Beratungsstelle Therapienetz feiert 15-jähriges Bestehen in Weilheim

"Sonst wäre ich nicht mehr da"

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V. li. Erster Vorstand Franz Wimmer, Dr. Stefan Günther, Dr. Jakob Nützel, Kinder- und Jugendpsychiater, in dessen Praxis die Beratungsstelle Weilheim untergebracht ist; Carolin Martinovic, Leitung Beratungsstellen Therapienetz Essstörung; Dorothea Voss; Michael Asam; Horst Martin; Nora Seiffert, Einzelbetreutes Wohnen Weilheim.

Weilheim – Die Beratungsstelle Therapienetz feierte ihr 15-jähriges Bestehen in Weilheim in der kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis Dr. Jakob Nützel, in der die Stelle untergebracht ist.

Beim Sektempfang und zwischen den Grußworten sorgte virtuoses Geigenspiel von zwei Geigenbauschülerinnen aus Mittenwald für Begeisterung. Eine Geigerin ist eine ehemalige Klientin, die innerhalb eines Jahres Begleitung von einer akuten Bulimie komplett loskam. Nach dem offiziellen Teil fanden für die circa 40 Gäste Fach-Workshops und Vorträge statt.

Das erste Grußwort hielt Michael Asam stellvertretend für Bezirkstagspräsident Josef Mederer. Er berührte die Anwesenden durch seinen treffenden Vergleich mit einem Strudel, in den Betroffene durch ihre Essstörung hineingezogen würden: „Ich bin froh, dass jemand, der fällt, in einem Netz wie dem Therapienetz Essstörung weich landen kann.“ Medizinalrat Dr. Stefan Günther, Leiter der Humanmedizin im Weilheimer Gesundheitsamt, erinnerte an die prekäre Situation des Gesundheitsamts vor über 15 Jahren. „Meine MitarbeiterInnen vom Sachgebiet Prävention und Gesundheitsförderung haben damals weitgehend alleine auf weiter Flur Beratungen angeboten und versucht, Therapien zu vermitteln. Das sprengt aber den Rahmen dessen, was ein staatliches Gesundheitsamt zu leisten vermag.“ Der Steuerungsverbund Psychische Gesundheit sei dann mit einer Petition an den Bezirk Oberbayern herangetreten, der die Weilheimer Beratungsstelle als deutschlandweit erste Stelle außerhalb der Großstädte genehmigte.

Weilheims zweiter Bürgermeister Horst Martin betonte die Wichtigkeit der Beratungsstelle angesichts der alarmierend hohen Anzahl von Essstörungen in Deutschland. „Die Stadt Weilheim kann sich glücklich schätzen, dass hier seit 15 Jahren eine Anlaufstelle für hilfesuchende Menschen vor Ort ist.“

Dorothea Voss, langjährige Beraterin in der Außenstelle Weilheim, berichtete von ihren Erfahrungen in den letzten 15 Jahren. In dieser Zeit wurde das Angebot der Beratungsstelle um die Integrierte Versorgung und das Betreute Einzelwohnen erweitert. „Das Besondere an Weilheim ist, mit welcher Begeisterung alle unsere Angebote hier angenommen wurden. Beratung und Therapievermittlung, Therapiegruppen, Ernährungsberatung, intensive Langzeitbegleitung in der Integrierten Versorgung – die Zahlen sind in Weilheim immer besonders hoch gewesen. Auch das Betreute Einzelwohnen ist hier so nachgefragt, dass im April eine zusätzliche Vollzeitkraft angestellt werden konnte.“

Um der Qualität der Arbeit ein persönliches Bild zu geben, sprachen Betroffene. Eine 24-Jährige berichtete, wie sie vor zwei Jahren extrem heruntergehungert mit dem Bewusstsein in die Beratung kam, „wenn jetzt nicht bald etwas geschieht, ist es aus…“ Sie habe sich von Anfang an verstanden, aufgehoben und sicher gefühlt. Durch zwei Klinikaufenthalte, ambulante Therapie und regelmäßige Beratungen sei sie so stabil und gesund geworden, dass sie jetzt ein glückliches, freies Leben führen könne, die Waage habe sie entsorgt. „Vielen Dank für alles – sonst wäre ich jetzt nicht mehr da“, endete sie mit Tränen in den Augen.

Ein Mädchen (14) und seine Mutter berichteten, wie sie im Juli 2016 nach einem halben Jahr fortschreitender Magersucht, durch die das Mädchen nicht mehr fähig zum Schulbesuch und die Familie „am Zusammenbrechen“ war, verzweifelt zur Beratung kamen. Eine Klinikaufnahme war sofort erforderlich, die Wartezeit aber immens Im Rahmen der Integrierten Versorgung wurde das Mädchen in der Klinik Roseneck aufgenommen. Ihr Therapieprozess lief von da an so positiv, so dass er schon nach einem Jahr beendet werden konnte: „Mein Leben ist jetzt so schön geworden – ich kann mich wieder über alles freuen!“

Schließlich erzählte eine 36-jährige Klientin, die 2002 das erste Mal zur Beratung kam und jetzt bereits seit über fünf Jahren im EBW ist, von ihrer jahrelangen gravierenden Essstörung: „Übergewicht, mal pausenlos essen, mal ständig erbrechen, dann wieder zunehmen, hungern und furchtbare Angst haben vor dem Essen.“ Für sie war die ideale Maßnahme die intensive Begleitung im Einzelbetreuten Wohnen (EBW). Sie beendet jetzt nach sechs Jahren das EBW und fasste zusammen: „Ich habe keine Essattacken mehr, erbreche nicht mehr, hungere nicht mehr – aber vor allem, ich habe den Kampf gegen meinen Körper aufgegeben.“

Fast alle Gäste blieben zu Workshops („Das Barbie-Ideal – Was ist schön?“; „Mein Körper und Ich – Übungen zur Körperwahrnehmung“; „Achtsames Essen“) sowie zu den Fachvorträgen von Dr. Jakob Nützel „Fütter- und Essstörungen bei Kindern“ und Dr. Lisa Pecho „Ambulante Therapie von Essstörungen: Herausforderungen der ambulanten Psychotherapeuten in der Einzelpraxis“.

Terminvereinbarung für eine kostenlose Beratung bei der Beratungsstelle im Therapienetz Essstörung, Fischergasse 16, Tel. 0881/9270808, www.therapienetz-essstoerung.de.

Von Kreisbote

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