Rund 150 Teilnehmer bei Infoveranstaltung "Vielfalt gewinnt" in Weilheimer Stadthalle

Perspektiven und Chancen bieten

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Sprachen in einer Podiumsdiskussion über Erfahrungen im Arbeitsalltag von Menschen mit Behinderung (v. li.): Jonas Pioch, Claudia Hörbrand, Martina Dombach von der VerbaVoice GmbH (Preisträger Inklusionspreis 2014), Moderatorin Sybille Giel sowie Georg Hartmann und Andreas Wosnig von der Firma Drosdz Recycling AG.

Weilheim – Menschen mit Behinderung haben immer noch Schwierigkeiten, einen geeigneten Beruf zu finden und fühlen sich auf dem Arbeitsmarkt oftmals benachteiligt. Um auch diesen Menschen Perspektiven zu bieten, versammelten sich vergangenen Donnerstag rund 150 Unternehmer, politische Vertreter, Leistungsträger und Betroffene in der Weilheimer Stadthalle, um sich einen Tag lang intensiv mit dem Thema Inklusion auseinanderzusetzen.

„Den ganzen Tag über herrschte eine lockere und angenehme Atmosphäre, jeder hatte die Möglichkeit, etwas zu dieser Thematik zu sagen. Das Feedback war durchwegs positiv“, fasste Ute Wilhelmi vom Arbeitskreis „Arbeit und Teilhabe“, der die Veranstaltung organisiert hatte, den Tag zusammen. Die Veranstaltung richtete sich sowohl an Menschen mit geistiger und körperlicher als auch mit seelischer Behinderung. Neben Vorträgen und Arbeitskreisen stand am Nachmittag schließlich eine Podiumsdiskussion mit Fallbeispielen aus der Praxis auf dem Programm, an der Unternehmer aus Peißenberg, Schongau und München sowie zwei Betroffene mit körperlicher und geistiger Behinderung teilnahmen.

Thematisiert wurden bei dem Gespräch neben Anfangsproblemen auch der Arbeitsalltag eines Menschen mit Behinderung. Beide Seiten, sowohl Arbeitgeber als auch -nehmer, schilderten dabei ihre Erfahrungen. „Wir haben zwei Menschen mit einer Behinderung angestellt. Das macht für uns keinen Unterschied.

Wir alle haben unsere Grenzen und Defizite bei dem, was wir tun. So ist es bei diesen Menschen auch“, betonte Claudia Hörbrand, Einrichtungsleiterin beim Caritas Seniorenzentrum in Peißenberg. Praktika vor einem festen Arbeitsverhältnis ermöglichen es diesen Menschen, sich in die dortige Arbeit und bei den Kollegen einzufühlen. Trotz der guten Integration der Angestellten mit Behinderung tauchen immer wieder Grenzen auf. „Ein Mensch mit körperlicher Einschränkung kann beispielsweise schlecht Senioren pflegen“, bedauerte Hörbrand. Im Caritas Seniorenzentrum werden diese Mitarbeiter daher in der Küche und als Betreuungsassistent eingesetzt.

Dass aber auch Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen haben können, bewies Jonas Pioch mit seiner Geschichte. Der junge Mann im Rollstuhl ist angehender Jurist, hat einen erfüllten 16-Stunden-Tag und sieht auch seiner Zukunft positiv entgegen. „Ich hatte bisher immer das Glück, dass ich nie um Anerkennung meiner Leistung kämpfen musste“, erzählte Pioch dankbar, wies aber gleichzeitig auf die dringend notwendigen barrierefreien Räume hin. Als Vorsitzender des Jugendbeirats war es ihm in der Vergangenheit nicht möglich, in den Sitzungssaal im Historischen Rathaus zu gelangen. Erst seit dem Neubau und dem Umzug kann der junge Stadtrat heute ohne Einschränkungen an den Sitzungen teilzunehmen.

 „Die Grenzen für die Menschen mit Behinderung lassen sich nur auflösen, wenn wir uns alle verändern, Mut haben, neue Dinge auszuprobieren und Verständnis entwickeln“, betonte Hörbrand dabei. Mit anfänglichen Problemen aufgrund seiner geistigen Behinderung hatte auch Andreas Wosnig, Gabelstaplerfahrer bei der Firma Drosdz Recycling AG in Schongau, zu kämpfen. „Am ersten Tag bei der Firma war da so ein komisches Gefühl. Ich hatte schon sämtliche Praktika durchlebt, aber überall null Chancen. Meine heutige Arbeit war wie ein Sechser im Lotto“, freute sich Wosnig über die Chance und Perspektive, die er durch das Arbeitsverhältnis geboten bekam. „Wir mussten durch seine Anstellung nichts ändern, lediglich die Mitarbeiter mussten sich auf ihn einlassen. Ich habe diese vorab informiert und gebeten, in Stresssituationen darauf Rücksicht zu nehmen“, erklärte Georg Hartmann, Vorstand der Schongauer Recycling Firma, bei der Wosnig beschäftigt ist.

Alle Gespräche dieser Podiumsdiskussion waren in der Stadthalle Weilheim nicht nur über Lautsprecherboxen zu hören, sondern auch auf einer großen Leinwand zu lesen. Mit Hilfe eines Online-Dolmetschersystems wurde jedes gesprochene Wort aufgezeichnet und in Schriftform auf die Wand projiziert, damit auch Hörgeschädigte das Gespräch ohne Probleme mitverfolgen konnten. In Arbeitskreisen wurden zuvor verschiedene Themen, wie „Kündigungsschutz bei Menschen mit Schwerbehinderung“ und „Fördermöglichkeiten am Arbeitsplatz“, gemeinsam besprochen. Ein Vortrag am Vormittag thematisierte „Psychische Auffälligkeiten am Arbeitsplatz“ sowie deren Anzeichen und Möglichkeiten, damit umzugehen.

 In einem anderen Vortrag wurde eine Arbeitgeberbefragung aus dem Landkreis Weilheim-Schongau ausgewertet, die sich mit dem aktuellen Stand der inklusiven Gesellschaft befasste. Die hohe Zahl an interessierten Teilnehmern hat deutlich gezeigt, dass das Thema der Inklusion auch in Unternehmen aus dem Landkreis immer mehr an Bedeutung gewinnt. Der Weg zu einer inklusiven Gesellschaft wird im Weilheim-Schongauer Land Schritt für Schritt weitergegangen.

Von Lea Stäsche

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