Viele Thomasse, wenig Frauen

Livestream stimmt auf Lange Nacht der Demokratie ein

Politikerinnen bei der Onlineveranstaltung.
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Speeddating mit Politikerinnen: Viktoria Meyer interviewte Susann Enders (oben links), Johanna Wimmer unterhielt sich mit Stephanie Neumeir-Schrank (oben rechts), Judith Knöthig befragte Tessy Lödermann (unten links) und Maria Schilcher plauderte mit Vanessa Voit (unten rechts).
  • vonAntonia Reindl
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Murnau – Sicherlich, der Einstieg ist recht prosaisch. Doch man scheint Worte wählen zu wollen, die der Bedeutung der Demokratie gerecht werden. Auch soll der rund 45-minütige Livestream aus dem Rathaus auf die Lange Nacht der Demokratie neugierig machen. Thema des Teaser-Events: „Das Speeddating mit dem XX-Faktor – So machen Frauen Politik bei uns“.

Die Lange Nacht der Demokratie findet zwar erst im Oktober statt, nichtsdestotrotz will man schon einmal ein Vorkosten ermöglichen – über verschiedene virtuelle Veranstaltungen in den Kommunen. So auch in Murnau, wo man sich für einen Stream aus dem Rathaus via Youtube entschieden hat. Live dabei sind zwar nicht allzu viele Zuschauer, die Zahl schwankt um die 30, jedoch ist der rund 45-minütige Teaser-Film auch im Nachhinein abrufbar. Zwei Tage nach der Liveübertragung wird der Film um die 300 Aufrufe verzeichnen, gut ein Dutzend Likes, aber keinerlei Kommentare bekommen haben.

Mit sehr künstlerisch komponierten Worten, die über den Umweg der Analogie zur Demokratie überleiten und von einer Männerstimme aus dem Off gesprochen werden, ergreift Bürgermeister Rolf Beuting das Wort. „Demokratie ist das höchste politische Gut“, sagt der Rathauschef, der Kritik zu äußern wagt, wenn er sagt, dass es auffällig sei, wie oft die Kompetenz von Frauen hinterfragt werde. Und wie oft Frauen dabei mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie konfrontiert werden. „Mich hat noch nie einer nach meiner Familienplanung gefragt.“ Und nein, auf des Bürgermeisters Stimme folgt nun keine höhere Tonlage, sondern abermals ein Männertenor. Landrat Anton Speer, der vor Alpenpanorama davon spricht, dass Garmisch-Partenkirchen mit drei Bürgermeisterinnen im Vergleich mit benachbarten Landkreisen die meisten weiblichen Rathausoberhäupter in der Region habe. Dann ist tatsächlich eine Frau an der Reihe: Ilse Aigner. „Die Demokratie war mir immer wichtig und wertvoll“, sagt die Präsidentin des Bayerischen Landtags, ehe sie von ihrem Einstieg in die Politik und ihrem Antrieb, in die Politik zu gehen, spricht. Auch Aigner blickt auf das Verhältnis von Mann und Frau in der Politik. „Es gibt in Deutschland mehr Bürgermeister, die Thomas heißen, als Bürgermeisterinnen.“

Speeddating mit Politikerinnen

Dann ergreifen weitere Politikerinnen das Wort, werden um Worte gebeten. Vier junge Frauen aus der Region interviewen Susann Enders, Mitglied des Bayerischen Landtags (Freie Wähler), Tessy Lödermann, Kreisrätin und dritte Landrätin (Grüne), die Murnauer Gemeinderätin Stephanie Neumeir-Schrank (Grüne) und Ettals Bürgermeisterin Vanessa Voit (parteifrei). Fünf Minuten Zeit wird pro Zweierteam gewährt, Speeddating eben. Mundharmonikamusik ertönt, und es scheint so, als ob Interviewerin und Interviewte zu einem klassischen Western-Duell aufeinander zu schreiten. An getrennten Stehtischen werden dann Fragen behandelt, mit denen die Politikerinnen angesichts des Themas wohl gerechnet haben dürften. Viktoria Meyer, Studentin der Sozialen Arbeit und Musikpädagogik, will beispielsweise von Enders wissen, ob Frauen anders Politik machen als Männer. Enders glaubt ja. Frauen würden etwa mehr Emotionalität in die Politik bringen. Judith Knöthig, Schülerin am Staffelsee-Gymnasium, fragt Lödermann unter anderem, ob das Frausein in der politischen Karriere hilfreich oder hinderlich gewesen sei. „Es war gar nichts“, meint Lödermann zunächst. In Bewegungen, bei Demonstrationen „waren wir Frauen schon immer gleichberechtigt“. Dann meint sie jedoch, dass es für sie vielleicht schon manchmal von Vorteil gewesen sei, eine Frau zu sein. Als sie in den Landtag kam, hätten die männlichen Kollegen „etwas mehr Beißhemmung mir gegenüber“ gehabt, wenn es um Themen gegangen sei, für die sie gebrannt habe.

Doch es sind auch Fragen dabei, die die Politikerinnen etwas überrascht haben dürften. So will Knöthigs Mitschülerin Maria Schilcher von Voit etwa wissen, was diese von der unterschiedlichen Mehrwertsteuererhebung auf vegane Ersatzprodukte (19 Prozent) und auf tierische Erzeugnisse (sieben Prozent), „die bekannterweise schlechter sind für die Umwelt“, halte. „Aus meiner Sicht würde das Verhältnis natürlich umgedreht werden müssen“, sagt Voit, während inmitten ihres Satzes ein Gong das Ende der fünf Minuten verkündet. Und nicht ganz leicht macht es Johanna Wimmer, ebenfalls Schülerin am Staffelsee-Gymnasium, Neumeir-Schrank, als sie wissen will, wie die Gemeinderätin über Menstruationsurlaub und Gratis-Hygieneartikel im öffentlichen Raum für Menstruierende denkt.

Zwischen den Interviewblöcken ist die Band „Die Zeitzeugen“ zu hören, Gesang, Gitarrenklänge, Querflötentöne, Beckenvibrieren. Und auch optische Kunst wird thematisiert. Die Künstlerin Lena Policzka erläutert ihre Rauminstallation, welche sich über viele Meter an der Wand des Sitzungssaales im Rathaus entlangschlängelt, ein Werk mit demokratischer Wurzel, sei es doch „wie ein Schaubild einer lebendigen und lösungsorientierten Diskussion zu lesen“.

Zum Schluss streuen weitere Kreative in kurzen Videos Gedanken zur Demokratie ein, Theaterer, Musiker und Künstler. Dann erscheint wieder Aigner auf dem Bildschirm. „Demokratie ist keine Gabe, sondern eine Aufgabe“, sagt sie. Und während der Einstieg Männerstimmen vorbehalten war, so hat nun am Ende eine Frau das letzte Wort.

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