Podiumsdiskussion zum Thema Asyl in Weilheim

Wohnungsnot und Vorurteile

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Ursula Gnadl

Weilheim – Das Handy klingelt: Sofort muss Helmut Estermann los, um die Neuankömmlinge unterzubringen. Zur Diskussionsrunde, die im Terminkalender steht, kann er nicht. Die Asylbewerber haben Vorrang.

Bis Ende des Jahres sollen es über 500 Flüchtlinge im Landkreis werden. Eine Herausforderung nicht nur für Estermann und seine Kollegen in der Ausländerbehörde, sondern auch für die vielen Helfer. Wie sehr das Thema Asyl auch die Bevölkerung beschäftigt, zeigte das überfüllte Pfarrheim bei der Podiumsdiskussion am Freitag. 

Schon eine halbe Stunde vor Beginn waren kaum noch Plätze frei. Die Wartenden standen bis in die Theatergasse, um wenigstens noch einen Stehplatz zu ergattern. Im Pfarrheim Mitei- nander begrüßte Laura Beck, Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk, die durch den Abend führte, die Teilnehmer der Runde.

„Ohne Ehrenamtliche würde das System zusammenbrechen“, zollte Landrätin Andrea Jochner-Weiß der Arbeit der Unterstützerkreise Respekt. Doch sei ihr auch klar, dass seitens des Landratsamts mehr Angestellte nötig wären, die sich um die Asylbewerber kümmern. „Pro 50 Asylbewerber wäre eine Stelle mehr nötig“, versprach sie den Anwesenden, sich in der nächsten Kreistagssitzung für mehr Personal einzusetzen. 

Ein weiteres Problem: Der Mangel an passenden Wohnungen. „Turnhallen wollen wir nur im ‘Worst Case’ besetzen“, hofft Jochner-Weiß auf weitere Vermieter, die sich beim Landratsamt melden. „Momentan sind wir schon froh, wenn wir Grund für Container zur Verfügung haben.“ 

Neben der Unterbringung ist auch der Kontakt zur Bevölkerung oft kaum vorhanden. „Am Abend würd’ ich nicht mehr raus.“ „Uns Deutschen wird viel weggenommen.“ Wie sich in einem vorgeführten BR-Beitrag zeigte: Die Unsicherheit in Teilen der Weilheimer Bevölkerung existiert, das Wissen über die Asylbewerber beschränkt sich in vielen Fällen auf Vorurteile. „Es existieren Ängste“, bestätigte auch Bürgermeister Loth. Er sei schon öfter von besorgten Bürgern angesprochen worden. „Je intensiver der Kontakt zur Bevölkerung, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert“, ermutigte der Integrationsbeauftragte Alfred Honisch die Bürger, sich den Asylbewerbern anzunähern.

Probleme mit Straftaten gebe es allerdings ohnehin kaum, beruhigte der Weilheimer Polizeichef Harald Bauer. Von insgesamt 17 000 aufgenommenen Vorfällen im Bereich der Polizeiinspektion seit November 2013 seien nur in 34 Fällen Asylbewerber beteiligt gewesen. Doch auch von diesen Fällen waren viele harmlos. Beispielsweise würden auch verlorene Ausweisdokumente als Vorfall zählen. Es sei also „keine erhöhte Kriminalität“ gegeben. 

Viel Kontakt zu Asylbewerbern hat Hans Fischer. Er vermietet fünf Wohnungen an das Landratsamt. „Ich komme sehr gut zurecht“, habe er sich inzwischen schon mit den Bewohnern angefreundet. „Ich federe das Tagesgeschäft ab“, sei er oftmals der erste Ansprechpartner in seinem Haus bei Problemen. 

Manchmal sind es praktische Dinge, wie das Erklären der Mülltrennung, die Begleitung zum Arzt oder ein Besuch bei der Bank, bei denen Helfer aktiv werden. Manchmal sind es aber auch tief gehende Gespräche, in denen trotz Sprachbarriere, Erlebnisse von der Flucht aufgearbeitet werden. 

„Niemand verlässt seine Heimat ohne Grund“, versuchte Ben Rau vom Münchener Flüchtlingsrat, das Vorurteil der „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu entkräften. Denn viel Geld erwartet die Asylbewerber hier nicht. 296 Euro hat ein alleinstehender Flüchtling monatlich zur Verfügung. Davon muss er Essen, Kleidung und alles, was er sonst zum täglichen Leben braucht, bestreitet. Hartz VI-Empfänger bekommen deutlich mehr.

Wie es weitergehen soll? Die Diskussionsrunde sah den Landkreis vor einer Aufgabe, die nur zusammen gemeistert werden kann. Jost Herrmann, der den Unterstützerkreis in Weilheim leitet, möchte Rassismus und Vorurteilen entgegenwirken. Dies sei nötig, um ein Miteinander zu ermöglichen. „Auf dem Stadtwappen ist ein offenes Tor. Weilheim soll weiter offen bleiben. Gemeinsam mit allen Beteiligten können wir vernünftige Lebensbedingungen schaffen“, zeigte sich Loth zuversichtlich, die Situation in den Griff zu bekommen. 

Dass die Integration funktionieren kann, beweist Shazad Khuram. Er ist aus Pakistan geflohen, arbeitet inzwischen in einer Weilheimer Bar, wohnt bei seinem Chef und spricht gut deutsch. „Ich warte auf die Erlaubnis“, hofft er, dass er in Weilheim bleiben darf. Solche Erfolgsgeschichten sind es, die die Ehrenamtlichen anspornen. Warum Herrmann sich mit seinen Mitstreitern engagiert, ist für den evangelischen Pfarrer ganz einfach: „Es macht glücklich, Lebensperspektive zu geben.“

Von Ursula Gnadl

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