Politischer Abend der Marktgemeinde Peißenberg mit dem Grünen-Chef lockt rund 2 500 Besucher an

Habeck kann Festzelt

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Während bei hochsommerlicher Hitze immer noch Besucher ins Festzelt strömten, posierten v.li. Bürgermeisterin Manuela Vanni und die Grünen-Vertreter Vizelandrat Karl-Heinz Grehl, Andreas Krahl, Robert Habeck, Manuel Neulinger (dahinter), Alfred Honisch, Dr. Eckart Stüber (dahinter), Annette Daiber und Dorothée Sührig (dahinter) für die Fotografen. Mehr Bilder vom Politischen Abend unter www.kreisbote.de.

Peißenberg – Nach der missglückten Aktion der Bayernpartei, dem Gastredner die Einreise in den Landkreis zu verweigern, wurde der Auftritt des Schleswig-Holsteiners Robert Habeck im Festzelt mit besonderer Spannung erwartet. Die circa 2 500 Besucher erlebten eine emotionale Rede, die sie immer wieder mit Applaus quittierten.

„Ich kann verstehen, dass Sie aus Facebook ausgetreten sind. Ich war fast auch schon so weit“, nahm Bürgermeisterin Manuela Vanni auf den Shitstorm Bezug, der sich in den sozialen Medien über Habeck ergossen hatte.

An die Frauen richtete Grünen-Kreissprecherin Katharina von Platen ihren leidenschaftlichen Appell, sich politisch zu engagieren. Bei den Grünen hätten sie beste Chancen, in der Politik Verantwortung zu übernehmen.

„Da war noch was“, erinnerte Andreas Krahl (vorn) seinen Parteikollegen an ein im Wahlkampf gegebenes Versprechen und zog eine Lederhose aus der Tasche. Habeck zögerte nicht lange, verschwand hinter dem Festzelt und kehrte in der geschenkten Lederhose auf die Bühne zurück.

Grünen-Chef Robert Habeck erinnerte eingangs an den 2010 verstorbenen bayerischen Grünenpolitiker Sepp Daxenberger, den er 2004 kennengelernt hatte und der ihm durch seine Geradlinigkeit und die gelebte Verbindung aus Heimatverbundenheit und Weltoffenheit imponiert habe.

Letzteres habe er im Laufe der Jahre mehrmals als einen wichtigen Wesenszug der Bayern erfahren können. Dies sei auch im letzten Bundestagswahlkampf deutlich geworden. Der Stimmungswandel gegen Abschottung und Ausgrenzung habe die CSU überrascht und den Grünen letztlich ihren großen Wahlerfolg beschert. „Seien Sie traditionsbewusst, denn Tradition ist nicht die Bewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“, ermunterte er das Publikum. „Heimat“, so Habeck, „ist ein Versprechen, das Halt gibt, der Ort, mit dem Erinnerungen verbunden sind. Es kann nicht sein, dass andere bestimmen, wer dazu gehört und wer nicht“, erteilte er Abgrenzungsbemühungen der rechten Szene eine klare Absage.

Breiten Raum in Habecks Rede nahm die Landwirtschaftspolitik ein. Er führte aus, dass von 2000 bis 2017 rund 50 Prozent der Milchviehbetriebe aufgegeben und die verbliebenen Landwirte Existenzängste hätten. „Schuld daran sind aber nicht die Bienen oder die Bienenschützer, sondern die Industrialisierung der Landwirtschaft“, wies Habeck die Kritik am Volksbegehren gegen das Bienensterben zurück. Die Bauern haben nach Habecks Einschätzung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine großartige Leistung vollbracht, indem sie für eine gesicherte Ernährung zu immer günstigeren Preisen gesorgt hätten. „Danke Bauern, das habt ihr gut gemacht“, wandte er sich an die zahlreich vertretenen Landwirte im Zelt. Jetzt müsse aber das System geändert werden, „dass nicht immer nur mehr produziert wird“. Durch eine Umstellung der Förderungsmaßnahmen müssten auch kleine Höfe eine Überlebenschance haben.

Mit dem Hinweis auf gehäufte Temperaturrekorde in den letzten Jahren forderte Habeck eine engagierte Reduzierung der Treibhausgasemissionen durch ein Klimaschutzgesetz. „Wenn wir nichts tun, fliegt uns die Gesellschaft um die Ohren“, so sein eindringlicher Appell. Offensichtlich habe dies inzwischen auch die CSU verstanden: „Markus Söder nannte die Forderung, bis 2038 die Stromerzeugung aus Kohle einzustellen, vor wenigen Jahren noch utopisch, dann realisierbar und heute plädiert er sogar für einen Ausstieg bis 2030, eine ziemlich steile Lernkurve“, lästerte er. Mit dem Aufruf „Behalten Sie Ihre Mischung aus Heimatverbundenheit und Weltoffenheit“ schloss Habecks Rede, die vom Publikum mit stehendem Applaus gefeiert wurde.

Sein Vorredner Krahl machte die im Grundgesetz garantierte Würde des Menschen an praktischen Beispielen fest. Sie sei nicht mehr gewährleistet, wenn in den Krankenhäusern nur der durch das neue Pflegegesetz vorgegebene Personalschlüssel eingehalten wird. „Wenn eine Pflegekraft nachts 25 bis 30 Patienten zu versorgen hat, kann sie nicht gleichzeitig Schmerzmittel verabreichen und Hilfestellung beim Toilettengang geben, da bleibt die Menschenwürde auf der Strecke,“ gab der gelernte Krankenpfleger Einblick in seinen früheren Beruf.

Die im Vorfeld von der Bayernpartei aufgestellte Forderung, Habeck wegen angeblich bayernfeindlicher Äußerungen die Einreise in den Landkreis zu verbieten, war für Krahl eine Steilvorlage, um mit dem politischen Gegner aus dem rechten Lager abzurechnen. Wer Schlagbäume errichten und ausgrenzen wolle, könne sich nicht auf bayerische Tradition berufen.

Nach dem Eintrag ins Goldene Buch der Marktgemeinde und der Überreichung von Geschenken chauffierte Krahl, auf dessen Initiative Habecks Besuch zustande gekommen war, den Gast zum Bahnhof.

Von Maria Hofstetter

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