Ein Blick zurück in Murnaus Geschichte

Vor 80 Jahren kamen die ersten polnischen Kriegsgefangenen in die Staffelseegemeinde

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Mit Tuffstein-Kreuzen wird auf dem Murnauer Friedhof an die polnischen Kriegsgefangenen gedacht, die in der Marktgemeinde starben.

Murnau – Wer über den Murnauer Friedhof geht, kommt an dem Tuffstein-Denkmal, welches einen polnischen Adler trägt, vorbei. Flankiert wird dieser Gedenkstein von Gräbern für die in der Marktgemeinde verstorbenen polnischen Kriegsgefangenen. Das Lager – in der Fachsprache Oflag VIII A genannt – war auf dem Gelände der heutigen Werdenfels Kaserne untergebracht.

Die ersten Gefangenen sind etwa vier Wochen nach Kriegsbeginn, also im Oktober 1939, in Murnau angekommen. In der Folge brachten zwischen 1939 und 1945 insgesamt 17 Eisenbahntransporte die Inhaftierten an den Staffelsee. Ende Dezember 1939 war das Oflag VIII A mit 2 150 Männern belegt; am 29. April 1945 waren es 5 434. Die Archivarin des Marktes Murnau, Dr. Marion Hruschka, weiß aus der Chronik: „Die im Oflag VIII A inhaftierten polnischen Offiziere gehörten zu den Eliten ihres Landes. Darunter waren 30 Generäle – wie der Oberkommandierende der polnischen Flotte, Admiral Józef Unrug, und der Verteidiger Warschaus, General Juliusz Rómmel. Außerdem Akademiker aller Fachrichtungen.“

Nach der Genfer Konvention des Internationalen Roten Kreuzes durften Offiziere in Lagerhaft nicht zur Arbeit heran gezogen werden. Daraus entwickelte sich eines der großen Probleme, die der Militärhistoriker Martin Lohmann als „Stacheldraht-Krankheit“ bezeichnet. „Die Leute hatten nichts zu tun. Intelligente Persönlichkeiten waren offiziell zur Untätigkeit verdammt.“ Die Männer mussten sich selbst beschäftigen. Es entwickelte sich ein reges Lagerleben. Es gab Theater, Konzerte und Ausstellungen. Legendär war die Lagerbibliothek mit mehr als 25 000 Büchern. 14 Offiziere legten im Lager ihr Abitur ab, andere verfassten ihre Doktorarbeiten. Für jede Berufsgruppe gab es einen Fachkreis.

In einer Garage war ein Theater mit 450 Sitzplätzen eingerichtet. Die Männer machten sich als Bühnenbildner, Übersetzer, Schauspieler, Kostümschneider und Autoren nützlich. Über die gesamte Lagerzeit wurden etwa 750 Stücke aufgeführt – meist polnische Dramen und europäische Klassiker.

Neben den Offizieren gab es eine kleinere Gruppe von polnischen Mannschaftsdienstgraden. Diese Männer verrichteten Küchendienste oder arbeiteten in der Wäscherei. Einige waren bei einheimischen Bauern eingesetzt.

Die medizinische Versorgung war durch deutsche und polnische Ärzte gewährleistet. Für die Seelsorge waren polnische Militärgeistliche zuständig; unterstützt durch den katholischen und den evangelischen Ortspriester. Im Keller der Generalsunterkunft war eine Kapelle eingerichtet, mit einem von den Gefangenen geschnitzten Altar. Große Gottesdienste fanden auf dem Appellplatz statt.

Ein weiteres Problem war die Platznot. Der Gefangene Stefan Majchrowski schrieb in seinen Erinnerungen: „Jeder Mann hatte durchschnittlich zwei Quadratmeter Wohnfläche. In den Garagen richteten sich jeweils 300 Leute auf dreistöckigen Pritschen ein. Man musste auf die Schlafstelle der Kameraden treten, um heraus zukommen.“

Trotz aller Unzulänglichkeiten der Kriegsgefangenschaft urteilte Lohman, der das Oflag VIII A ausführlich dokumentierte: „Das Gefangenenlager in Murnau war in der Tat ein menschlicher Ort. Es gab keine Repressionen. Die Leute wurden anständig behandelt.“

Am Sonntag, 29. April 1945, übergab der Wehrmacht-Hauptmann Oswald Pohl um 15.30 Uhr das Lager Oflag VIII A einem Vorkommando der amerikanischen 12th Armored Division.

Von Günter Bitala

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