"Gespenster" im Weilheimer Stadttheater überzeugt durch Schlichtheit und emotionale Tiefe

Pure Schauspielkunst

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Helene Alving hat vergessen, selbst zu leben, und Pastor Manders gibt sich als der moralisch überlegene Mann.

Weilheim – Celino Bleiweiß‘ feinsinnige und tiefgründige Inszenierung von Henrik Ibsens „Gespenster“ feierte am vergangenen Samstag Premiere im Weilheimer Stadttheater.

Als im gut besetzten aber nicht ausverkauften Stadttheater die Lichter ausgingen, herrschte gespannte Stille, die auch während der gesamten Aufführung lediglich durch einen Zwischenapplaus unterbrochen wurde. Die schlichte Inszenierung, die sich ganz auf die Dialoge und Beziehung der Figuren zueinander konzentrierte, wurde durch das minimalistische Bühnenbild unterstrichen. Ein Tisch, drei Stühle und ein Gemälde vor schwarzem Hintergrund waren alles, was das Stück an Bühnenbild benötigte. In der Hauptsache wurde es von der Ausdruckskraft der Schauspieler getragen. Yvonne Brosch stellte die psychologischen Tiefen der Helene Alving gekonnt heraus. Eine Figur, die ihr Leben lang für andere da war und sich noch immer nicht von den Gespenstern der Vergangenheit lösen kann. Dass sie eine Entwicklung durchläuft und dabei ist, sich zu emanzipieren, wurde optisch schön dargestellt durch den Wechsel des Kostüms vom Rock zur Hose. Ob Alving am Ende jedoch begreift, dass sie an einem Wendepunkt in ihrem Leben steht und es Zeit ist, für sich zu leben und die Lügen der Familie hinter sich zu lassen, bleibt offen.

Peter Musäus gibt als Pastor Manders einen tollen doppelmoralischen Geistlichen, der vieles, aber nicht unbedingt das Wohl seiner Gemeindemitglieder im Sinn hat. Er ist verhaftet in überholten gesellschaftlichen Werten und Rollenbildern, kann seine eigenen Gefühle nicht eingestehen und folgt seinen eigenen Interessen.

Auch Katharina von Harsdorf, Winfried Hübner und Sebastian M. Winkler überzeugen in ihren Darstellungen und hauchen Ibsens „Gespenster“ Leben ein.

All jene, die sich nicht sicher sind, ob das Drama von Ibsen nicht zu schwer oder trocken für sie sei, sollten sich überraschen lassen. Die Schlichtheit, mit welcher der Zuschauer die doppelte Moral und gesellschaftlichen Abgründe als Spiegel vorgehalten bekommt, ist zugleich fesselnd und für jeden gut verständlich. „Gespenster“ stammt aus dem Jahr 1881 und war zur damaligen Zeit eine harsche Gesellschaftskritik, mit der Ibsen in seiner Heimat Norwegen auf wenig Gegenliebe stieß. Heute noch regen die Kritikpunkte zum Nachdenken an.

Sowohl Bürgermeister Markus Loth als auch dritte Bürgermeisterin Angelika Flock waren sich einig: die Schauspieler zeigten eine fantastische Leistung in einem spannenden Stück. Stadtrat Alfred Honisch ergänzte: „Was mir besonders gefällt, ist, wie der Kirchenmann mit der Realität konfrontiert wird.“

Das Stück „Gespenster“ wird noch fünf Mal im Weilheimer Stadttheater gespielt. Karten gibt es beim Kreisboten in der Sparkasse am Marienplatz sowie unter Tel. 0881/686-11 oder 12.

von Melanie Wießmeyer

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