Weilheimer Festspiele: Gelungene Premiere von "Pygmalion"

Eine Romanze ohne Liebe

+
Eine Szene aus dem Stück „Pygmalion“.

Weilheim – Die Bühne ist in blaues Licht gehüllt und hinter angedeuteten Fensterfronten sitzt ein Mann am Flügel: George Davis begrüßt die Besucher des Stückes „Pygmalion“, das am vergangenen Wochenende Premiere feierte, musikalisch.

Am Mitsummen der Melodien, das einige Theatergäste nicht zurückhalten können, wird schon zu Beginn deutlich: Das Musical „My Fair Lady“, das später aus der literarischen Vorlage von George Bernhard Shaw (1856 – 1950) entstand, ist bekannter Stoff. So fällt es auch nicht schwer, der Handlung von „Pygmalion“ zu folgen.

Shaw war ein Missionar der sozialen Aufklärung. In seine Stücke verpackte er Kritik an der Gesellschaft ohne erhobenen Zeigefinger, aber stets mit beißendem Humor. Schon in der ersten Szene von „Pygmalion“ spiegelt sich dieser wider. Das arme aber schlagfertige Blumenmädchen Eliza Doolittle (Katharina von Harsdorf) trifft auf die Vertreter der vornehmen Gesellschaft, darunter Professor Henry Higgins (Stephan Lewetz). Dieser kann die Herkunft von Menschen an ihrer Aussprache erkennen. Der jungen Frau mit struppigen Haaren, einfachem Baumwollkleid, durchlöchertem Strohhut und „Gassenjargon“ prophezeit der Phonetikprofessor ein Leben auf der Straße. Als Higgins auf den ebenfalls sprachinteressierten Oberst Pickering (Christian Buse) trifft, zeichnet sich eine Veränderung ab.

Eliza entschließt sich dazu, beim Professor Sprachunterricht zu nehmen. Dieser ist zunächst überrascht. Doch er wettet mit Pickering, dass er es schafft, eine „Herzogin aus der Gassenschlampe“ zu machen, die auf einem Fest der Oberschicht nicht weiter auffällt.

Für Eliza entwickelt sich der Unterricht zum Martyrium. Zwar wohnt sie bei den beiden Männern im Luxus und ist eine gelehrige Schülerin, jedoch wird sie kaum als Mensch wahrgenommen. Higgins sieht sie nur als Projekt und missachtet jegliche Gefühle. Ihm geht es nur darum, sein Ziel zu erreichen. Die Zukunftsängste von Eliza sind ihm egal.

Herrisch, selbstsüchtig und mit rabiaten Methoden tritt Higgins dem jungen Mädchen mit wenig Respekt gegenüber. Lewetz gibt den arroganten Professor das ganze Stück äußerst überzeugend. Amüsant: Immer wieder wird Higgins von seinem Umfeld getadelt für seine rüde Sprache, seine fehlenden Manieren und sein unflätiges Benehmen.

Im Kontrast dazu Pickering, der sich stets vornehm und höflich verhält. Die warmherzige Art transportiert Buse gekonnt und auch die zweifelnden Momente, die er im Laufe der Wette hat, kommen authentisch herüber; Sympathie erzeugt auch die ehemalige Pollingerin von Harsdorf, die sowohl das arme Mädchen als auch die Wandlung hin zur feinen Dame gekonnt darstellt. Vor allem in aufbrausenden Momenten, in denen sie mit Higgins aneinander gerät, liegen ihre Stärken.

Ein Liebling des Publikums ist, wie schon in anderen Stücken der Weilheimer Festspiele in den vergangenen Jahren, Winfried Hübner. Er verkörpert Elizas schrulligen Vater, einen Müllkutscher und Trinker, der durch einen Brief Higgins zu unverhofftem Geldsegen kommt und in die Mittelschicht aufsteigt. Kein Erscheinen von Hübner mit seiner gewaltigen Bühnenpräsenz, in dem nicht unzählige Lacher aus dem Publikum schallen.

Doch nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Nebenrollen werden alle mit viel Herzblut gespielt, unter anderem auch von den lokalen Darstellern wie Lukas Wörle oder Anita Kurzrock. Da Monika Goll kurzfristig ausfiel, sprang Regisseurin Yvonne Brosch selbst ein; die Rolle von Higgins Mutter meistert sie ohne Probleme.

Besonders raffiniert werden die Umbauten inszeniert. Statt mit geschlossenem Vorhang und störenden Pausen arrangieren die Hausdiener der Higgins bei geöffnetem Vorhang die minimalistisch gehaltenen Requisiten um. Das wirkt, als würde es in die Handlung gehören. Der puristische Rahmen entpuppt sich als äußerst wandelbar: Um das passende Umfeld zu schaffen, werden die Säulen an beiden Bühnenrändern einfach gedreht, so dass mal eine Hausecke in den Straßen Londons, mal eine Bücherwand in Professor Higgins Haus zu sehen ist. Stets begleitet zwischen den Szenen Davis gekonnt und launig am Flügel die Umbauten.

Auch wenn das Stück von Shaw selbst als Romanze betitelt wurde, erwartet den Zuschauer jedoch alles anderes als seichtes Liebesgesäusel. Higgins steht am Ende alleine da, Eliza findet ihr Glück bei einem anderen Mann. Viel mehr als um die Liebe geht es aber um zwischenmenschliche Beziehungen, Anstand und Moral, sozialen Aufstieg und den Wert von Geld – Themen, die immer aktuell bleiben, sowohl vor über 100 Jahren als auch heute.

Zu sehen ist „Pygmalion“ im Weilheimer Stadttheater noch am Dienstag, 26. Dezember, um 18 Uhr, am Freitag, 29. Dezember, sowie am Samstag, 30. Dezember, jeweils um 20 Uhr. Karten gibt es beim Ticketservice des Kreisboten im Foyer der Weilheimer Sparkasse am Marienplatz, Tel. 0881/686-11 und -12.

Von Ursula Gallmetzer

Auch interessant

Meistgelesen

Zum Glück nur ein Fehlalarm
Zum Glück nur ein Fehlalarm
Frischer Wind in altem Gemäuer
Frischer Wind in altem Gemäuer
Essen für den guten Zweck
Essen für den guten Zweck
Ambulantes Reha-Zentrum im Aufbau
Ambulantes Reha-Zentrum im Aufbau

Kommentare