Losgelöst vom Lockdown

Friseur Jörg Mengel bereitet sich auf Öffnung am 1. März vor

Symbolfoto: Friseur schneidet Frau die Haare
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Ab dem 1. März dürfen Friseure wieder öffnen.
  • vonStephanie Novy
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Weilheim – Glätteisen glühen nicht mehr, ebenso wenig surren Rasierapparate, und auch Kämme liegen trostlos in der Horizontalen – und das seit vielen Wochen. Durch die Fenster der Friseursalons geblickt sind einsame Stühle, trockene Waschbecken und zusammengefaltete Handtücher in verlassenen Räumen zu sehen. Stille dort, wo sonst so rege Gespräche Waschen, Schneiden, Föhnen begleiten. Doch nun ist ein Ende des Lockdowns in Sicht, Friseure dürfen am 1. März wieder ihr Equipment aus der Scherentasche ziehen. In Weilheim machen sich Haarspezialist Jörg Mengel und sein Team bereit – auch wenn der Start nicht sorglos sein wird.

Die Freude war keineswegs ungetrübt, als Jörg Mengel vom 1. März erfuhr. Der Friseur konnte seine Bedenken nicht einfach abschütteln. „Hoffentlich kommt nicht noch im letzten Moment irgendetwas dazwischen“, so Mengels erster Gedanke, als er von der erneuten Verlängerung des Lockdowns und vom baldigen Ende desselbigen für Friseure erfuhr. „Aus Sicht des Infektionsgeschehens ist die Verlängerung des Lockdowns nachvollziehbar“, findet Mengel. Doch für einen Unternehmer sei die Verlängerung „eine Katastrophe“. Immerhin sei versprochen worden, „dass es jetzt wieder besser wird“, sagt der Inhaber von Jörg Mengel Friseure an der Cavaliergasse. Jetzt hofft der Friseur auf zurückkehrende Normalität ab März – und Planungssicherheit, diese „war für mich das Wichtigste und ist es letztendlich auch für den Einzelhandel, die Gastronomie und für die gesamte Wirtschaft“, hat er auch die Gewerbe, die noch länger in Wartestellung verharren müssen, im Blick.

Von jetzt auf gleich geht es für Mengel und sein Team aber nicht aus der Wartestellung. Vor der Rückkehr soll es eine Team-Unterweisung geben, „um die Aktualisierungen beziehungsweise Neuerungen der Berufsgenossenschaft zu den Corona-Regeln durchzusprechen“, und auch ein Treffen im Salon ist geplant, „um die Räume, die Werkzeuge und den gesamten Hygieneapparat für den ersten März perfekt zu haben“, berichtet der Friseur. Im Salon selbst bleibt man dem bisherigen Konzept treu, „die vorgeschriebenen Abstände und Flächen haben wir bereits im ersten Lockdown durch gesperrte Sitzplätze, gesperrte Flächen sowie Trennwände realisiert“, so Mengel.

Telefon steht nicht still

Neu wird aber die FFP2-Maskenpflicht während des Friseurbesuches sein. Und maskierte Besuche wird es sicherlich viele geben, schon während der entscheidenden Pressekonferenz habe sein Handy ständig geklingelt, erzählt Mengel. Am Tag darauf konnte der Friseur über hundert Terminanfragen zählen. Stau in der Telefonleitung, der zum Bedauern Mengels nur wenig Zeit für Gespräche ließ, aber noch genügend, um zweierlei wahrzunehmen: „Man hat ein regelrechtes Bedürfnis herausgehört und viele haben sich auch nach unserem Wohl erkundigt“, so Mengel. Kunden mit gutem Gespür, denn „die zweieinhalb Monate waren geprägt durch ständige Existenzangst; auch bei unseren Mitarbeitern“, sagt der Saloninhaber, der in den sozialen Medien „von Entlassungen und Geschäftsaufgaben“ in der Branche erfuhr. „Bei dieser großen Ungewissheit war ein Abschalten einfach nicht möglich“, so Mengels Fazit zu den vergangenen Wochen.

Und auch wenn die Schuld für viele abgesagte Termine, gerade in der Vorweihnachtszeit, keineswegs bei den Friseuren zu suchen ist, so hatte Mengel und „wohl alle Friseure, gänzlich unverschuldet wohlbemerkt, ein schlechtes Gewissen“, meint er. „Wir konnten nicht für unsere Kunden da sein – und dass für eine solch lange Zeit“, sagt Mengel und lässt durchblicken, welchen großen Stellenwert die soziale Komponente in seiner Arbeit hat. „Als zweiten Gedanken muss ich natürlich die Ausbildung ansprechen“, fügt Mengel, der als Vorstandsmitglied der Friseurinnung Oberland einen tiefen Einblick in die Branche hat, noch an. „Es wurde auf das Handwerk eingewirkt, die Ausbildung nicht aus den Augen zu verlieren, dann wurde man jedoch mit den Kosten allein gelassen“, bedauert Mengel. In seinem Salon werden trotz aller Umstände und Gegebenheiten zwei neue Auszubildende im Herbst ihre Lehre beginnen, aber „die Kollegen, die vor dem Abschluss neuer Ausbildungsverträge zurückschrecken, muss man leider verstehen“, fügt Mengel hinzu.

Auch wenn sich der Saloninhaber sicher ist, dass „das exponentielle Wachstum nur mit einem Shutdown gestoppt werden konnte“, so wagt er dennoch Kritik auszusprechen, wenn er sagt, dass der Lockdown „eigentlich zu spät und zu undifferenziert kam“. Auch glaubt der Friseur, dass in den Salons, und gewiss auch in vielen anderen Geschäften, „sehr früh gute Hygiene- und Schutzkonzepte entwickelt“ worden seien. Mit solchen Konzepten geht es bei und für Mengel bald weiter. Und obwohl dem Friseur deutlich anzumerken ist, dass er sich auf die Rückkehr in seinen Salon freut, so schwingt doch auch die Angst mit, bald wieder schließen zu müssen, sollte sich eine dritte Infektionswelle anbahnen.

Von Antonia Reindl

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