Was kostet die Moral?

Weilheimer Festspiele: »Der Besuch der alten Dame« überzeugt im Stadttheater

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Eine Szene aus dem Stück „Der Besuch der alten Dame“.

Weilheim – Die Weilheimer Festspiele sind Jahr für Jahr ein Garant für kulturelle Unterhaltung auf höchstem Niveau. Friedrich Dürrenmatts Stück „Der Besuch der alten Dame“, das derzeit im Stadttheater aufgeführt wird, macht da keine Ausnahme. Beeindruckend inszeniert Celino Bleiweiss gemeinsam mit einer starken Schauspieltruppe die tragische Komödie.

Als die schwerreiche Claire Zachanassian nach 45 Jahren zurück in ihren Heimatort kehrt, wird sie freudig von den Güllenern erwartet. Sie bejubeln ihre „Kläri“. Doch schnell wird klar: So glücklich, wie die Dorfbewohner es vorgeben, sind die Erinnerungen der alten Dame nicht. Als 17-Jährige erwartete sie ein Kind von ihrer Jugendliebe Alfred. Der jedoch leugnete die Vaterschaft, heuerte Zeugen an, um zu lügen und bestach den Richter. So wurde Claire aus dem Dorf verbannt, verlor ihr Kind und musste sich als Prostituierte durchschlagen. Nun will sie Gerechtigkeit und die ist für sie nur durch den Tod ihres einstigen Geliebten möglich. Daher macht sie ein unmoralisches Angebot: Sie verspricht dem verarmten Städtchen und dessen Bewohnern eine Milliarde für Alfreds Ableben. Ein Tauziehen um den Zwiespalt zwischen Moral und Reichtum beginnt.

Der Besuch der alten Dame

 © Maria Lindner
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Anfangs ist sich Alfred der Unterstützung seiner Nachbarn noch sicher. Sogar der Bürgermeister verkündet: „Lieber bleiben wir arm als blutbefleckt.“ Doch nach und nach erliegen immer mehr Güllener der Versuchung und stellen sich unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit auf Claires Seite – mit klaren Vorteilen: Denn sie gönnen sich angesichts des zu erwartenden Geldsegens einigen Luxus. Indes entwickelt Alfred einen paranoiden Verfolgungswahn – zurecht. Denn selbst der Pfarrer warnt: „Flieh! Wir sind schwach!“

Die Machtposition der reichen Besucherin erkennt der Zuschauer immer deutlicher. Sie selbst sagt, die Welt gehöre ihr – und zumindest für Güllen gilt dies, denn dort hat Claire bereits alles erworben, was jemals zum Kauf stand. „Nun diktiere ich das Geschäft, stelle die Bedingungen“, macht sie keinen Hehl aus ihrem skrupellosen Vorgehen. Die Güllener arrangieren sich immer mehr mit ihrer neuen Rolle und sind sich sicher, es „nicht wegen der Milliarde“, sondern „aus Volkszorn“ zu tun. Sie bezeichnen Alfred als Schuft und stellen sein damaliges Verhalten infrage. Stets schwingt im Raum die beängstigende Kraft der Kollektivität und des Mitläufertums mit, gepaart mit der Frage nach der Gerechtigkeit in einer Gesellschaft. Zwar haben einige Akteure immer wieder Zweifel, doch letztendlich siegt die Gier.

Auch wenn die Handlung zunächst abstrakt wirkt, wird an vielen Stellen deutlich, wie aktuell die Thematik auch heute ist. Die Frage nach Unrecht und Recht lässt das Publikum immer wieder schwanken zwischen Schaudern, Zustimmung und Belächeln. Das Stück hält dem Menschen vor Augen, wie käuflich selbst der moralisch gefestigste Charakter sein kann, wenn der Preis nur hoch genug ist. Die bedrohliche Stimmung wird von den Schauspielern präzise transportiert. Vor allem Yvonne Brosch als Claire und Winfried Hübner als Alfred hätten kaum besser besetzt werden können und bringen ihre Rollen derart überzeugend auf die Bühne, dass man meinen könnte, das Stück sei eigens für sie geschrieben. Nicht zu vernachlässigen ist aber auch die Leistung des restlichen Ensembles, das mit Profis und Weilheimer Laienschauspielern besetzt wurde. Vor allem die kollektiven Szenen, in denen es durchaus laut wird, wirken lange nach.

Ungewöhnlich und sehr modern ist das Bühnenbild, das Andreas Arneth gemeinsam mit Regisseur Bleiweiss gestaltet hat. Es besticht durch Minimalismus und besteht lediglich aus einer komplett weiß ausgekleideten Bühne und mehreren schwarzen Kisten. Diese dienen mal als Sitzgelegenheit, mal als Tresen, mal als Balkon.

Es bedarf etwas Phantasie und Humor, denn außer den schwarzen Boxen gibt es eben nur spärlich gesäte Requisiten und die Schauspieler. Diese lassen es durch ihre Wandelbarkeit jedoch an nichts fehlen und treten mal als Baum – mit wehenden Ästen in Form der über den Kopf gestreckten Arme – , als springendes Reh oder rufender Kuckuck auf. Gerade diese Momente sind eine erheiternde Abwechslung im durchaus ernsten Stück, das es sich zu besuchen lohnt.

Am Donnerstag, 25. Oktober, um 20 Uhr, am Freitag, 26. Oktober, um 20 Uhr, am Samstag, 27. Oktober, um 20 Uhr sowie am Sonntag, 28. Oktober, um 18 Uhr wird „Der Besuch der alten Dame“ im Stadttheater nochmals aufgeführt. Karten gibt es beim Kreisboten Weilheim in der Sparkasse am Marienplatz oder unter Tel. 0881/686 -11 und -12. 

Von Ursula Gallmetzer

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