Zu den Weilheimer Glocken spazieren

Tönende Zeitzeugen

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Eine der neuen Glocken in der evangelischen Apostelkirche Weilheim.

Weilheim – Ein kurzer Blick auf die Armbanduhr oder die Zeitanzeige auf dem Handy, und wir wissen sofort, was die Stunde geschlagen hat. Doch schon dieses Sprachbild weist uns darauf hin, dass dies früher keine Selbstverständlichkeit war. Die Kirchenglocken waren es, die unseren Vorfahren mit dem Stundengeläut die Struktur im Tagesablauf gaben.

Pünktlich zur Einweihung der neuen Glocken in der evangelischen Apostelkirche zum ersten Advent haben Walter Erdt, Dekanatskantor, Kirchenmusikdirektor und Glockensachverständiger der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern, sowie der Theologe und Kunsthistoriker Dr. Joachim Heberlein die Weilheimer Glockenspaziergänge ins Leben gerufen. Die Idee zu solchen Rundgängen kam Erdt, da er bereits seit etwa zehn Jahren Pläne zu einem Stadtgeläut in Weilheim verfolgt. Darunter versteht man das gemeinsame Läuten aller Glocken zu einem bestimmten Anlass. Bei seinen Recherchen für dieses Vorhaben wurde ihm schnell klar, dass in manchen Glockenstühlen wertvolle historische Glocken hängen, die zum Teil schon über 500 Jahre alt sind.

Mit seiner Idee stieß der Glockensachverständige Erdt, den die Stadt Weilheim kürzlich mit dem Kulturpreis 2016 geehrt hat, bei Heberlein sogleich auf offene Ohren, der als studierter Historiker und gebürtiger Weilheimer über ein profundes Wissen zur Geschichte der Weilheimer Gotteshäuser verfügt. Am ersten Spaziergang – die Teilnehmerzahl ist auf jeweils 30 Personen beschränkt – gab Heberlein zunächst einen oftmals überraschenden Einblick in die Geschichte der Weilheimer Gotteshäuser. Wer weiß zum Beispiel heute noch, dass die Töllernkapelle ursprünglich weit vor den Toren der Stadt erbaut wurde, um den Aussätzigen im benachbarten Leprosenhaus eine religiöse Heimat zu geben? Im angrenzenden Friedhof fanden neben den verstorbenen Kranken auch die Hingerichteten ihre letzte Ruhe – sofern sie sich vor ihrer Strafe „bußfertig“ gezeigt hatten.

Während heute die Glocken nur noch die Uhrzeit verkünden und zu kirchlichen Anlässen läuten – was manche Zeitgenossen derart stört, dass sie mit ihrer Klage sogar Gerichte beschäftigen –, waren sie in der Vergangenheit viel öfter zu hören. Laut Heberlein konnten unsere Vorfahren auch unterscheiden, aus welchem Grund sie geläutet wurden. Je nachdem, welche Glocken angeschlagen wurden, war erkennbar, ob zum Beispiel ein Mitbürger soeben verstorben war oder ob zu einer Hochzeit geladen wurde. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Bevölkerung eine besondere Beziehung zu ihren Glocken hatte. Umso schmerzlicher wurde daher der Verlust empfunden, wenn zu Kriegszeiten die Glocken abgeliefert werden mussten, um aus ihnen Geschütze zu gießen. Dieses Schicksal erlitten im Ersten und besonders im Zweiten Weltkrieg mehrere historische Glocken Weilheims.

Die enge Verbundenheit der Bürger mit ihren Kirchen kam in den darauf folgenden Friedensjahren auch dadurch zum Ausdruck, dass durch die große Spendenbereitschaft alsbald wieder neue Geläute beschafft und feierlich eingeweiht werden konnten. In dieser Tradition steht auch die Neubeschaffung des Geläutes für die evangelische Apostelkirche, die notwendig geworden war, weil das alte defekte Geläut von 1953 bis auf eine Glocke erneuert werden musste. 125 000 Euro waren für die Glocken und den zugehörigen Glockenstuhl aufzubringen. Drei Glocken stifteten drei Weilheimer Familien und die 12 500 Euro für den Glockenstuhl teilten sich fünf weitere Familien.

Nach den historischen Ausführungen Heberleins klärte Erdt beim ersten Glockenspaziergang über die Besonderheiten von Glocken im Allgemeinen und die vorhandenen Klangkörper Weilheims im Besonderen auf. So verfügen Glocken nicht nur über einen einzigen Ton, sondern über mehrere Teiltöne, die zusammen den charakteristischen Klang einer jeden Glocke ergeben. „Während heute mit Computerprogrammen die Form einer Glocke berechenbar ist, um einen möglichst harmonischen Klang zu erzielen, konnten sich die Glockengießer der Vergangenheit nur auf ihre Erfahrung verlassen“, machte Erdt auf die Schwierigkeit aufmerksam, mit denen das Handwerk früher zu kämpfen hatte. So klingen manche historischen Glocken eigentlich dissonant und hätten heute keine Chance, von den Auftraggebern abgenommen zu werden, so Erdt. Besonders deutlich sei dies an der kleinen Glocke der Friedhofskirche St. Salvator und St. Sebastian zu hören.

 Die Stadtpfarrkirche St. Hipployt St. Pölten, die Stadtpfarrkirche Mariae Himmelfahrt, die Dreifaltigkeitskirche beim Heilig-Geist-Spital, die Friedhofskirche auf dem Betberg, St. Johann in Töllern, die Heilig-Kreuzkirche und die evangelische Apostelkirche sind die Stationen des Spaziergangs. Der Förderverein hat darüber hinaus die Broschüre „Weilheimer Glocken“ mit Unterstützung des Heimat- und Museumsvereins und der Raiffeisen-Volksbank Werdenfels herausgegeben, die für eine Schutzgebühr erhältlich ist. In ihr sind alle Kirchenglocken beschrieben, die beim Spaziergang angelaufen werden. Historische und aktuelle Fotografien, technische Daten und Teiltonanalysen vervollständigen das Kompendium zum Weilheimer Kirchengeläut.

Für die Vorsitzende des Fördervereins, Ursula Scharnitzky, ist die Broschüre ein Stück gelebte Ökumene, „da neben der Geschichte der Glocken der evangelischen Kirche auch die der sechs katholischen Gotteshäuser erzählt wird – herausgegeben von Protestanten. Das gibt es in Bayern sicher nicht oft“, so die Vorsitzende.

Die nächsten Glockenführungen mit dem Glockensachverständigen Walter Erdt und Dr. Joachim Heberlein zu den Weilheimer Geläuten finden am Samstag, 11. Februar 2017 um 11 und 14 Uhr statt. Wegen der begrenzten Teilnehmerzahl sind Anmeldungen erforderlich beim Evangelischen Pfarramt, apostelkirche.weilheim@elkb.de, oder unter Tel. 0881/929130. Die Glockenbroschüre mit Gutschein für die Führung ist zu Beginn der Führung oder vorweg im evang. Pfarramt oder im Pfarrbüro der Stadtpfarrkirche Mariae Himmelfahrt erhältlich.

emh

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