Geplante Säulenhalle zur Völkerverständigung spaltet Polling

Mit Kunstprojekt Grenzen überwinden

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Mit seinem Projekt „Stoa169“ will Bernd Zimmer (im Bild mit Holzmodell) Kunst von Akteuren aller Kontinente unter einem Dach in Polling vereinen.

Polling – Als der im Klosterort lebende Maler Bernd Zimmer 1989/90 Südindien bereiste, beeindruckten ihn die Tempel der Hindus mit ihren Säulenvorhallen zutiefst. Sie weckten in ihm den Wunsch, eine Säulenhalle mit 169 Künstlern aus aller Welt zu bauen. 2016 suchte Zimmer die Heiligtümer in Indien ein zweites Mal auf. Er beschloss, die Umsetzung seiner Idee nicht länger aufzuschieben.

Zur Errichtung seines Großprojektes und für den Erhalt der Halle wurde die gemeinnützige „Stoa169 Stiftung“ gegründet. Zimmer erwarb ein 35 000 m2 großes, abgeschiedenes Wiesengrundstück auf Pollinger Flur, circa 200 Meter von der Ammer entfernt. Die individuell gestalteten Säulen, so seine Intention, könnten das Nebeneinander von unterschiedlichen Vorstellungen in der Kunst erlebbar machen.

Zimmer, international anerkannter Maler, Bildhauer und seit 1984 Bürger der Gemeinde Polling, will mit einer Säulenhalle auf Pollinger Flur ein „Zeichen der Solidarität und Völkerverständigung in Zeiten der Migrationsströme und Flüchtlingsbewegungen“ setzen, wie er in einem Video im Internet äußert, mit dem er um Sponsoren wirbt. 13 mal 13, also 169 individuell gestaltete Säulen, sollen auf einer Fläche von 50 mal 50 Metern ein Dach tragen, so dass eine nach allen Seiten offene Säulenhalle (griechisch „Stoa“) entsteht.

Im Altertum dienten diese Gebäude der Diskussion und dem Gedankenaustausch, so dass auch eine philosophische Denkschule so benannt wurde. Zimmers Intention ist es, „so leicht und naturnah wie möglich“ 169 Säulen zu errichten, die individuell von verschieden Künstlern aus allen Kontinenten gestaltet werden – in ihrem Heimatland oder auch hier vor Ort. Einheitlich sollen lediglich die Abmessungen von 3,9 Metern Höhe und einem maximalen Durchmesser von 91 Zentimetern sein.

Das zwischen der Ammer und dem Fuß des Ammerberges gelegene Grundstück weist laut Zimmer ideale Bedingungen für sein Vorhaben auf. Er will es „noch naturnaher gestalten, mit Solitärbäumen, die früher auch hier standen“, und als Ersatz für die bebaute Fläche „eine Blühwiese anlegen“. Der Bau selbst und die ihn umgebende Landschaft aus Wiesen und Ackerflächen in der Nähe eines stillgelegten Flussarms der Ammer sollen eine Einheit bilden, zum Nachdenken und Gedankenaustausch anregen, beschreibt der 70-jährige Wahlpollinger seine Idee. Er will damit „einen Ausschnitt aus der Welt der Bildenden Kunst zum ausgehenden analogen Zeitalter unter einem Dach vereinen“.

Zur Realisierung hat der Initiator bereits vor Jahren „als Privatmann Bernd Zimmer“ von einem ehemaligen Landwirt eine 35 000 Quadratmeter große Wiese gekauft, sie gegen eine andere Flurnummer getauscht und am 8. Dezember 2016 in die von ihm gegründete gemeinnützige „Stoa169 Stiftung “ eingebracht. Der Grunderwerb war mit der Auflage verknüpft, dass die Fläche weiter landwirtschaftlich genutzt wird, was Zimmer mit einem zwölfjährigen Pachtvertrag nachweisen kann. Wie Zimmer im Gespräch mit dem Kreisboten ausführte, stellte er seinen Plan dem Pollinger Gemeinderat vor, die Gemeinde leitete den Bauantrag an das Landratsamt zur Genehmigung weiter.

Warum die Öffentlichkeit nicht früher informiert wurde, begründete Zimmer so: „Ich habe versucht, das Projekt auch gegenüber dem Kunstpublikum geheim zu halten, um es nicht bereits in diesem frühen Stadium zu gefährden. In dieser Phase knüpfte ich Kontakte zur Finanzierung und parallel zu den Künstlern.“ Planungssicherheit habe es für ihn nach dem Vorliegen der Baugenehmigung gegeben: „Erst jetzt konnte ich an circa 180 Künstler weltweit Einladungen verschicken und Fördermittel beantragen.“ Von über 100 Künstlern liegen Zimmer feste Zusagen vor. Die Akteure bekommen kein Honorar, die Produktionskosten werden ihnen erstattet. Ihre Auswahl trifft eine prominent besetzte Fachjury.

Rechts oberhalb des Ackers soll die geplante Säulenhalle entstehen.

Baubeginn im Herbst

Im Herbst sollen die Erdarbeiten mit dem Einbau der Säulen-Köcher (für jede Säule wird ein eigenes Fundament gegossen) starten. Der erste Bauabschnitt der Halle mit Installation der ersten 80 bis 100 Säulen ist für das Frühjahr 2020 vorgesehen, die Einweihung im Mai/Juni. Die Kosten für den „Hallenrohbau ohne Kunst“ bezifferte Zimmer mit circa 2,4 Mio. Euro, die jährlichen Unterhaltskosten mit circa 120 000 Euro. Für die Errichtung der Säulen und den Unterhalt wirbt die Stiftung um Säulenpaten und Sponsoren.

Genehmigung und Förderung

Die Gemeinde hat dem Vorhaben am 27. Oktober 2016 einstimmig das Einvernehmen erteilt „unter der Maßgabe, dass die notwendige Infrastruktur durch den Antragsteller dauerhaft vorzuhalten ist“ (Quelle: Homepage der Gemeinde, polling.de). Das Landratsamt gab der Säulenhalle am 13. März 2017 grünes Licht. Am 1. Juni 2017 berichtete Pollings Bürgermeisterin Felicitas Betz in einer öffentlichen Gemeinderatssitzung erstmals über die durch das Landratsamt erfolgte Baugenehmigung.

Per Aushang lud Zimmer die Pollinger Bürger am 27. Juni 2017 in die Räume seiner Kunststiftung ein. Lediglich 17 Interessierte, darunter Landrätin Andrea Jochner-Weiß, Bürgermeisterin Felicitas Betz und vor allem bäuerliche Bevölkerung, waren gekommen, als der Initiator von „Stoa169“ anhand eines Holzmodells sein Vorhaben präsentierte.

Einen Antrag auf finanzielle Förderung durch die Gemeinde Polling lehnte der Gemeinderat einstimmig ab. Die Finanzierung sowie der Unterhalt liegen alleine bei der „Stoa169 Stiftung“, betont die Bürgermeisterin.

Der Freistaat Bayern gewährt für die Säulenhalle aus seinem Kulturfonds für 2018 und 2019 Fördermittel von insgesamt maximal 870 000 Euro.

Auch der Initiator selbst wird sich in der „stark demokratisch gedachten Halle“, deren Fundament die Form eines Quadrates hat, mit einer Säule einbringen. Zimmer ist wichtig, dass „die Künstlerstelen in der ‚Stoa169‘ in gleichem Abstand nebeneinander stehen – und nicht nach Ländern geordnet wie im Museum.“ 

Infoveranstaltung am 9. April

Die geplante Säulenhalle und vor allem der dafür vorgesehene Standort werden in Polling heiß diskutiert. Die Gegner des Projektes werfen Gemeinde und Landratsamt einen intransparenten Genehmigungsprozess vor und fordern Aufklärung.

Bürgermeisterin Felicitas Betz kann die aufgeheizte Stimmung und die verhärteten Fronten im Ort nicht recht nachvollziehen. Das Projekt „Stoa169“ sei bislang wohl „an vielen vorbeigegangen“ und Bernd Zimmers Informationsangebot nur von wenigen Bürgern wahrgenommen worden. Gegenüber dem Kreisboten räumte sie ein, dass es „im Interesse der Gemeinde gewesen wäre, den Künstler zu bewegen, sich früher mehrmals und intensiver öffentlich zu seinem Projekt zu äußern“. Jedoch: „Es ist Zimmers Projekt. Er entscheidet, wann er die Öffentlichkeit sucht.“ Nach der positiven Aufnahme der „Stoa169“-Idee bei einem Treffen im Landratsamt, an dem Bürgermeisterin Felicitas Betz, Landrätin Andrea Jochner-Weiß und der damaligen Baujurist des Amtes teilgenommen hatten, kam das Vorhaben im Frühjahr 2016 in Gang. Im Gemeinderat sei Zimmers Bauantrag dreimal ausführlich behandelt und die Infrastruktur durchaus kontrovers diskutiert worden, sagte Betz: Am 6. Oktober 2016 bei einer Präsentation des Initiators vor dem gesamten Plenum, am 18. Oktober 2016 im Kulturausschuss und am 27. Oktober 2016, als 14 Gemeinderäte (drei waren abwesend) ihr Einvernehmen bekundeten. „Nichtöffentlich deshalb, weil das Projekt zu diesem Zeitpunkt noch nicht spruchreif war“, so Betz. Aus dem Gemeinderat sei „kein Antrag auf eine intensivere und öffentliche Behandlung gestellt“ worden. Zur baurechtlichen Prüfung wurde Zimmers Antrag zügig an das Landratsamt weitergeleitet. Der Baujurist habe mitgeteilt, dass „das Einvernehmen der Gemeinde nicht der Information der Öffentlichkeit dient, sondern die Planungshoheit der Gemeinde sichert“. Für die geforderten circa 20 Parkplätze könnte die Kommune an Zimmer eine Fläche entlang der Bahnlinie verpachten. „Der Gemeinde entstehen keinerlei Kosten“, hob Betz hervor.

„Im Landratsamt entscheiden das Staatliche Bauamt, Jurist und Kreisbaumeister über die Anträge. Das ist eine reine Amtshandlung“, äußerte sich Landrätin Andrea Jochner-Weiß auf Nachfrage des Kreisboten. Im Falle von Bernd Zimmers Bauantrag seien alle Voraussetzungen für eine Genehmigung erfüllt gewesen und es mussten nur Wasserwirtschaftsamt und Naturschutz gehört werden. „Ein Kunstwerk wie die Säulenhalle gehört in die Natur, wo sie wirkt und erst zur Kunst wird“, erklärte die Landrätin.

Gemeinsame Einladung

Gemeinde und „Stoa169 Stiftung“ laden die Pollinger Bevölkerung am Dienstag, 9. April, um 19.30 Uhr zur Vorstellung der Künstler-Säulenhalle in die Tiefenbachhalle ein. Auch die Landrätin hat ihr Kommen angekündigt. Mit Kreisbaumeister Horst Nadler will sie der Pollinger Bürgerschaft in der Versammlung Rede und Antwort stehen. 

Von Maria Hofstetter 

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