Große Fußstapfen am Lenkrad

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Von mehreren Kinder-Generationen verehrt: Erwin Zwick, der den Platz als Schulbusfahrer frei macht.

Apfeldorf/Kinsau – Zwei Jahrzehnte Kurzstrecke schaffen einen Busmotor. Und so ist der Mercedes Typ 0814, Schulbus in Apfeldorf und Kinsau, nach 330 000 Kilometern einfach müde. „Den Kinsauer Berg schnaufen wir rauf wie das Leiden Christi“, sagt Erwin Zwick, der Fahrer. Ihm selbst hat’s nicht geschadet: Zwick, 70 Jahre alt, kennt jeden Stein – und jeden Passagier. Mancher, den er als Erstklässler kutschierte, grüßt ihn heute auf der Straße als Familienvater. Nach 27 Jahren hört Zwick auf. Sein Erbe am Lenkrad tritt Richard Bals an.

Viele Generationen kennen den freundlichen Mann am Steuer. „Zwicki“ ist eine Institution zwischen den Dörfern am Lech. Einem Schüler hat er den Spitznamen zu verdanken. Und er weiß noch den Namen: „Der Haseitl Matthäus war’s. 1994, da war der in der vierten Klasse.“ Der Bub besorgte zum Abschied aus der Grundschule ein Nummerntaferl mit der Aufschrift „Zwicki“. Es klemmt heute noch hinter der Scheibe. Zuhause ein Ordner mit Abschiedsbriefen und krakeligen Unterschriften. Urkunden für den „besten Busfahrer der Welt“. Ein Busmodell aus Holz von den Apfeldorfer Kindergartenkindern, die er gelegentlich ins Freibad kutschierte.

Kürzlich war Zwick mit seiner Frau Ulla beim Einkaufen in Schongau. Hinter der Kasse eine junge, adrette Frau: „Servus Zwicki, wie geht’s Dir? Kennst mich noch?“ Nach zwei Mal Hinschauen tat er’s: „Die Lisa, ja mei. Bist du groß geworden!“ Die Behauptung, dass die Apfeldorfer und Kinsauer Kinder ihren Fahrer liebten, ist untertrieben.

Die Wünsche der Kinderrespektieren

Sein Geheimnis: „Du musst sie ernst nehmen.“ Und ihre Wünsche respektieren. Das betraf im Bus oft den Musikgeschmack. Früher hörte er Bayern 1, Volksmusik: Er spielte selbst Schlagzeug bei der Trachtenkapelle. Aber damit brauchte er den Kids nicht kommen. Antenne Bayern musste her! Und zwar laut. „Zwicki, drah auf!“, hörte er oft. „Die Kinder sangen mit in unserem Discobus“, erzählt Zwick. „Keine Ahnung, woher die all die Texte kannten.“

Zum Schulbusfahren kam er 1990. Der Nebenerwerbslandwirt arbeitete bis dato als LKW-Fahrer – doch im Winter war wegen der Baupause nichts zu verdienen. Der neue Job war besser mit der Landwirtschaft vereinbar: in der Früh und Mittag Busfahren, nachmittags Bauernhof.

Die tägliche Route: Apfeldorf-Wies, Klaftmühle, Apfeldorfhausen, Apfeldorf-Oberdorf, Apfeldorf-Unterdorf, Kinsau-Waage, Kinsau-Bahnhof. In Kinsau-Ried sammelte er noch zwei Kinder ein, dann ging’s zur Kinsauer Schule, wo die erste und zweite Klasse waren. Dann zur Apfeldorfer, wo die dritte und vierte unterrichtet wurden. Mittags das selbe zurück.

War ein Kind krank, baten die Eltern den Kameraden: „Sag’s dem Zwicki.“ Der gab das den Lehrern weiter. Fehlte mal eines, dann wartete Zwick: „Die Minute bringt uns nicht um.“

Nun hört er auf, hilft aber noch gelegentlich aus. „Man muss den Weg für die Jungen freigeben“, sagt er. „Wenn was passiert, steht wieder in der Zeitung, man solle den Alten den Schein nehmen.“ Passiert ist in 27 Jahren nie etwas. Doch, halt: Der Ganghebel ist mal abgebrochen am Hausener Berg.

Der Neue am Steuer: Richard Bals.


Dafür, dass die Kinder auch weiterhin sicher in die Schule und nach Hause kommen, sorgt künftig ein anderer. „Das ist unser neuer Zwicki“ – mit diesen Worten stellte der zweite Bürgermeister Gerhard Schmid Richard Bals als Nachfolger in der jüngsten Gemeinderatssitzung vor. Bals kam nicht allein, an seiner Seite war seine Ehefrau Tanja, die ab 1. Juli in ihrer neuen Praxis im ehemaligen Gasthaus Rose die Apfeldorfer medizinisch versorgen wird.

Bals hatte bereits Anfang Mai die neue Stelle als Schulbusfahrer und Mitarbeiter des Bauhofs angetreten. Seine jungen Fahrgäste und der gebürtige Chiemgauer hatten also schon Gelegenheit, sich bei einigen Fahrten beschnuppern. „Mit den Kindern macht es eine Menge Spaß“, findet Bals. Eingefleischte „Zwicki“-Fans unter den Jüngsten können indes beruhigt sein: Zwick wird weiterhin als Ersatz und Unterstützung von Bals den Bus nach Bedarf fahren – bis 2019 gilt sein Führerschein auf jeden Fall noch.

km

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