Ackern für mehr Integration

Parlamentarischer Staatssekretär Hans Joachim Fuchtel zu Besuch auf Weilheimer "Tafel-Acker"

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Hans Joachim Fuchtel, mit Vertretern der Stadt und der Kirche mit den syrischen Familien und den Mitgliedern der Weilheimer Tafel auf dem Tafel-Acker. In ihren Händen halten sie das syrisch-bayerische Kochbuch.

Weilheim – Einen Parlamentarischen Staatssekretär sieht man nicht alle Tage – und schon gar nicht bei brütender Hitze zwischen Kürbis, Petersilie und Co. auf einem Weilheimer Ackerfeld. Vor Kurzem war aber genau das der Fall, als Hans Joachim Fuchtel aus Berlin angereist war, um das einmalige Projekt, ein Jahr „Tafel-Acker“, im Rahmen des Sommerfests zu feiern.

Zucchini, Gurken, Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, Mangold, Rote Beete, Spinat, Kürbis und Bohnen – Janette Nissans Mann Sabri geht täglich für eine Stunde auf sein Gemüsefeld, um sich um die Pflanzen zu kümmern. Janette Nissan ist Lehrerin aus Syrien und lebt seit knapp viereinhalb Jahren in Deutschland. Gemeinsam mit ihrem Mann gehören sie zu insgesamt sieben weiteren syrischen Familien in Weilheim, die am Projekt „Tafel-Acker“ mitwirken. Dieses wurde im Rahmen des vom Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) geförderten Projekts „Koordinierung, Qualifizierung und Förderung von ehrenamtlichen Lebensmittelrettern – Integration von Flüchtlingen und Asylsuchenden bei den Tafeln“ ins Leben gerufen. Mit 400 000 Euro fördert das BMEL zwölf Tafeln in ganz Deutschland, um Lebensmittel zu retten und Flüchtlingen zu helfen.

Der Startschuss für das Vorhaben in Weilheim fiel am 1. April 2017. „Mit 6 500 Euro Fördergelder sind wir gestartet. Davon finanzieren wir zum Beispiel das Saatgut oder die Bienenvölker“, erklärte Eva-Maria Muche von der Weilheimer Tafel. Auf insgesamt 500 Quadratmeter Acker, der von einem Weilheimer Bauern zur Verfügung gestellt wurde, erwirtschafteten die syrischen Familien im letzten Jahr insgesamt 200 Kilogramm Gemüse und 70 Kilogramm Honig. Davon durften sie die Hälfte selbst behalten, der andere Teil wurde über die Tafel an hilfsbedürftige Menschen vergeben. Seit kurzem steht den Familien auch ein kleiner Container zur Verfügung, in dem sie ihre Utensilien lagern können. Das Ehepaar Charlotte und Dieter Meer von der Weilheimer Tafel betreut das Projekt in der Kreisstadt.

„So einen Termin habe ich auch noch nicht erlebt, mit der Tafel auf einem Acker zu stehen“, sagte Fuchtel bei der Besichtigung des Ackers. „Gemeinsam ackern schafft Zusammenhalt und gute Lebensmittel.“ Das Projekt in Weilheim sei ein gutes Beispiel für gelebte Solidarität. Er bedankte sich bei den Beteiligten und Helfern, die gelungene Integration geschaffen haben.

Auch Weilheims zweiter Bürgermeister Horst Martin zeigte sich begeistert: „Die Tafel leistet seit vielen Jahren einen enormen Beitrag zur Unterstützung unserer Mitbürger, denen es finanziell nicht so gut geht“, so Martin, der den Gemüsebauern und dem Imker für ihre Arbeit großes Lob aussprach. „Wir würden uns bei Integration leichter tun, wenn wir mehr die Wörter Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe verwenden würden“, plädierte er für mehr Integration. Dekan Axel Piper spendete noch Gottes Segen und wendete an die Anwesenden: „Es geht nicht nur um das Verteilen von Lebensmitteln, es geht um Teilhabe, dass Menschen ihre Fähigkeiten ausleben können. Ihr seid Teil dieser Gesellschaft, das macht der Tafel-Acker einmal sehr deutlich.“

Neben traditionellen arabischen Snacks konnte man auch schon einen Blick in das Winterprojekt der Weilheimer Tafel werfen. Dies ist ein syrisch-bayerisches Kochbuch mit gesammelten Rezepten aus beiden Kulturkreisen. Xefur Hussein, ein syrischer Flüchtling aus Weilheim, hat passend zu den jeweiligen Gerichten Aquarelle angefertigt. Dorey Mamou, der im Zentrum für Flucht und Migration in Eichstätt-Ingolstadt tätig und ein Sohn von Janette Nissan ist, hat die Übersetzungsarbeiten geleistet. Von dem Kochbuch, das über das Zentrum Flucht und Migration finanziert wurde, gibt es insgesamt 1 000 Exemplare, die bei der Weilheimer Tafel und ihren Aktionen gegen eine Spende erhältlich sind.

Von Maria Lindner

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