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Spurensuche in Murnau: Schicksale nach dem Zweiten Weltkrieg

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Dokumente während und nach dem Krieg; eine Häftlings-Personal-Karte
Dokumente aus den Arolsen Archives. Auch über Menschen, die nach dem Krieg in Murnau waren, finden sich einige Dokumente. © Arolsen Archives

Murnau – Es begann mit dem Abschluss der Forschungsarbeit der Historikerin Edith Raim und der finalen Publikation ihres Buches „Es kommen kalte Zeiten“ über die Zeit des Nationalsozialismus in Murnau. Eine Politikerin und ein Historiker setzten die Spurensuche über das Schicksal vieler Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg fort.

Veronika Jones-Gilch sitzt als Murnauer Marktgemeinderätin im Arbeitskreis Aufarbeitung des Nationalsozialismus und betreibt nach eigener Aussage leidenschaftlich private Ahnenforschung. Thomas Wagner ist Historiker in der KZ Gedenkstätte Dachau.

Für beide war das Werk der Historikerin Raim erst der Beginn einer detaillierten Spurensuche sowohl zum jüdischen Leben im Landkreis Garmisch-Partenkirchen als auch zum Schicksal vieler Familien aus der Bevölkerung durch das brutale NS-Regime. Die beiden Hobbyforschenden nutzten schon lange die öffentlich zugänglichen Arolsen Archive für private wie berufliche Zwecke. Diese sind ein Archiv, das sämtliche weltweit verfügbaren Dokumente zur NS-Zeit, vornehmlich KZ-Unterlagen, digitalisiert und frei zugänglich online zur Verfügung stellt. „Da längst nicht alle Dokumente erfasst sind, wächst die Datensammlung täglich und es lohnt sich, immer wieder einen Blick hinein zu werfen. Eine Aufarbeitung kann frühestens dann als abgeschlossen betrachtet werden, wenn sämtliche Unterlagen archiviert und einsehbar sind“, so Jones-Gilch und erläutert weiter: „Allein mit der einfachen Suche über die verschiedenen Ortschaften im Landkreis Garmisch-Partenkirchen erhalten wir zahlreiche Hinweise sowohl über jüdisches Leben hier bei uns vor Ort nach Kriegsende wie auch über jüdische Schicksale während der NS-Zeit. Wer also privat dort zur eigenen Familie beziehungsweise Ortsgeschichte forscht, erhält oft unweigerlich Informationen über weitere Menschen aus dem gesuchten Ort.“

Im Rahmen ihrer Nachforschungen haben Marktgemeinderätin Veronika Jones-Gilch und Historiker Thomas Wagner bisher rund 40 Personen in den Arolsen Archiven gefunden. Wagner erklärt: „Es handelt sich dabei oft um nicht-jüdische Personen, die aus verschiedensten Gründen in Konzentrationslager eingewiesen wurden. Einige wurden später wieder entlassen, bei einigen verliert sich die Spur in nachfolgenden Konzentrationslagern. Wie zum Beispiel bei dem 1908 in Murnau geborenen Friedrich Streicher, der als Homosexueller in nachweislich mindestens fünf Konzentrationslagern war. Ob er überlebt hat, ist bisher nicht bekannt.“

Doch nicht nur zu Deportationen wurden die beiden fündig. Es lassen sich darüber hinaus zahlreiche präzise Werdegänge von sogenannten Displaced Persons (DPs) nachverfolgen. Von Mitarbeitenden jüdischer Organisationen, die von Murnau aus zentral nach jüdischen Überlebenden und Verschollenen gesucht haben, bis hin zu Kindern von Vertriebenen, die im Landkreis in den DP Lagern geboren wurden.

Datenbank mit gescannten Dokumenten
Blick in die Archivräume und die Datenbank mit gescannten Dokumenten. © Arolsen Archives

Wagner, der auch den Arbeitskreis Demokratie der Landkreis Grünen leitet, hofft, im Rahmen einer Buchpräsentation zum Thema Antisemitismus im Februar weitere Schicksale vorstellen zu können. Denn: „Gerade in diesen Zeiten, in denen Alltagsrassismus und oft erschreckend offener Antisemitismus immer mehr zunehmen, müssen wir auch bei uns vor Ort die Erinnerungskultur aktiv leben.“

Keine Familie mehr

Jones-Gilch und Wagner stellen hier einige Schicksale vor, auf die sie bei ihrer Recherche gestoßen sind: „Weil Familie und alle ausgemordet worden“, schrieb 1948 Nina Lubrianecka, 22 Jahre alt, in gebrochenem Deutsch auf den CM 1 Antrag im Displaced Persons Camp in Geretsried als Begründung für ihren Auswanderungsantrag nach Palästina. Die junge Jüdin aus der Tschechoslowakei hatte die Konzentrationslager Ravensbrück, Buchenwald und Bergen-Belsen überlebt, ihre gesamte Familie jedoch im Holocaust verloren.

1946 lebte sie im – am 24. Januar 1946 erstmals erwähnten – DP-Camp Murnau im Hotel Post. Von dort aus arbeitete sie als Schreibkraft für das American Joint Distribution Committee (AJDC). Teil ihrer Arbeit war die Suche nach vermissten und ermordeten Juden. Die Adresse des AJDC in Murnau lautete Hotel Post, Raum 124.

Am 1. August 1946 wohnten insgesamt fünf jüdische Frauen und zwei jüdische Männer im Murnauer Hotel Post. Das verraten Dokumente des AJDC Bergen Belsen. Diese 1914 gegründete jüdische Hilfsorganisation unterstütze nach 1945 Überlebende des Holocaust bei der Auswanderung. Nach Kriegsende kehrten zahlreiche überlebende Juden in ihre osteuropäischen Heimatländer zurück. Wegen des dort herrschenden Antisemitismus und auch weil sie oft sämtliche Familienmitglieder verloren hatten, wollten viele überlebende Juden Europa verlassen. Sehr viele Menschen, vornehmlich aus osteuropäischen Staaten, waren durch den Zweiten Weltkrieg entwurzelt worden.

Die jüdischen Überlebenden des Holocaust waren eine besondere Gruppe. Diese kehrten wegen des Antisemitismus in ihren Heimatländern, wie Polen und der Tschechoslowakei, zunächst in die US-Besatzungszone in Süddeutschland zurück, die damals auch als „Wartesaal“ für Juden aus Osteuropa, auf der Flucht aus Europa nach Palästina oder in die USA, bekannt war. Während sie auf ihre Ausreise warteten, lebten die Überlebenden in zahlreichen DP-Camps.

Vom Soldat zum Häftling

In Murnau existierten fünf DP-Camps. Eines der ersten wurde im Hotel Post eingerichtet. Die Bewohner suchten im Auftrag der AJDC nach überlebenden Juden und nach den zahllosen Opfern des Holocaust. Noch 1948 wurde in einer Liste des Murnauer Ausländeramtes David Artman-Korbanski als „KZ-ler“ geführt. Aus seinem Antrag zur Registrierung von 1947 erfährt man, dass er wohl am Krieg zur Abwehr des deutschen Überfalls am 1. September 1939 als Soldat der polnischen Streitkräfte teilgenommen hatte. Nach der polnischen Niederlage wurden jüdische polnische Soldaten oft ausgesondert und teilweise ermordet. Artman-Korbanski wurde 1940 in das Ghetto Lodz verschleppt. Die Bewohner litten dort wegen der unzureichenden Nahrungszufuhr unter Unterernährung, starben sehr häufig an Krankheiten oder erfroren im Winter zum Teil auf offener Straße.

Im Juli 1944 beschloss Heinrich Himmler das Ghetto zu räumen und alle Juden töten zu lassen. SS-Männer verschleppten 65 000 Menschen in den Lagerkomplex Auschwitz. Als Techniker und damit begehrter Spezialist blieb Artman-Korbanski am Leben und kam Ende 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Die hygienischen Bedingungen im völlig überfüllten Lager waren grauenhaft. 17 000 Häftlinge starben am grassierenden Fleckfieber.

Artman-Korbanski überlebte und wurde von dort in das Außenlager Geislingen des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof deportiert, von dort weiter in den größten Außenlagerkomplex des Konzentrationslagers Dachau, Allach. Dort produzierte BMW Flugzeugmotoren. Häftlinge mussten Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen leisten. Bis Februar 1945 stieg die Zahl der KZ-Häftlinge dort auf 10 000.

Lichtblicke nach dunkler Zeit

Am 11. April 1945 kam auch Jadwiga Borenstein, ebenfalls aus Geislingen kommend, in das Außenlager Allach. Bei ihrer Ankunft in Allach wurde ein falsches Geburtsdatum, der 16. Dezember 1914 statt 1916, in ihre Schreibstubenkarte eingetragen. In Allach herrschten damals entsetzliche Zustände: Viele Häftlinge litten unter Mangelernährung, Typhus und Ruhr. Häufig fanden Hinrichtungen wegen „Sabotage“, „Fluchtversuchen“ und „Essensdiebstahl“ statt.

Jadwigas Weg in die Freiheit ist annähernd vollständig bekannt. Nach der Befreiung lebte sie im Mai 1945 in Iffeldorf. Im Juli 1945 kam Borenstein dann ins Hotel Post nach Murnau. Doch auch in diesen schwierigen Zeiten gab es in der kleinen jüdischen Gemeinde Murnau Lichtblicke: Hier wurden Jadwiga und Artman-Korbanski ein Paar. Am 4. September 1947 wurde im Murnauer Krankenhaus ihre Tochter Hanna (Chana) geboren.

Dokument aus dem Arolsen Archiv
Eines von vielen Millionen Dokumenten der Arolsen Archives, die nun online verfügbar sind. © Arolsen Archives

Diese Menschen, die buchstäblich alles verloren und grausamste Schicksale erlebt hatten, litten meist nicht nur unter gesundheitlichen, sondern auch unter enormen psychischen Belastungen. Die Chronik „Es kommen kalte Zeiten“ von Edith Raim, berichtet auf Seite 588, dass die Räumlichkeiten des Hotel Post damals sehr heruntergekommen gewesen seien. Während des Zweiten Weltkriegs gab es kaum Gelegenheit, Räumlichkeiten in Stand zu halten. Aber die Überlebenden des Holocaust hatten 1946 und in den Folgejahren mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Die Überlebenden suchten verzweifelt nach ihren Angehörigen und sie führten einen harten Kampf gegen die Behörden.

Seit die Arolsen Archive frei zugänglich sind und sich online durchsuchen lassen, können die Schicksale von immer mehr Opfern des NS-Regimes schnell, individuell und präzise ermittelt werden. Die heute erhältlichen Suchergebnisse – die oben genannten Schicksale sind nur ein kleiner Ausschnitt – lassen noch einiges an Aufarbeitungspotential für die Marktgemeinde Murnau und die umliegenden Gemeinden erahnen.


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Von Kreisbote

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