Interview mit Dr. Maximilian Köhler

Therapie mit Medizinalcannabis

Dr. Maximilian Köhler Murnau
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Dr. Maximilian Köhler behandelt manche seiner Patienten mit Medizinalcannabis.
  • Stefan Raab
    VonStefan Raab
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Murnau – Seit über zwei Jahren dürfen Ärzte Cannabis als Arzneimittel gesetzlich verschreiben. Die bayerischen Ärzte liegen mit 35 Prozent des verschriebenen Medizinalcannabis sogar deutschlandweit an der Spitze. Der Kreisbote hat mit Dr. Maximilian Köhler, Facharzt für Anästhesie und spezielle Schmerztherapie am Ambulanten Schmerzzentrum Murnau, über seine bisherigen Erfahrungen mit der Cannabisbehandlung von Schmerzpatient*innen gesprochen.

Herr Dr. Köhler, seit wann verschreiben Sie Cannabis und bei welchen Krankheitsbildern?

Köhler: „Mit Medizinalcannabis arbeite ich in meiner Praxis seit 2019. Ich setze es zur Therapie bei chronischen Schmerzerkrankungen und Nervenschmerzen ein. Auch im Zusammenhang mit schweren Erkrankungen, wie zum Beispiel Multiple Sklerose mit muskulären Spastiken, verwende ich Cannabis.“

Gibt es bei der Therapie mit Cannabis Nebenwirkungen oder Gegenanzeigen?

Köhler: „Es gibt in der Tat Gegenanzeigen, zum Beispiel relevante Suchtanamnesen in der Vergangenheit oder psychiatrische Erkrankungen. Da sollte man sehr vorsichtig sein. Aber ich sehe kaum Nebenwirkungen. Ich bin sehr zufrieden mit Cannabis – wobei wir Ärzte uns von den Heilpraktikern darin unterscheiden, dass wir nicht nur Einzelfälle beobachten, sondern uns auch an große repräsentative Studien halten müssen. Nichtsdestotrotz ist meine Beobachtung, dass die Nebenwirkungen im Vergleich zu den Schmerzmedikamenten, die die Menschen sonst nehmen müssen, verschwindend gering sind.“

Man könnte auch zu Paracetamol oder Morphinen greifen. Worin liegt der Unterschied?

Köhler: „Der Unterschied liegt in einer ganz anderen Wirkungsweise. Die Patienten, die in meiner Praxis auf Cannabis eingestellt werden, haben bereits jahrzehntelang Erfahrung mit diesen Medikamenten gesammelt und vertragen sie entweder nicht mehr, haben sie satt oder klagen über Nebenwirkungen. Sie sind dann froh über Cannabis als Alternative, das über das Endocannabinoidsystem (Teil des Nervensystems mit Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2) wirkt, was sich von den normalen Medikamenten, Opioidrezeptoren (Bindungsstellen im Nervengewebe) und gängigen NSAR (Nichtsteroidales Antiphlogistikum)-Schmerzmedikamenten deutlich unterscheidet.“

Wie kann sich der Laie eine Behandlung mit dem Extrakt von Cannabisblüten vorstellen? Als Inhalation, Tropfen oder Lösung?

Köhler: „Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Wir verwenden in der Regel sehr gerne Tropfen, die zum Teil niedriger dosiert sind. Blüten verschreibe ich auch, aber deutlich weniger.“

Welche Bilanz können Sie nach zwei Jahren Cannabis-Behandlung ziehen?

Köhler: „Die Bilanz ist absolut positiv. Wenn es sich um schwere Erkrankungen, Verletzungen, chronische Schmerzen oder Schmerzstörungen handelt, dann ist die Bilanz aus meiner Sicht extrem positiv.“

Wie zum Beispiel bei Multipler Sklerose?

Köhler: „Ja, die Behandlungen sind extrem erfolgreich aus meiner Sicht. Hier ist eine sehr feine Schmerz-Einstellung bei Menschen möglich, die wissen, wie viele Schwierigkeiten ihnen die Spastik macht. Von den verschriebenen Cannabistropfen können sie sehr gut profitieren.“

Könnten Sie das näher erläutern?

Köhler: „Sie müssen sich vorstellen, dass eine unkontrollierte Spastik ein äußerst schmerzhaftes Ereignis ist. Das fühlt sich nicht wie eine Muskelverspannung an, sondern wie ein Anspannen einer einseitigen Muskulatur, die bei Problemen zum Beispiel in der Hüft-Beuge-Muskulatur Auswirkungen auf die Biomechanik, das heißt auf die Haltung, hat. Wenn man diesen Patienten mit Medikamenten zu viel Kraft aus den Muskeln nimmt, verfügen sie nicht mehr über den nötigen Halt. Wenn ich also weniger von dem muskelentspannenden Medikament nehme, und ganz fein Cannabis dosiere, dann haben sie genug Kraft in den Beinen, um das zu tun, was ihnen wichtig ist. Sie erfahren so eine erhebliche Linderung ihrer Spastik und gewinnen ein Vielfaches an Lebensqualität.“

Welche Cannabis-Arznei bevorzugen Sie?

Köhler: „Das ist unterschiedlich und hängt teilweise von den Symptomen sowie praktikablen Kriterien ab. Reine THC-Produkte, die ich anfänglich verwendet habe, ersetze ich nun mit einem Vollspektrumextrakt. Für die meisten meiner Patienten ist die Mischung aus THC- und CBD-Inhaltsstoffen die ideale Lösung. Manche Cannabis-Produkte müssen gekühlt werden, andere befinden sich in kleinen Fläschchen – bei unserem großen Einzugsgebiet, das sich von Mittenwald bis Starnberg, von Kaufbeuren bis Bad Tölz erstreckt, ist die Abholung eines solchen Fläschchens durch die Patienten alle 14 Tage äußerst aufwendig.“

Wie reagieren die Patienten auf Ihr Behandlungsangebot „Cannabis auf Rezept“?

Köhler: „Durchaus unterschiedlich. Wir haben Patienten mit einem deutlich ausgeprägten Cannabiswunsch. Diese freuen sich, wenn der Arzt das Krankheitsbild und die Symptome auf einer medizinischen Ebene objektivieren und eine Cannabistherapie empfehlen kann – was aber nur dann Sinn macht, wenn die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Wir haben auch Patienten, die ganz klar sagen: ‚Ich hab‘s versucht, mir bringt das nichts‘ – die gibt es auch.“

Linus Weber, einer der Cannabis-Pioniere in Deutschland, vertritt die Ansicht, dass Cannabis vornehmlich über Apotheken beziehbar sein sollte. Wie sehen Sie das?

Köhler: „Man sollte nicht zu liberal mit dem Bezug von Cannabis umgehen. Man sollte sich mit den Konsequenzen des Suchtproblems beschäftigen: Es gibt einen bestimmten Typus, so um die 30 Jahre, der bereits zwischen dem zehnten und 14. Lebensjahr mit dem Cannabis-Konsum begonnen hat und nicht mehr in der Lage ist einen normalen Alltag zu führen.“

Wir können also bei der aktuellen rechtlichen Regelung bleiben?

Köhler: „Wir Ärzte haben durchaus die Möglichkeit, Schmerzpatienten, die bedürftig sind, mit Cannabis zu versorgen. Wir sehen eher das Problem der Kostenübernahme durch die Krankenkassen. Diese fordern, dass alle anderen schmerzlindernden Therapien erfolglos durchgeführt sein müssen, damit einer Cannabistherapie zugestimmt werden kann. Da wird den Patienten sehr viel abverlangt. Das macht mir schon Bauchschmerzen. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir Ärzte selbst entscheiden könnten, für wen Cannabis geeignet ist und für wen nicht und die gesetzlichen Krankenkassen die Kostenübernahme erleichtern.“

Vielen Dank für das Gespräch.

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