Weilheimer Festspiele zeigen auf selbst gebauter Drehbühne böhmisch-tschechischen Klassiker

Schwejk – ein Überlebenskünstler

+
Soldat Schwejk (re. vorne) hat viel zu erzählen und schafft es immer wieder, in gefährlichen Situationen seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Mehr Fotos: www.kreisbote.de.

Weilheim – Mit der „Geschichte vom braven Soldaten Schwejk“, der sich mit Witz aus gefährlichen Situationen rettet und auch in Kriegszeiten das Beste aus allem macht, lassen die Weilheimer Festspiele das Jahr ausklingen. Am Samstag wurde in dem nicht voll besetzten Stadttheater Premiere gefeiert.

Die von Andreas Arneth und seinem Neffen Riccardo Mangano in mehrwöchiger Arbeit gebaute doppelte Drehbühne ist ständig in Bewegung. Es wird viel gedreht und geklappt in dem Stück, das mit fast 20 Verwandlungen überrascht: Arneth selbst und auch die Schauspieler packen mit an, wenn sich die Bühne – ähnlich einem Karussell – in ein neues Szenenbild verwandelt. Eine tolle Leistung!

„Geschichte vom braven Soldaten Schwejk“

Drei Laienschauspieler aus Tachov geben der Inszenierung mit ihren zweisprachigen Texten tschechisch-böhmisches Flair. In dem Ensemble wirken, neben Profischauspielerin Carla Spendel, mit Johanna Mensing und Stefan Voglhuber wieder preisgekrönte Nachwuchsschauspieler mit. Auch Regisseurin Yvonne Brosch hat einen kurzen Auftritt als Baronin Botzenheim. Aus der heimischen Theaterszene sind Lukas Wörle, Michael Golf, Heinz Fink und Andreas Schmerbeck in verschiedenen Rollen zu erleben.

Bis zum 31. Dezember wird die Komödie von Jaroslav Hašek, die Robert Gillner in eine Bühnenfassung gebracht hat, noch sechs Mal aufgeführt, die Silvestervorstellung ist bereits seit September ausverkauft.

Tickets für die Vorstellungen am 18., 20., 26., 27. und 30. Dezember, jeweils um 20 Uhr, sonntags um 18 Uhr, gibt es beim Kreisboten in der Weilheimer Sparkasse am Marienplatz, Tel. 0881/686-11 und -12. 

 

Schwejk überlistet Kriegsbürokratie

Thronfolger (Erzherzog Franz Ferdinand, Anm.d.Red.) erschossen! Vor diesem Plakat versammelt sich eine aufgeregte Menschenmenge in der Prager Innenstadt. Das in Sarajewo auf den Thronfolger des Österreichisch-Ungarischen Kaiserreiches ausgeübte Attentat im Juni 1914 löst den vier Jahre anhaltenden Ersten Weltkrieg aus, der die Welt aus den Angeln heben wird.

Das ist der Moment, an dem der Hundehändler Josef Schwejk (František Havel) die Bühne des Stadttheaters betritt. Die vor allem durch die Filmfassung mit Fritz Muliar in der Hauptperson berühmt gewordene Komödie von Jaroslav Hašek bildet den Abschluss der diesjährigen Theaterfestspiele in Weilheim. Die Veranstalter legen sich dafür mächtig ins Zeug und stellen eine Aufführung auf die Beine, die sich in vielem von den bisherigen Darbietungen abhebt.

Die Herausforderung, eine Vielzahl von Schauplätzen zu zeigen, löst Ausstatter Andreas Arneth genial mit zwei sich gegeneinander drehenden Bühnen und zeitgenössischen Requisiten. Der innere Kubus gibt den jeweiligen Hintergrund wieder, während der äußere Ring als Ort der Handlung fungiert. Der Umbau von einer Szene auf die andere findet nicht unsichtbar hinter dem Vorhang statt, sondern ist Teil der Inszenierung. Schmissig bis schräg begleiten die Marschklänge vom „K&K Orchester der elektronischen Musikgesellschaft Wien“ und den leibhaftigen Musikern Susanne Löw (Flügelhorn), Viktoria Kasprik (Violine/Posaune) und Bernd Aures (Schlagzeug) den Szenenwechsel. Andreas Schmerbeck schwingt im Orchestergraben in fescher K&K-Uniform den Dirigentenstab.

Weitere Besonderheiten sind die Binationalität und Zweisprachigkeit der Darsteller. Das Stück wurde in dieser Inszenierung von Yvonne Brosch und Andreas Arneth bereits in Bärnau in der Oberpfalz im deutsch-tschechischen Grenzgebiet aufgeführt: Unter Mitwirkung der tschechischen Schauspieler František Havel als Schwejk in der Hauptrolle und dessen Kameraden Baloun (Miroslav Jarý) und Woditschka (Jan Krejcí), die auch in Weilheim auf der Bühne stehen. Um die in der damaligen K&K-Monarchie vorherrschende Sprachenvielfalt zum Ausdruck zu bringen, werden viele Dialoge zweisprachig geführt. Die Hoffnung, dass sich dem Weilheimer Publikum die auf tschechisch gestellte Frage durch die deutsche Antwort von selbst erschließt, erfüllt sich jedoch nur zum Teil, was bei der Premiere auch an der Akustik gelegen haben mag.

Das aus Laien und professionellen Schauspielern bestehende Ensemble stellt die morbide Welt der Habsburger Monarchie an der Schwelle ihres Zusammenbruchs eindrucksvoll dar. Eine Welt, die der nur auf den ersten Blick einfältige Soldat Schwejk bloßstellt, indem er mit scheinbar naiven Antworten auf die bornierten Fragen seiner Vorgesetzten reagiert. Mit seiner Schlitzohrigkeit gelingt es ihm, alle Gefahren des Krieges zu überleben und sein früheres Leben im Stammlokal „Im Kelch“ wieder aufzunehmen. „Alles bleibt, wie es war, nur schlechter“, ist sein Fazit nach vier Jahren. Eine prophetische Vorausahnung im Wissen um die Geschichte, die danach folgte...

Ein Stück Weltgeschichte aus der Sicht des „einfachen Mannes“ Schwejk, von Weilheimer Theatermachern heiter in Szene gesetzt.

Von Maria Hofstetter

Meistgelesen

Kleiner Käfer, großer Schaden
Kleiner Käfer, großer Schaden
Existenz von Imkerei bedroht
Existenz von Imkerei bedroht
Fällaktion in Murnau
Fällaktion in Murnau
Verbundlösungen gehört die Zukunft
Verbundlösungen gehört die Zukunft

Kommentare