Der "Werdenfelser Weg" wandelt zwischen Sicherheit und Freiheit

Lebensabend in Fesseln

Landkreis – Therese Schmid starrt an die Decke. Wie gerne würde sie jetzt aufstehen. Nur ein bisschen raus an die frische Luft. Die Sonne im Gesicht spüren, den Frühling riechen. Doch sie kann nicht. Das Gitter an ihrem Bett ist hochgezogen, mit einem Gurt ist sie festgebunden.

Therese Schmid ist nur erfunden. Dennoch steht sie stellvertretend für viele Senioren, die in Heimen ihren Lebensabend verbringen – eingesperrt und festgezurrt. Gurte schränken sie in ihrer Bewegung ein, Gitter machen das Bett ausbruchsicher, Sitzhosen oder Aufstecktische zwingen zum Sitzenbleiben im Rollstuhl. 

Doch immer mehr Seniorenheime sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, derartige „freiheitsentziehende Maßnahmen“ abzuschaffen. Die Idee entstand 2007 in Garmisch-Partenkirchen. Der „Werdenfelser Weg“ ist seitdem auf dem Vormarsch in ganz Deutschland. Er soll eine Abkehr vom starren Sicherheitsdenken bewirken und hinführen zu einem menschenwürdigeren Lebensabend unter verantwortungsvoller Abwägung aller Aspekte. 

„Es ist wichtig, einen klugen Weg zwischen Sicherheit und Freiheit zu wählen“, unterstützt auch Landrat Dr. Friedrich Zeller den „Werdenfelser Weg“. Daher begrüßte er es auch, dass sich rund 50 Leiter aus Einrichtungen für Senioren im Landkreis Weilheim Schongau und im Landkreis Garmisch-Partenkirchen kürzlich im Landratsamt trafen, um über das Konzept zu diskutieren. 

Im Artikel 2 des Grundgesetzes ist das Recht auf freie Entfaltung festgesetzt und auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist darin verankert. „Beides ist fast immer möglich. Dafür sind aber Kreativität und das Zusammenwirken aller Beteiligten gefragt“, weiß Josef Wassermann von der Betreuungsstelle im Garmischer Landratsamt, der den „Werdenfelser Weg“ gemeinsam mit Dr. Sebastian Kirsch erdacht hat. So sei es wichtig, dass Pfleger, Richter, Betreuer und Angehörige gemeinsam besprechen, ob das Fixieren auch wirklich nötig ist. 

Dass es meist auch ohne geht, davon ist Jutta Ehinger, Pflegedienstleiterin im Garmischer Altenheim St. Vinzenz, überzeugt. Dort wird nach dem „Werdenfelser Weg“ gehandelt. „Viele haben die Sorge, dass sich die alten Menschen verletzen“, kennt sie die Bedenken der Angehörigen. Oft werde so lange auf die Senioren eingeredet, bis sie eine Fixierung akzeptieren, oder sich selbst nicht mehr trauen, aufzustehen oder herumzulaufen. „Das ist psychische Gewalt“, findet Ehinger. Es sei nun einmal so, dass ältere Menschen öfter stürzen. Der größte Fehler sei es dann aber, die Mobilität noch weiter einzuschränken. Wenn die Senioren am Stehen und Gehen gehindert werden, würden sich die Muskeln schnell zurückbilden und auch der Gleichgewichtssinn verschlechtere sich zusehends, die Reflexe verkümmerten. „Sie fallen dann um wie ein Kartoffelsack“, spricht Ehinger aus der Praxiserfahrung. In ihrer Einrichtung wird daher darauf Wert gelegt, die Senioren in Bewegung zu halten. „Wir motivieren sie zum Aufstehen“, sagt Ehinger. 

Wenn nötig gibt es auch Protektoren, Fallmatten vor dem Bett oder andere Hilfsmittel, die das Verletzungsrisiko verringern. Oftmals genügen aber schon kleine Kniffe, wie beispielsweise Jogginghosen, da diese viel einfacher an- und auszuziehen sind als normale Hosen. „Es gibt immer eine Alternative“, glaubt Ehinger. 

„Es ist eine simple Idee, die viel bewirkt“, findet auch Isabelle Heydebrand, Richterin am Weilheimer Amtsgericht. Werden „freiheitsentziehende Maßnahmen“ beschlossen, müssen diese vom Gericht genehmigt werden. Früher sei ein Antrag mit einem Attest vom Hausarzt eingereicht und im Normalfall auch genehmigt worden. Seit in der Region der „Werdenfelser Weg“ beschritten wird, kommen aber kaum noch Anträge.

„Man versucht Alternativen zu finden“, sagt von Heydenreich. Die wenigen Anträge, die noch kommen, würden kritisch geprüft. Sie werden nur genehmigt, wenn tatsächlich eine Selbstgefährdung verhindert werden muss und das erst, nachdem sich Fachleute den jeweiligen Fall angesehen und ihn beurteilt haben. 

„Zunächst lag der Blick nur auf der reinen Genehmigung“, denkt Christel Pilz, die im Landratsamt Weilheim-Schongau für die Betreuung und Heimaufsicht zuständig ist, daran, wie die Fixierungen noch vor einigen Jahren gehandhabt wurden. „Dann wurde festgestellt, dass auch ein anderer Weg möglich ist.“ „Die Senioren werden viel mehr aus ihren Zimmern geholt und können an der Gemeinschaft teilnehmen“, sagt Pilz. Durch neue Anschaffungen, wie beispielsweise Pflegenester, in denen auch bettlägerige Menschen einfacher transportiert werden können, werden die Senioren integriert. 

2008 gab es die ersten Mustereinrichtungen. Inzwischen haben schon zahlreiche Heime den „Werdenfelser Weg“ eingeschlagen. Rund 130 Landkreise und Städte sind es bereits in ganz Deutschland, die sich für das Konzept begeistern konnten. Weitere 100 Regionen haben bereits ernsthaftes Interesse bekundet, in das Modell einzusteigen. 

„Fast 30 Prozent der Bevölkerung werden bereits erreicht“, rechnet Wassermann vor. Statt Richtern beurteilen speziell ausgebildete Verfahrenspfleger, ob eine Fixierung wirklich nötig ist. Sie stammen aus pflegerischen Berufen, verfügen über die wichtigen Fachkenntnisse und legen den Fokus daher auf andere Dinge als Juristen. Mehrere Einrichtungen in der Region haben sich bereits dafür entschieden, den „Werdenfelser Weg“ mitzugehen. Wer sich dafür interessiert, kann sich auf www.werdenfelser-weg-original.de informieren.

Von Ursula Gnadl

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