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Gmünder Hof: Jugendliche bereiten sich auf Arbeitsleben vor

Hand hält frisch geerntete Kartoffeln.
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Die Erntezeit am Gmünder Hof hat begonnen. Im Projekt „Brücke zum Beruf“ ernteten Jugendliche die Frühkartoffelsorte Belana, die jetzt ab Hof erhältlich ist.

Weilheim – Handfeste Erfolgserlebnisse hatten Jugendliche im Projekt „Brücke zum Beruf“ am Gmünder Hof in Weilheim bei der Ernte der Frühkartoffelsorten Belana und Antonia: formschön gewachsene Erdäpfel sammelten die jungen Frauen und Männer aus dem Erdreich. Erfolgserlebnisse sind ein wichtiges Merkmal der Arbeit, die die Menschen am Gmünder Hof leisten. In der sozialen Landwirtschaft geht es nämlich nicht nur darum, dass die Schafe, Hühner und Hasen, die hier leben dürfen, versorgt sind, Wiesen gemäht, Heu gemacht sowie Gemüse und Obst angebaut und verwertet wird. 

Im Projekt „Brücke zum Beruf“, das die Brücke Oberland e.V. mit Finanzierung durch die Agentur für Arbeit Weilheim und die Jobcenter Weilheim und Garmisch-Partenkirchen durchführt, sammeln Jugendliche und junge Erwachsene praktische Arbeitserfahrung. Sie sind zwischen 16 und 25 Jahren alt und haben entweder noch keine Ausbildungsstelle gefunden oder diese verloren. Im April haben die jungen Leute rund 50 Kilo Saatgut auf dem 450 Quadratmeter großen Kartoffelacker ausgebracht: Frühkartoffeln und eine alte Futterrübensorte.

Jetzt, zu Erntebeginn im Spätsommer, war es für den hofeigenen Oldtimer-Bulldog wieder an der Zeit, dem Arbeitsteam treue Dienste auf dem Feld zu leisten. Der Traktor aus dem Jahr 1958 gehörte der früheren Hofbesitzerin Elisabeth Gmünder und wurde 2016 im Zuge des Ausbaus des Hofs für soziale Zwecke wieder auf Vordermann gebracht. Für die Ernte hängten Landwirtschaftsmeister Michael Kirchbichler und Hauswirtschafterin Susanne Habersetzer den noch älteren Kartoffelroder aus dem Jahr 1940 an den Bulldog und pflügten damit dass Feld um.

Soziale und regionale Landwirtschaft

Die Jugendlichen von „Brücke zum Beruf“ sammelten die Ernte ein, sortierten und säuberten die Erdäpfel, die es nun frisch ab Hof gibt. Die Kunden entscheiden hier selbst, was ihnen die saisonalen Produkte aus der lokalen und sozialen Landwirtschaft wert sind. Weder bei den frischen Eiern von den 20 hofeigenen Hühnern noch bei den selbst eingekochten Marmeladen, Kräuterölen oder dem frischen Gemüse wie Zucchini oder Kürbisse gibt es feste Preise. Der ein oder andere steht hier manchmal vor einer schweren Entscheidung, weiß Landwirt Kirchbichler aus Erfahrung. Rechnet man bei den Hühnern zum Beispiel nur das Futter und Materialkosten, kostet ein Ei 30 Cent, die Arbeit ist hier aber noch nicht mitgerechnet.

Die Tätigkeiten am Hof führen die jungen Menschen ans Arbeitsleben heran, sie erleben hier, was es bedeutet, 39 Stunden in der Woche zu arbeiten, sie übernehmen Verantwortung für die Tiere und den täglichen Betrieb und erlernen landwirtschaftliche, handwerkliche und gastronomische Fertigkeiten. Auch wenn sie später mal eine Laufbahn in ganz anderen Berufsbranchen anstreben sollten, werden sie hier mit Bewerbungstrainings und Bildungseinheiten ganzheitlich gefördert. Ziel ist es, einen guten und nachhaltigen Übergang ins Berufsleben zu schaffen. Hierzu gehört auch, eigene Potentiale zu erkennen und zu nutzen, was für die meisten von ihnen keine Selbstverständlichkeit ist.

Zurück ins Leben

Einige Teilnehmer*innen haben Förderbedarf aufgrund von familiären, schulischen, finanziellen oder persönlichen Problemen. Johanna (19) zum Beispiel hat schwierige Zeiten hinter sich. „Der Gedanke, wieder zurück ins normale Leben zu kommen, fühlte sich unmöglich für mich an. Doch jetzt, wenn ich mich jeden Tag auf den Weg nach Weilheim mache, bin ich dankbar und sehr positiv darüber, diese Möglichkeit nutzen zu können. Geschafft zu haben, was ich für unmöglich hielt. Ich fühle mich bestärkt durch alle Erfahrungen hier und weiß jetzt, dass ich auch in Zukunft alles schaffen kann.“

Darauf angesprochen, was ihn hier am Gmünder Hof weitergebracht hat, sagt Melvin (20), dass ihm in den Gesprächen mit den Sozialpädagog*innen einiges über ihn selbst klargeworden ist und er sich selbst ein Stück näher gekommen ist. Durch die Arbeit am Hof ist er selbstbewusster, körperlich und psychisch belastbarer geworden. Enrico (19) ist es im Projekt „Brücke zum Beruf“ aufgrund der positiven Atmosphäre gelungen, ein wenig mehr aus sich herauszukommen. Aufgrund von schlechten Erfahrungen fiel ihm das früher sehr schwer.

Pius (17) ist hierher gekommen, um Praktika zu machen, eine Ausbildungsstelle und Kontakt zu Gleichaltrigen zu finden. Sein Ziel war es bereits vorher, draußen zu arbeiten. Genaueres wusste er aber nicht. Durch die Unterstützung ist ihm nun klar geworden, dass er eine Ausbildung zum Gärtner, Fachrichtung Zierpflanzenbau, machen möchte.

Eier und selbst angebaute oder hausgemachte Produkte vom Gmünder Hof sind immer donnerstags und freitags zwischen 10 und 13 Uhr direkt am Hof erhältlich. Mit dem Kauf werden die Angebote und Projekte der Brücke Oberland unterstützt. Informationen zur Entstehung der Sozialen Landwirtschaft und zum Gmünder Hof gibt es unter www.gmuender-hof.de.

Von Kreisbote

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