Podiumsdiskussion zur Situation der Asylbewerber im Oberland

Von "großer" Politik im Stich gelassen

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Kritischer Austausch, unterschiedliche Blickwinkel und besorgte Mienen. Auf dem Podium saßen v.li.: Alfred Honisch, Markus Loth, Moderator Lui Knoll und Andrea Jochner-Weiß. Nicht auf dem Foto sind Sahazad Kuram und Jost Herrmann.

Weilheim – Die Flüchtlingskrise ist allgegenwärtig. Kommunen und Landkreise fordern mehr Unterstützung von der Bundespolitik. Laufend korrigierte Zahlen und Meldungen verunsichern die Bürger. Antworten auf viele Fragen gab es auf einer gut besuchten Podiumsdiskussion im „Haus der Begegnung“ in Weilheim.

„Hier wird nicht wüst beschimpft“, hatte Moderator Lui Knoll als Spielregel ausgegeben. Polemische Äußerungen waren in der zweistündigen Veranstaltung kaum zu hören, dafür standen die politischen Entscheidungsträger in Berlin und Brüssel im Kreuzfeuer der Kritik. Im Publikum wurden Zettel herumgereicht, auf welchen die Besucher ihre Fragen notieren konnten. Zu Wort kamen auch Vertreter von Gesundheitsamt und Polizei.

„Medizinisch bestens untersuchte Gruppe“

Eine Infektionsgefahr, zerstreute Dr. Karl Breu diesbezügliche Ängste, gehe von den Asylbewerbern nicht aus. Sie seien vielmehr „die medizinisch bestuntersuchte Gruppe in Deutschland“, stellte der Leiter des Gesundheitsamtes klar, das für die Erstuntersuchung zuständig ist. Unter den Asylbewerbern wurden heuer 32 Hepatitis B-Fälle registriert und ein Mann positiv auf HIV getestet. Einen an TBC erkrankten Flüchtling gab es nicht. Breu berichtete aber von „einigen Einheimischen mit offener TBC“. In der Penzberger Erstaufnahme ließ sich der Großteil der Flüchtlinge impfen, führte Breu aus. Schwierig gestaltete sich aufgrund der Verständigungsprobleme die Aufklärung, zu der die Mediziner verpflichtet sind.

Bürger fühlen sich nicht mehr so sicher

Harald Bauer, Leiter der Weilheimer Polizeiinspektion (PI), ging auf die jüngsten Vorfälle in der Penzberger Erstaufnahme und in Schongau ein, wo es unter den Flüchtlingen zu Auseinandersetzungen gekommen war. Der PI-Chef berichtete von „schwierigen Einsatzsituationen, bei denen häufig Messer und Alkohol im Spiel sind“. Das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger hat abgenommen, beobachtet der Inspektionsleiter mit Sorge. Die Einsatzstatistik der Polizei belegt dieses Gefühl jedoch nur bedingt. Im Sommer hatten sich junge Frauen am Dietlhofer See von Asylbewerbern sexuell belästigt gefühlt. Zu strafbaren Handlungen, so Bauer, sei es nicht gekommen.

Ungeklärte Zuständigkeiten

Bis Ende Dezember wird die Zahl der Asylbewerber im Landkreis voraussichtlich auf 2200 Personen ansteigen. Für Landrätin Andrea Jochner-Weiß ist deshalb die Suche nach Wohnraum für die neu zugewiesenen Flüchtlinge das beherrschende Thema. Bezahlt wird die ortsübliche Miete und nicht mehr, schob sie unseriösen Angeboten einen Riegel vor. Der Landkreis mietet auch einzelne Zimmer an. Die Landrätin wie auch Bürgermeister Markus Loth beklagten die ungeklärten Zuständigkeiten zwischen Landkreis und Kommunen und nahmen Gemeinden, die noch keine Asylsuchenden aufgenommen haben, erneut in die Pflicht. „Das Schlimmste ist, wenn wir Turnhallen belegen müssen“, sagte Jochner-Weiß. Die Idee, nach der Orla in Weilheim Ausstellungszelte in Flüchtlingsherbergen umzufunktionieren, ist nach den Verhandlungen mit dem Messeveranstalter gescheitert. „Wir sind preislich nicht zusammengekommen“, bedauerte die Landrätin. Neben der logistischen Herausforderung ist der Landkreis auch finanziell gefordert, so dass geplante Projekte zurückgestellt werden müssen. „Viele Abteilungen im Landratsamt sind mit dem Flüchtlingsthema befasst, wir brauchen zusätzliches Personal“, informierte Jochner-Weiß. Der Landkreis könne weitere Asylbewerber aufnehmen, „aber nicht in dieser Geschwindigkeit“. Anstatt der geforderten Asylgipfel hält es die Landrätin für klüger, sich mit den Bürgermeistern zu Workshops zu treffen. Ihr Stellvertreter Karl-Heinz Grehl brach eine Lanze für die Zuwanderung: Schon jetzt seien im Landkreis viele Ausbildungsstellen unbesetzt geblieben, begründete er dies.

Loth: „Alle Bürger gleich behandeln“

Weilheims Bürgermeister sprach ein weiteres Problem an: Sind die Flüchtlinge anerkannt, muss die Stadt für sie Wohnungen und die Infrastruktur, wie Kindergärten und Schulen, vorhalten. Auch unter den Weilheimern gebe es Bedürftige. „Wir müssen alle gleich behandeln“, forderte Loth, sonst gerate der soziale Frieden in Gefahr. „Die (übergeordnete Anm.d.Red.) Politik lässt uns im Regen stehen“, echauffierte sich Loth. Im Landkreis leben aktuell 37 anerkannte Asylbewerber.

Bis zur Anhörung kann es Jahre dauern

Die Integration beginnt laut Stadtrat Alfred Honisch dann, wenn der Asylbewerber einen Bleibestatus hat. In groß dimensionierten Unterkünften ohne jegliche Privatsphäre, wo Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen auf engstem Raum zusammen leben, bilden sich Mikrogruppen. „Da wird massiv Druck erzeugt“, leitete Honisch daraus die Folgen ab. Auf Unverständnis stießen die Einschränkungen bei den 1-Euro-Jobs und die langwierigen Asylverfahren. Von 300 in Weilheim lebenden Asylbewerbern hatte nach den Schilderungen des evangelischen Pfarrers und Asylkreis-Koordinators Jost Herrmann „außer Syrern und irakischen Christen noch keiner eine Anhörung“. Annette Herrmann von der Asylsozialarbeit der Diakonie berichtete von Flüchtlingen, die seit zweieinhalb Jahren auf diesen Termin warten. „Ihre unsichere Lebenskrise endet erst dann, wenn sie wissen, was mit ihnen passiert,“ schilderte sie die missliche Lage.

In Weilheim angekommen

Zweieinhalb Jahre lebt Shazad Kuram in Weilheim. Die Veranstalter hatten den Pakistaner als Vertreter der Asylbewerber auf das Podium geholt. Auf die Frage des Moderators, was er seiner Familie, mit der er regelmäßig telefoniert, erzählt, antwortete er: „Alles gut.“ Der 27-Jährige hat eine Lehrstelle als Koch und möchte in Weilheim eine eigene Kneipe eröffnen. Bis zum Erreichen dieses Zieles muss er noch fleißig Deutsch büffeln. Sprachliche Barrieren sind für ihn in der Berufsschule ein Handicap.

Helfer willkommen

Wo wird im Unterstützerkreis Asyl Hilfe benötigt? Im Deutschunterricht ebenso wie bei der Begleitung zu Behörden, Ärzten und Ausflügen, erfuhr das Publikum und dass es den Flüchtlingen an warmer Winterkleidung mangelt. Wer sich ehrenamtlich engagieren möchte, darf keine Berührungsängste haben und muss bereit sein, in diese „Beziehungsarbeit“ Zeit zu investieren, klärte Pfarrer Herrmann auf. Auskünfte gibt es bei den Einsteigertreffen, die immer wieder angeboten werden. Trotz aller Probleme ist Pfarrer Herrmann überzeugt, dass Deutschland insgesamt stärker von der Globalisierung profitiert als es jetzt im Rahmen der Flüchtlingskrise gefordert ist. Den Sorgen jener Bürger, die wegen der Zuwanderung den Verlust des christlichen Abendlandes fürchten, entgegnete der Pfarrer, er hätte sie in den vergangenen zehn Jahren nicht in seinen Gottesdiensten gesehen.

von Maria Hofstetter

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