Wenn Not erfinderisch macht

»Weilheim hilft« hat schon vielen Menschen geholfen und wächst immer weiter

Die Initiatorinnen von Weilheim hilft Alexandra Müller-Kunz und Dorothee Sonntag
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Die Initiatorinnen Alexandra Müller-Kunz (li.) und Dorothee Sonntag sammeln unter anderem Gastrogutscheine für Pflegekräfte.

Weilheim – Die dreifache Mutter und Angestellte Dorothee Sonntag (46 Jahre) und Alexandra Müller-Kunz (45 Jahre), vierfache Mutter und Steuerfachangestellte aus Weilheim, haben sich selbst durch ein Hilfegesuch auf Facebook kennengelernt. Inzwischen haben sie die Facebook-Seite „Weilheim hilft“ gegründet und damit ein großes Hilfsnetzwerk in Weilheim und Umgebung geschaffen. 

Wie kamen Sie auf die Idee, die Seite einzurichten und was wollen Sie mit ihr erreichen? 
Sonntag: „Die Corona-Situation hat uns zum Nachdenken gebracht. Wir haben uns gefragt, was eigentlich Luxus ist, denn viele Menschen können sich nicht mehr so viel leisten. Da ist ein Essen vom Restaurant für manche schon Luxus, um so dem Alltag zu entkommen. Mit ‚Weilheim hilft‘ möchten wir Menschen zusammenbringen. Menschen, denen es trotz der Corona-Krise gut geht, und die, die in finanzielle Schwierigkeiten gekommen sind. Viele sind bereit, Unterstützung anzubieten und wir können sie vermitteln.“
Müller-Kunz: „Aber schwierige Situationen gibt es auch unabhängig von Corona. Durch Scheidung, Kündigung oder Krankheit – jeder kann in eine Schieflage geraten. Als Alleinerziehende kenne ich solche Situationen und dass es Überwindung kostet, um Hilfe zu bitten.“
Wie kann man bei Ihnen um Hilfe bitten?
Sonntag: „Man kann uns natürlich gerne direkt über Facebook anschreiben. Dort steht aber auch eine Telefonnummer. Wir vermitteln dann weiter. So kann jeder anonym bleiben – wenn er das will. Egal ob er Hilfe benötigt oder welche anbietet.“
Müller-Kunz: „Meistens begegnen sich die Menschen aber, weil sie die Hilfe gerne persönlich überbringen oder sich direkt bei der Person bedanken möchten. Daraus sind auch schon Freundschaften und Hilfs-Patenschaften entstanden. Das ist natürlich super.“
Was begeistert Sie besonders an „Weilheim hilft“?
Müller-Kunz: „Es sind so viele unterschiedliche Geschichten dabei. Einzelne Schicksale. Wir konnten jetzt zum Beispiel auch einer Mutter helfen, deren zu früh geborenes Kind in einem Münchner Krankenhaus liegt. Die Mutter konnte sich die tägliche Zugfahrt nach München aber selbst nicht leisten. Wir konnten Hilfe an sie vermitteln, sodass sie jetzt jeden Tag ihr Kind sehen kann.“
Sonntag: „Es war auch sehr schön zu sehen, wie die Weilheimer gerade vor Weihnachten Geschenke liebevoll verpackt und anschließend verschenkt haben.“
Was hat es mit der Aktion „Auszeit für Pflegende statt Böller“ auf sich?
Müller-Kunz: „Mit Gastrogutscheinen möchten wir Pflegenden eine Freude machen. Bei uns können die Gutscheine abgegeben werden und wir leiten sie an die Pflegenden weiter. Wenn sie nach der Arbeit nicht noch kochen müssen, haben sie stattdessen Zeit für sich oder mit der Familie.“
Sonntag: „Am 31. Januar wurden die ersten Pflegekräfte beschenkt. Aber natürlich sammeln wir für das Pflegepersonal auch danach noch weiter.“
Von dieser Aktion profitiert auch die Gastronomie. 
Sonntag: „Richtig. Wir haben auch schon von Cafés und Restaurants die Rückmeldung bekommen, dass sie die Aktion sehr gut finden. Das Restaurant freut sich über den gekauften Gutschein und das Pflegepersonal über das bereits gekochte Essen.“
Gab es davor schon andere Aktionen? 
Sonntag: „Vor Weihnachten gab es zum Beispiel eine Christbaumaktion beim Hofgarten Pfaffenwinkel. Dort konnten gegen eine Spende Christbäume mitgenommen werden. Familien, die sich normalerweise keinen Weihnachtsbaum leisten können, durften sich umsonst einen aussuchen.“ (Die eingenommenen Spenden gingen an die Gruppe „Weilheim hilft“ und an die Verborgenen Engel, Anm. d. Red.)
Müller-Kunz: „Auch durch andere kleinere Aktionen konnten schon soziale Einrichtungen, wie das Haus Emmaus oder auch der Hospizverein, unterstützt werden. An die BewohnerInnen des Bürgerheims haben wir zum Beispiel Gutscheine für das Café gegenüber verteilt. Für einige Senioren ist das auch ein Luxus, den sie sich so nicht leisten würden.“
Welche Art von Spenden wird angenommen?
Müller-Kunz: „Zur Zeit sammeln wir hauptsächlich Gastrogutscheine. Wenn eine Geldspende kommt, wird sie direkt in eine Sachspende umgesetzt. Lebensmittelgutscheine werden auch dankend angenommen.“
Wer bietet Hilfe an? 
Sonntag: „Es sind nicht nur Privatpersonen. Viele Unternehmen haben uns kontaktiert. Zum Beispiel das Früchteparadies, die Klangfabrik oder Edeka Fink. Als der Fitnessclub ‚fitlife‘ Gutscheine verschenkt hat, obwohl er selbst von der aktuellen Krise betroffen ist – das hat mich schon sehr bewegt.“
Haben Sie weitere Pläne für „Weilheim hilft“? 
Sonntag: „In Peiting und Schongau gibt es bereits Außenstellen, wo ebenfalls Spenden gesammelt werden. Und inzwischen ist ‚Weilheim hilft‘ auch auf Instagram zu finden. Das Netzwerk wird also immer größer.“
Müller-Kunz: „Mit ‚Weilheim hilft‘ wollen wir ein Solidaritätsnetzwerk über die Stadt spannen, das auch nach Corona anhält. Schwierige Zeiten gibt es immer und wird es auch nach Corona geben. Wir werden also auch nach der Pandemie mit ‚Weilheim hilft‘ weiter machen.“
Vielen Dank für das Gespräch.

Von Linda Borlinghaus

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