Hinter verschlossenen Türen

Verlagerung des Murnauer Umspannwerks liegt wieder auf dem Tisch

Umspannwerk in Murnau
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Der Murnauer Marktgemeinderat diskutierte abermals über die Verlagerung des Umspannwerks an der Dr.-Schalk-Straße. Das Gremium konnte aber erst in der nichtöffentlichen Sitzung den ersehnten einstimmigen Beschluss dazu fassen.

Murnau ‒ Wann wird aus den vielen kleinen Funken ein großes Feuer? Wann wird aus einer sachlichen Diskussion ein ausgewachsener Streit? Diese Fragen dürfte sich manch Zuschauer in der jüngsten Marktgemeinderatssitzung in Murnau wohl gestellt haben. Es brannte dann doch nicht, verwundert hätte es wohl aber niemanden. Immerhin wurde die Verlagerung des Umspannwerks, noch im Dezember vom Tisch gefegt, wieder herausgekramt – ebenso der mögliche Standort südlich der Riegseer Straße, der mit einem im November gefassten Beschluss eigentlich nicht weiter verfolgt werden sollte.

Vor der öffentlichen Sitzung zeigt sich der Eingangsbereich des Kultur- und Tagungszentrums ungewohnt voll. Statt wortkargem Wartens darauf, wann die Tür für die für gewöhnlich wenigen Zuschauer sowie die Presse geöffnet wird, vernehmen Eintretende zahlreiche von Masken gedämmte Gespräche. Ein paar Weindorfer treibt es an jenem Abend zur Gemeinderatssitzung, weil ÖDP/ Bürgerforum und Bündnis 90/Die Grünen einen Antrag zum Umspannwerk vorgelegt haben, der nicht nur die verworfene Idee einer Verlagerung der Anlage wieder zurückholt, sondern auch einen Standort erneut in den Blick nimmt, von dem das Gremium seinen Blick vermeintlich schon längst abgewendet hat.

Im Gemeinderat führt das wieder aufgewärmte Thema zu vielen Wortbeiträgen, teilweise auch zu hitzigen Wortwechseln, die keinen Konsens erwarten lassen. Und zugleich sind da noch Anwohner, die mit Sorgen und Befürchtungen Platz genommen haben und das Wort ergreifen wollen. Eine denkbar knappe Mehrheit des Gemeinderates votiert am Ende trotzdem dafür, die Suche nach einem Grundstück für die Verlegung des Umspannwerks südlich der Riegseer Straße wieder aufzunehmen. Das ist jedoch nicht die Einigkeit, die man sich zuvor in mehreren Äußerungen ersehnt hat.

In der nichtöffentlichen Sitzung kommt dann alles anders, das Gremium findet den erhofften Einklang – und einen anderen möglichen Standort für das Umspannwerk, nämlich eine Fläche südlich des TSV-Geländes an der Poschinger Allee.

Die Sitzung des Marktgemeinderates ist noch nicht weit fortgeschritten, als Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) darum bittet, dass weder Buhrufe noch Beifallsbekundungen die Zusammenkunft stören. Es ist eine besondere Sitzung, eine „mehr oder weniger Sondersitzung zum Umspannwerk“, so Beuting. Ein Abend, der ein unerwartet harmonisches Ende finden wird.

Als der Bürgermeister seine Bitte äußert, blickt er auf besetzte Stühle in den Besucherreihen. Einige Zuschauer, darunter Anwohner aus Weindorf, sind gekommen. Zwei davon haben kurz vor Beutings Ansprache die Gelegenheit der Bürgerfragestunde genutzt, um ans Mikro zu treten. Eine Weindorferin konfrontierte das Gremium mit einem Glaubwürdigkeitsproblem, wenn nun die Verlagerung des Umspannwerks entgegen des Beschlusses weiter verfolgt werde. Ein anderer Weindorfer zählte die Nachteile einer Verlagerung südlich der Grüngutdeponie auf und warf die Fragen in den Raum, was sich denn an der Zeitschiene und der Faktenlage geändert habe und weshalb der „umstrittenste Standort“ wieder anvisiert werde.

Dann kommt der Antrag von ÖDP/Bürgerforum und Bündnis 90/Die Grünen, in dem sich die Fraktionen für eine „Neuerrichtung des Umspannwerks als eingehauste Anlage südlich der Grüngutdeponie Weindorf“ oder „einem weiter südöstlich gelegenen Grundstück“ aussprechen. Michael Manlik (ÖDP/Bürgerforum) ergreift da als erster das Wort. Er verstehe, dass sich die Bürger fragen, warum das Thema noch einmal aufgegriffen wird. Damals, im November, habe man den Standort nicht abgeschoben, vielmehr habe sich diese Alternative zerschlagen, sagt Manlik und zählt die Vorteile einer Verlagerung auf. „Ein Umspannwerk gehört nicht in die Mitte eines Ortes“, befindet er etwa. Auch sieht er auf der anvisierten Fläche in Weindorf „keine städtebauliche Entwicklungsmöglichkeit“, ergänzt er, der jedoch „die Sorge um das Landschaftsbild“ verstehen könne. Eine Wertminderung der angrenzenden Grundstücke befürchtet Manlik aber nicht.

Mangel an Glaubwürdigkeit

Eine Gegenposition findet Manlik unter anderem in Phillip Zoepf. Der Fraktionssprecher von Mehr Bewegen wagt ein Gedankenspiel: „Wenn wir 25 zu 0 für den Antrag stimmen, was machen wir dann? Was hat sich geändert?“ Er selbst glaube nicht, dass eine Realisierung an dem Standort möglich sei. „Recht dankbar für den Antrag“ zeigt sich dagegen Welf Probst (FWG), der den Vorwurf der mangelnden Glaubwürdigkeit nicht hinnehmen will. Eine Kontaktaufnahme mit den Vertretern der Weindorfer Interessengemeinschaft sei nicht möglich gewesen, „man wollte ein Gespräch führen“, betont Probst. Als sich daraufhin eine Stimme erhebt, meint Probst entschieden: „Nein, das geht jetzt nicht!“ Probst führt stattdessen Bauten auf, die ähnlich wie das Umspannwerk das Landschaftsbild trüben, landwirtschaftliche Großbetriebe oder die Grüngutdeponie, „geschweige denn das, was da drunter liegt – ein Graus“. CSU-Fraktionssprecher Rudolf Utzschneider will derweil in Erfahrung bringen, was neu an der Faktenlage sei, ob das Ganze mit rechtlicher Sicherheit realisierbar sei und zu welchen Kosten. Fragen, die er nicht beantwortet bekommt.

Beuting beklagt stattdessen nach kurzem Heckmeck mit Utzschneider das unharmonische Miteinander und betont, einen gemeinsamen Willen anzustreben. Es folgen ein paar Schuldzuweisungen, als es darum geht, weshalb man auf dem Weg zur Verlagerung an manchen Punkten scheiterte. Mal ist eine Schuldzuweisung für den einen eine Unverschämtheit, für die andere einfach nur zum Schämen. Dann scheinen die Räte wieder in die Spur eines ruhigen Diskurses zu finden. Felix Burger (SPD) „wäre froh, wenn wir das Ganze noch mal angehen, wir haben noch acht Wochen“, sagt er mit Blick auf die Frist, die die Bayernwerk Netz GmbH der Gemeinde gesetzt hat.

Hans Kohl (Grüne) erhebt leise seine Stimme und kann sich vorstellen, noch einmal einen Versuch zu wagen. Und Anna Schlegel-Herz (ÖDP/Bürgerforum) wedelt mit mehreren Seiten Papier, darauf: ungefähr 200 Unterschriften von Befürwortern der Verlagerung. „Die sind sicher vermehrbar“, glaubt sie. Franz Neuner (CSU) erkennt stattdessen „durchaus weitere Entwicklungsmöglichkeiten“ am anvisierten Standort. Ein Umspannwerk stünde diesen jedoch im Weg. Und: Mit einem solchen Werk „machen wir die Tür auf für die Besiedelung durch Gewerbe“, befürchtet Neuner. „Sinn und Zweck einer Verlagerung kann nicht sein, einen Keil in die Bevölkerung zu treiben“, schließt er.

Grundsatzentscheidung

Einen solchen Keil scheint das Umspannwerksthema jedoch in den Gemeinderat zu treiben. Die CSU-Fraktion suche wieder einmal die Nadel im Heuhaufen, meint Probst, der im selben Zuge die negative Einstellung der Fraktion beklagt. Man sei nicht prinzipiell gegen eine Verlagerung, sondern stelle lediglich die Tatsachen dar, entgegnet Neuner. Schließlich diskutieren beide über mehrere Meter Entfernung hinweg immer heftiger, bis Beuting interveniert. „Ich wüsste jetzt nicht so richtig, wie man abstimmen sollte“, gesteht der Rathauschef, meint jedoch, dass es „heute Abend eine Grundsatzentscheidung braucht“. Er schlägt vor, die Sitzung kurz zu unterbrechen. Erneut verschiedene Standorte durchchecken, darauf habe er „keinen Bock mehr“. Der Bock – oder besser gesagt der nicht vorhandene Bock – irritiert Zoepf für einen Moment, ehe er dafür plädiert, öffentlich fortzufahren. Und Manlik besteht darauf, dass nun eine Abstimmung stattfindet. Diese erfolgt dann auch. Eine knappe Mehrheit votiert für die Wiederaufnahme der Standortsuche für die Verlegung des Umspannwerks südlich der Riegseer Straße, die Fraktionen von CSU und Mehr Bewegen stimmen dagegen.

Im Anschluss stehen die Gemeinderäte erneut vor einer Wahl. Die Frage ist nun nicht, wohin das Umspannwerk kommen soll, sondern, was damit passieren soll, werde es nicht vom Fleck bewegt. Die ersten beiden Varianten, die keine Einhausung der Anlage vorsehen, erhalten zusammen neun Stimmen. Die Mehrheit (13 Stimmen) votiert für die dritte Variante. Darin heißt es, dass eine Einhausung des Umspannwerks an der Dr.-Schalk-Straße weiter verfolgt werden soll. Außerdem soll geprüft werden, ob sich die Freileitungen in den Boden verlegen lassen. Eine kostspielige Wahl, immerhin müsste die Marktgemeinde, sollte man sich tatsächlich für eine Einhausung entscheiden, tief in die Tasche greifen. Denn für die Bayernwerk Netz GmbH „wäre die Errichtung einer Innenraumschaltanlage wirtschaftlich nicht realisierbar“, wie Christian Martens, Pressesprecher des Netzbetreibers, auf Anfrage mitteilt. Martens schätzt die Mehrkosten einer Innenraumschaltanlage, welche die Marktgemeinde tragen müsste, auf circa 3,5 bis 4 Mio. Euro, wobei „die Schätzungen je nach Ausführung und Art der Anbindung variieren“.

Am Tag nach der Marktgemeinderatssitzung überrascht dann eine Pressemitteilung aus dem Rathaus. „Einstimmig beschloss der Gemeinderat, sich gemeinsam für die Verlegung des Umspannwerkes an einen Standort südlich des TSV Geländes einzusetzen“, heißt es darin. Begründet wird der Beschluss unter anderem damit, dass „der Standort südlich der Grüngutdeponie von den Fraktionen unterschiedlich bewertet wurde“, auch wenn es Einigkeit in einem Punkt gab, nämlich dass „dieser Standort einen großen Eingriff in das Landschaftsbild darstellen würde“.

Und weil man eben Geschlossenheit suchte, aber für diesen Standort nicht gefunden hatte, wurde nichtöffentlich weiterdebattiert. Ganz vom Tisch ist die Fläche jenseits der Riegseer Straße aber nicht, „der Standort in der Nähe der Deponie wird zunächst zurückgestellt“, heißt es in der Pressemitteilung weiter, die den unerwarteten Ausgang des vorangegangenen Abends festhält.

Von Antonia Reindl

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