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Teil 1 der Ukraine-Reportage: Der Weg von Winterkleidung und Babybrei nach Uschhorod

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Von: Max Müller

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Natasha Shelemonchak (links) und Tatiana Horsopan sortieren die Spenden aus der Penzberger Region und geben die Winterkleidung an ukrainische Kriegsflüchtlinge 
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Hilfe in Uschhorod: Natasha Shelemonchak (links) und Tatiana Horsopan sortieren die Spenden aus der Penzberger Region und geben die Winterkleidung an ukrainische Kriegsflüchtlinge aus. © Müller

Region – Knapp elf Stunden Fahrzeit auf einer Strecke von 1 038 Kilometern sind Winterkleidung, Nahrung und Medizin aus Benediktbeuern unterwegs bis sie im ukrainischen Uschhorod ankommen. Dort sind Kriegsflüchtlinge auf die wärmende Kleidung und das Essen angewiesen. Redakteur Max Müller begleitete die Gründerin der Ukraine-Hilfe Oberland, Alina Lindemann aus Weilheim, auf ihrer Reise – an einen Ort voller Hoffnung und Furcht.

Diesmal geht es für Lindemann nicht an die Front in den Osten des Landes. Russische Raketenangriffe sind im ukrainischen Uschhorod – 30 Kilometer von der ungarischen EU-Grenze entfernt – eher unwahrscheinlich. Doch der russische Angriffskrieg hat viele Ukrainer in die Hauptstadt Transkarpatiens getrieben. Dort kommen sie oft nur mit der Kleidung an, die sie am Leib tragen.

Am Freitag, 2. Dezember, gegen 19 Uhr fährt die gebürtige Weilheimerin den mit Spenden beladenen Mercedes Sprinter los. Über Österreich und Ungarn erreicht die 21-Jährige nach knapp elf Stunden Fahrt die Grenze zur Ukraine.

Die Winterkleidung und Medizin soll bei der NGO (Nichtregierungsorganisation) Neemia abgeliefert werden. Zu der Hilfsorganisation hat die 21-Jährige seit Kriegsbeginn Kontakt. Nachdem die Spenden aus dem Loisachtal im Lager von „Neemia“ verstaut und sortiert sind, beginnt für Lindemann und Reporter Müller eine Odyssee durch Uschhorod und Transkarpatien. Viele Kriegsflüchtlinge sind bereit von ihren Erfahrungen zu berichten. Von ihren Ängsten, aber auch von ihrer Hoffnung.

Ansprechpartner vor Ort ist der Ukrainer Pavlo Popenko. Ein redseliger und hilfsbereiter Mann, der vor Kriegsbeginn noch für den Fußballclub Sorja Luhansk als „Head of international Relationships“ arbeitete. Der 37-jährige Neemia-Mitarbeiter stellt sich als Dolmetscher zur Verfügung – Englisch können die Flüchtlinge kaum. Zwar sprechen die Tränen und die zitternden Hände oft Bände, doch ohne Popenkos Hilfe wären ihre Geschichten im Wirrwarr der Kommunikationsprobleme verschwunden. Geschichten von Raketeneinschlägen, Geschichten vom Leben unter russischer Besatzung, Geschichten von Tod und Leid.

Es wird kälter

Der erste Teil der Reportage beschreibt die langwierige Fahrt nach Uschhorod, Ärgernisse und Umstände an der Grenze von Ungarn in die Ukraine und die NGO Neemia. Zu deren Hauptquartier bringt Lindemann die Spenden aus der Region. Dorthin wo sie gerade dringend gebraucht werden. Vor allem Winterjacken und Winterschuhe. Denn es wird kälter in der Ukraine, nicht nur in Oberbayern.

Knapp zwölf Tonnen an Sachspenden. Darunter Winterkleidung, Schuhe, Medizin und Nahrung. Das sammelte die Ukraine-Hilfe Oberland Anfang November in Benediktbeuern. Einen Teil der Spenden brachte Gründerin Lindemann nun in das ukrainische Uschhorod.

Es ist kalt bei Temperaturen um 0 Grad. Grenzbeamte mit automatischen Waffen sind in Gespräche vertieft, rauchen Zigaretten und blasen den kalten Rauch in die noch kältere Morgenluft. Um 6 Uhr laden Lindemann und Müller Kisten mit Kleidung und Säcke voller Sachspenden aus einem Sprinter aus. Eine kilometerlange Schlange an Lastkraftwagen, Bussen und Transportern wartet an der ungarisch-ukrainischen Grenze, unweit der Stadt Sáhony, um in das kriegsgebeutelte Land zu fahren. Das ist die erste Hürde, welche die 21-jährige Weilheimerin nehmen muss, um wärmende Kleidung und Essen in die Ukraine zu schaffen. Lindemann balanciert über Gläser mit Babybrei, um an die hoch gestapelten Spendenwaren im blauen Transporter zu kommen. Ein Kraftakt nach knapp elf Stunden Fahrt ohne Schlaf. Als die Weilheimerin die letzte Kiste ausgeladen hat, kommt ein ungarischer Grenzbeamter und macht eine abfällige Handbewegung. Er signalisiert Lindemann, alle Kisten wieder einzuräumen – ohne auch nur eine einzige zu inspizieren.

Auswirkungen des Kriegs

Als die Grenze in den frühen Morgenstunden überquert ist, geht es in die ukrainische Stadt Uschhorod – die Hauptstadt der Region Transkarpatien. In der knapp über 100 000-Einwohner-Stadt ist man zwar nicht von direkten Raketenangriffen betroffen, spürt die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs aber trotzdem. Etliche Flüchtlinge aus dem Osten des Landes halten sich in der Stadt auf. Die Zahlen variieren je nach Quelle stark, doch Lindemanns Dolmetscher Pavlo Popenko schätzt die Zahl auf „weitaus mehr als 200 000“. Der 37-Jährige arbeitet für die NGO Neemia, die sich in Uschhorod um Waisen und Kriegsflüchtlinge kümmert – 63 Hilfsbedürftige sind momentan im Hauptquartier der Organisation untergebracht. Dort trifft Lindemann ihren Kontaktmann Popenko und die Winterkleidung wird gemeinsam ausgeladen.

Natasha Shelemonchak (44) und Tatiana Horsopan (49) arbeiten ebenfalls für Neemia. Die beiden Frauen sind im Hauptquartier zuständig für das Sortieren und die Ausgabe der Kleiderspenden. Horsopan ist selbst ein Kriegsflüchtling und verließ im April die Stadt Mikolajiw im Osten.

Die Spenden aus der Region kommen an

„Eine Frau kam vergangene Woche vorbei. Sie hatte nur die Kleider, die sie am Leib trug. Bis vor zwei Wochen war sie noch im russisch besetzten Cherson, doch sie konnte mit ihrer Tochter und den Enkeln fliehen“, berichtet die 49-jährige Horsopan. Als jene ältere, hilfsbedürftige Frau bei der Ausgabe vorbeischaute, versorgten sie Shelemonchak und Horospan mit Nahrung, Decken und Winterkleidung – alles Spenden aus dem Loisachtal, wie die 44-jährige Shelemonchak versichert.

Bevor Shelemonchak von einem weiteren Fall berichtet, der sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hat, fällt der Strom plötzlich aus. Die Generatoren im Garten des Hauptquartiers springen jedoch ein, sodass die 44-Jährige bei ausreichend Licht weiter erzählen kann: „Ein Mann aus Mariupol trug nur Schlappen, eine kurze Hose und einen Pullover. So ist er im ukrainischen Spätherbst vor den Russen geflüchtet. Unfassbar.“ Auch der 70-Jährige wurde mit Decken und Schuhen versorgt – ebenfalls Spenden aus Benediktbeuern. Viele der Flüchtlinge erfahren über Mundpropaganda von der Kleiderausgabe in Uschhorod. Die meisten von ihnen konnten sich bei ihrer Flucht nicht auf den Winter vorbereiten. Es fehlt meist an wärmendem Schuhwerk für die kalte Jahreszeit. Auch die umliegenden Romadas (Landkreise) werden mit den Spenden versorgt.

Spenden

Geldspenden für die Ukraine-Hilfe Oberland beim Inner-Wheel-Club Garmisch-Partenkirchen auf das Sparkassen-Konto mit der IBAN: DE 44 7035 0000 0011 2061 82 und dem Verwendungszweck: Ukrainehilfe Oberland.

Die Ströme von Flüchtlingen sind nicht die einzige Auswirkung des Krieges für Uschhorod. Immer wieder gibt es Probleme mit dem Telekommunikations-Netz sowie Wasser- und Stromversorgung. „Ab 16 Uhr wird es sehr dunkel hier“, erklärt Dolmetscher Popenko. Und als die Sonne untergeht, bleiben die Fenster der meisten Wohnungen dunkel. Hier und da sieht man den flackernden Schein einer Kerze, das Geräusch von einigen brummenden Diesel-Generatoren erfüllt die Nacht. Die Straßen leeren sich und eine ruhige Nacht steht bevor. Anders als im 1 300 Kilometer entfernten Charkiw im Osten der Ukraine. Die Stadt bleibt nicht von russischen Raketenangriffen verschont. Kriegsflüchtlinge aus Charkiw und anderen Städten im Osten haben ihre Geschichten erzählt.

Kommentar

Grenzwertig

„Die Grenzkontrolle auf der ungarischen Seite gleicht einer Schikane. Ein humanitäres Fahrzeug, das bis zur Decke beladen ist, lässt der Grenzbeamte ausladen, ohne die Spenden auch nur eines Blickes zu würdigen. Dass die Orban-Regierung in Budapest pro-russische Tendenzen aufweist, ist kein Geheimnis. Doch, dass humanitäre Hilfe unnötigerweise aufgehalten wird ist eine ganz andere Geschichte.
Lkw-Fahrer bestätigen, dass sie bis zu vier Wochen an der Grenze warten müssen, bevor sie Güter aus oder eben in die Ukraine bringen können. Auf der ukrainischen Seite wird schon äußerst langsam gearbeitet, doch die ungarischen Grenzbeamten heben mit ihren willkürlichen Kontrollen das Kontrollklischee auf eine neue Stufe. Bedenklich ist dabei vor allem eins: Auf der anderen Seite frieren und hungern Menschen. Anders ist die Situation an der polnischen Grenze. Dort haben die Ukraine-Hilfe-Oberland-Gründer Alina Lindemann und Karl-Peter Geburzi nach eigener Aussage bis jetzt nur positive Erfahrungen gemacht.“ Max Müller

Wie die Flüchtlinge nun in Uschorod leben, wird in Teil 2 der Reportage beschrieben.

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