Respektvoller Rückblick auf 1000 Jahre – Gemeinsamer Festakt im Pollinger Bibliotheksaal mit Historiker Stefan Weinfurter

„Liberalitas bavarica“ steht über dem Eingangsportal der Pollinger Stiftskirche zu lesen. Ein Inbegriff geistiger Offenheit für Bildung, Kultur, Wissenschaft und der Fürsorge um die Mitmenschen. Geprägt von Propst Franziskus Töpsl (gest. 1796), der an diesem Ort gewirkt hat. Das historisch bedeutsame Polling, von dem Jahrhunderte lang wichtige Impulse ausgingen, sowie das benachbarte Weilheim gedachten in einem gemeinsamen Festakt ihrer ersten urkundlichen Erwähnung.

„Ich hätte nicht erwartet, eine solche Perle anzutreffen“, staunte Dr. Stefan Weinfurter, als er im prunkvollen Bibliotheksaal des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstiftes zu seiner Festrede ansetzte. 40 Jahre ist es her, seit der Experte für mittelalterliche Geschichte erstmals Pollinger Boden betreten hat. Bevor der Uniprofessor aus Heidelberg in die Welt vor 1000 Jahren mit ihren Werte- und Ordnungsvorstellungen eintauchte, hatte Pollings Kulturreferent Michael Jarnach den Inhalt der am 16. April 1010 ausgestellten Königsurkunde für Polling in Latein sowie in perfekter Übersetzung (Prof. Weinfurter: „Er kriegt sofort einen Schein von mir!“) vorgetragen. Bei aller wissenschaftlichen Präzision schlüsselte Weinfurter, für Laien sehr verständlich, die drei Etappen in der Geschichte des Klosters und Stiftes Polling auf. Die erste Epoche gehörte in die Frühgeschichte der fränkischen Zeit, in der dritten wurde Polling ein Augustiner-Chorherrenstift. Der zweiten, für das Jubiläum von Weilheim und Polling maßgeblichen, wandte sich der Festredner mit besonderer Hingabe zu: Sie umfasst die Erneuerung des Klosters durch König Heinrich II. am 16. April 1010. Polling rückt zum Zentrum im Voralpenland auf, ist „das Tor zum Gebirge“ und damit „ein Ort der Zugangskontrolle für die Alpenpässe“. König Heinrich II. charakterisiert Historiker Weinfurter als einen „in jeder Hinsicht bayerischen König und Kaiser“. Ein Mann mit herausragender Bildung sei er gewesen, der sich als irdischer Stellvertreter für den himmlischen König fühlte und von unstillbarem Verlangen nach der Königskrone erfüllt war. „Salve...“ Fast war der verspätet eingetroffene bayerische Innenminister nach Jarnachs Vortrag der Versuchung unterle- gen, seine Grußworte in Latein zu überbringen. Das geladene Publikum nahm es lachend, als Joachim Hermann ausplauderte, der Einladung zu dieser Jubiläumsfeier gerne gefolgt zu sein, da er sich bei solchen Anlässen nur selten Klagen anhören müsse. In Polling – „wir bewegen uns hier auf ältestem Kulturgut“ – und Weilheim sieht der Minister „Tradition und Fortschritt ideal miteinander verbunden“. Der gemeinsame Ursprung, gab Hermann als Geburtstagswunsch aus, sollte für bei Gemeinden „trotz mancher Rivalitäten“ Anlass für eine gute Partnerschaft sein. Der Auftritt der beiden Bürgermeister, die am Rednerpult Schulter an Schulter abwechselnd das Wort ergriffen, mag den Minister erfreut haben. Mit der Urkunde, so Pollings Gemeindechef Helmut Böhm, trete der Klosterort „aus dem Nebel der Geschichte heraus“. Sein Weilheimer Kollege Markus Loth sieht es vor dem Hintergrund der gemeinsamen urkundlichen Nennung als „besondere Ehre“ an, das Jubiläum zusammen mit den Nachbarn zu feiern. Mit dem bayerischen Defiliermarsch von der Pollinger Blasmusik schwungvoll empfangen, vom Ensembles Fleuri mit Barockklängen stimmungsvoll durch das Programm begleitet und mit der gemeinsam gesungenen Bayernhymne traditionsgemäß verabschiedet, bot der in Propst Töpsls Ära von 1776 bis 1779 errichtete Bibliotheksaal eine eindrucksvolle Festkulisse. Historiker Weinfurter hatte seine Rede vor über 300 Gästen mit Töpsls Entwurf von der „liberalitas“ ausklingen lassen und festgestellt: „In Polling hat sie tiefe Wurzeln geschlagen, hier sollte sie auch in Zukunft wirksam bleiben.“ Dokumennt mit doppelter Bedeutung: In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts enteignete Herzog Arnulf (907-937) den Grundbesitz vieler bayerischer Klöster, um jene Dienstmannen zu entlohnen, die mit ihm gegen die einfallenden Ungarn gekämpft hatten. Auch das Kloster Polling musste Besitzungen abtreten, darunter Güter im nahen Wilhaim. 1010 stellte König Heinrich, der spätere Kaiser Heinrich II. von Bamberg, die alten Besitzrechte des Klosters wieder her. Bestätigt wurde dies am 16. April 1010 zu Regensburg mit einer Urkunde, deren Original, in lateinischer Sprache verfasst, sich im Münchener Staatsarchiv befindet. In dem Dokument sind die Dörfer verzeichnet, aus denen einst Klosterbesitz entnommen wurde, darunter Pollinga und Wilhai(m). Für Polling ist die Urkunde von doppelter Bedeutung. Als Beleg für die Wiedergründung des von den Ungarn zerstörten Klosters markiert sie die Rückkehr aus einer langen Zeit ohne Geschichte.

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