Freiwilligendienst in einem Land voller Gegensätze: Lea Strzelecki (18) aus Wielenbach berichtet

Indien – ein neues Zuhause?

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Lea Strzelecki während eines Ausflugs mit ihren Schülern.

Tamil Nadu/Wielenbach – Indien ist bunt, laut und extrem: So würde ich die Welt, in der ich seit vier Monaten lebe, mit drei Worten beschreiben.

Bunt wegen den Kleidern, Häusern, vielen Sprachen und der tausend Jahre alten Kultur, von der viele Traditionen bewahrt sind. Laut wegen der vielen Menschen, die hier auf engem Raum wohnen und arbeiten. Indien ist extrem aufgrund vieler Gegensätze zwischen arm und reich, traditionell und modern, zwischen Fröhlichkeit und dem Kampf ums Überleben.

Dies ist ein kleiner Einblick in die Welt, von der ich während meines einjährigen „weltwärts -Freiwilligendienstes“– das Programm wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert – ein Teil sein darf. Ich heiße Lea Strzelecki, bin 18 Jahre und komme aus Wielenbach. Derzeit lebe ich in Südindien, im Bundesstaat Tamil Nadu, in einem Projekt der Don Bosco Gemeinschaft. Sehr früh stand für mich fest, dass ich nach dem Abitur für ein Jahr in ein anderes Land gehen möchte. Ich habe mich für einen Freiwilligendienst in einem Entwicklungsland entschieden, da ich eine völlig neue Kultur außerhalb Europas kennenlernen wollte: Um meinen Horizont zu erweitern und um Kinder und Jugendliche, die in ihrem Leben nicht so viel Glück hatten wie ich, ein Stück auf ihrem Lebensweg zu begleiten und unterstützen.

Die Organisation „Don Bosco Volunteers“, sie gehört dem Orden der Salesianer Don Boscos an, hat mich auf mein Auslandsjahr vorbereitet und begleitet mich. Don Bosco, der Gründer des Ordens, hat sein Leben vor allem vernachlässigten Kindern und Jugendlichen gewidmet. Etwas, das mich besonders an seiner Pädagogik begeistert, ist der Gedanke, dass jeder Mensch in seinem Inneren gut ist, und dass durch Liebe, Fürsorge und dem Gefühl von Geborgenheit dieses Gute zum Vorschein gebracht werden kann. Von ihm stammt der Spruch: „Kinder sind wie Edelsteine, die auf der Straße liegen. Sie müssen nur aufgehoben werden und schon leuchten sie.“ Mit dieser Motivation, drei Vorbereitungsseminaren und einem Praktikum bin ich im September 2016 nach Indien gestartet. Zu Beginn fühlte ich mich oft hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Faszination einerseits, Überforderung und Hilflosigkeit andererseits.

Kultur beeinflusst unser Leben viel mehr als wir uns zugestehen. Wenn wir an Indien denken, haben wir meist bunte Bilder mit vielen Menschen, Rikschas und Kühen auf den Straßen vor Augen. All dies ist nicht zu verleugnen – nur ist Kultur viel mehr. Vor meinem Indienjahr habe ich ganz bewusst versucht, darauf zu achten, was eigentlich die deutsche Kultur ist. Erst jetzt und nur sehr langsam fange ich an zu verstehen. Nach fast vier Monaten lerne ich immer noch viel über die tamilische Kultur und somit auch über meine – unsere – eigene.

Der Grund, weshalb wir immer nur die Spitze des kulturellen Eisbergs kennen ist, dass man ihn auf Bildern, in Filmen und in der Musik darstellen kann. Der andere Teil ist nicht so greifbar, da er sich meist auf Wertvorstellungen und das Verhalten zwischen den Menschen bezieht. Beispiele dafür sind: Bedeutung der Körpersprache, Schönheitsideal, Vorstellung von Gerechtigkeit und Freundschaft, Ausübung von Religion, Wichtigkeit der Familie, Auffassung von Höflichkeit. Ihre große Bedeutung war mir vorher nicht wirklich bewusst. So kam es vor allem anfangs zu Missverständnissen und witzigen Geschichten. In dieser Zeit habe ich die Offenheit, das Verständnis und die Geduld der Menschen um mich herum zu schätzen gelernt. Niemand wurde müde oder ärgerlich, mir fünfmal zu erklären, wieso man hier immer alle Leute fragt, ob sie schon gegessen haben. Mittlerweile weiß ich, dass diese Frage zum Smalltalk gehört wie bei uns Gespräche über das Wetter.

Das Thema Heimat spielt in dem Projekt, in dem ich arbeite, eine große Rolle. Die meisten Studenten kommen ursprünglich aus Sri Lanka. Nach dem Bürgerkrieg (1983-2009) flohen viele Sri-Lanka-Tamilen nach Tamil Nadu. Über 100 000 Menschen leben in schlecht versorgten Flüchtlingscamps und werden ausgebeutet, da ihnen die indische Staatsbürgerschaft nicht zugesprochen wird. Die Studenten bekommen von der Don Bosco Gemeinschaft die Möglichkeit, hier für wenig Geld den zehnmonatigen Diplomakurs im Bereich Medien zu belegen. Mein Projekt „Don Bosco Media“ besteht aus zwei großen Bereichen. Zum einem „DBIICE“ (Don Bosco Institute of Information & Communication Excellence), dem Bildungszentrum für Studenten und zum anderen „Alaihal Media“, dem Produktionszentrum für Songaufnahmen, Videos und Dokumentationen. Das Motto von „Don Bosco Media“ ist „communicate to educate, empower, employ and entertain“, was bedeutet, dass die Jugendlichen durch die Arbeit mit Medien die Möglichkeit auf eine gesicherte Zukunft bekommen. Eine meiner Aufgaben ist, den 30 Studenten Englischkenntnisse zu vermitteln, die absolut notwendig sind, um in der Medienwelt zu bestehen, Arbeit im Ausland zu finden. Ebenso wichtig finde ich das Zuhören und Einfach-da-Sein, obwohl die Schüler alle zwischen 17 und 27 Jahre alt sind.

Auch ich werde gefragt, ob ich mich schon zuhause fühle. Was braucht man, um sich zuhause zu fühlen? Alltägliche Dinge, wie gutes Essen, ein Bett, in dem man gerne schläft, seine Lieblingsmusik. Die zwei wichtigsten Dinge sind aber eine vertraute Umgebung, in der man sich sicher, geborgen fühlt und Menschen um sich herum, die man liebt. Wenn mich jetzt wieder jemand fragt, ob ich mich zuhause fühle, würde ich vermutlich sagen: „Konjam, konjam.“ Das ist tamil und heißt ein bisschen. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Indien ist bunt, laut, extrem. Mit diesen drei Worten war es mir wichtig, die vielen positiven Dinge Indiens zu beschreiben, dabei aber die Augen vor dem Negativen nicht zu verschließen.

Ich freue mich über jede kleine Spende für mein Projekt: Don Bosco Mission Liga Bank München, IBAN: DE66 7509 0300 0102 1418 76, BIC: GENODEF1M05, Verwendungszweck: R511662 Lea Strzelecki. Mehr Infos auf dem Blog www.blogs.strassenkinder.de/leamarie365tageindien/.

Von Lea Strzelecki

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