enders (Freie Wähler) verständnisvoll und sprach sich für den weiteren barrierefreien Ausbau an vielen Stellen aus. „Ignoranz kann man nicht akzeptieren“, sagte sie kämpferisch.

Wolfgang Taffertshofer (BfL) hob hervor, dass er auf seinem Hof therapeutisches Reiten anbiete und dass er auch selbst eine „Inklusionsschülerin“ beschäftige.

Karl-Heinz Grehl (Grüne) erklärte, dass die UN-Behindertenrechtskonvention ein Grundrecht und daher nicht diskutabel sein. „Viele wissen nicht, was Inklusion ist.“ 

Andrea Jochner Weiß (CSU) gab sich visionär und wünschte sich einen Landkreis, in dem „alle die gleichen Chancen haben“. 

Nach der Eröffnungsrunde wurde es konkreter. Read stelle kritisch einzelne Fragen direkt an die Kandidaten und hakte nach, wenn ihr die Antworten zu schwammig waren.

Bezüglich Verbesserungen an Schulen antwortete Jochner-Weiß, dass einige Maßnahmen schon umgesetzt worden seien. Zeller erläuterte, dass eine Schule nach der anderen saniert werde – natürlich barrierefrei. Taffertshofer – eines seiner Kinder geht auf eine Förderschule – monierte vor allem, dass die Zuständigkeiten bei der Bezahlung eines Schulwegbegleiters unklar seien und Eltern nicht genug darüber informiert würden. Nach der ersten Hälfte der Veranstaltung ergab das „Politbarometer“ durch Umfrage, dass Enders die meisten Besucher (32,2 Prozent) überzeugen konnte.

In der zweiten Hälfte durften dann vor allem die Zuschauer ihre Fragen stellen. Zunächst ging es aber um die Behindertenbeauftragte und deren Stundenpensum. Momentan sind 125 Stunden im Jahr angesetzt. Dass das zu wenig ist, um sich ausreichend um die Belange der Menschen mit Behinderung im Landkreis zu kümmern, darauf konnten sich alle Kandidaten einigen. Enders schlug eine „bedarfsgerechte Finanzierung“ vor und erntete Applaus. „Mindestens einen Tag die Woche“ hält Grehl für notwendig. „Über 400 Stunden fallen schon an, wenn man die minimalsten Pflichtaufgaben erledigt“, sprach Pabst aus seiner Erfahrung. Zeller verdeutlichte daraufhin, wie der Vertrag und die Stundenzahl zustande gekommen sind. Mehr Stunden würden auch eine höhere Kreisumlage bedeuten und so appellierte er an die Gemeinden, selbst aktiv zu werden. Dennoch sprach er sich dafür aus, die Thematik nochmals im Kreistag zu behandeln.

Auch in Sachen Gebärden- und Schriftdolmetscher für öffentliche Sitzungen des Landratsamtes ließen sich die Kandidaten von Read festnageln. Egal, wer die Wahl gewinnt, alle versprachen, sich darum zu kümmern, wenn der Bedarf da sei.

Nach der Diskussion war festzustellen, dass sich jeder in seine persönliche Rolle eingefügt hatte. Enders überzeugte durch ihr Wissen im sozialen Bereich und sammelte so Sympathiepunkte, Jochner-Weiß war eher zurückhaltend, gab sich aber menschlich und verständnisvoll, obwohl sie in der Thematik nicht sehr sattelfest schien. 

Zeller wollte durch Erfahrung und bisher Erreichtes die Wähler auf seine Seite ziehen. Taffertshofer wirkte bodenständig und durch die eigene Erfahrung nahe zu den Menschen mit Behinderung. Grehl gab auf dem Podium den temperamentvollen Kämpfer, der die Aussagen seiner Mitstreiter immer wieder infrage stellte.

Thema Teilhabe

„Die Teilhabe darf nicht zerredet werden, sondern muss umgesetzt werden.“ (Susann Enders)

„Es ist nichts passiert.“ (Karl-Heinz Grehl)

„Es ist wichtig, was rauskommt. Vieles liegt beim Landrat.“ (Friedrich Zeller)

„In zehn Jahren sind Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen inkludiert (zitiert aus der Teilhabeplanung. Anm. d. Redaktion). Das ist ein ehrgeiziges Ziel, aber es wäre schön.“ (Wolfgang Taffertshofer)

„Wir müssen die Gemeinden an die Hand nehmen und gemeinsam handeln.“ (Andrea Jochner Weiß)

Von Ursula Gnadl

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