Gewerbeverband sieht Wirtschaftswachstum gefährdet und fordert städtisches Konzept

Betriebe beklagen Wohnungsmangel

+
Lieferten Zahlen und Fakten zum Wohnungsmarkt. V.li. Klaus Bauer (Motoren Bauern), Arthur Wilm, Thomas Grün (Sparkasse), Hans-Georg Geist (Vorsitzender Gewerbeverband) und Florian Lechner (Architekt und Stadtrat).

Weilheim – Der Wohnraum in der Stadt ist knapp und begehrt. Wer kann es sich leisten, in Weilheim zu wohnen und wer sollte hierher zuziehen? Den Status quo und die sich abzeichnende Entwicklung haben der Gewerbeverband und die Vereinigten Sparkassen Weilheim zum Motto einer gemeinsamen Veranstaltung gemacht. Ein brisantes Thema, wie sich am vergangenen Donnerstag zeigte. Die heimische Wirtschaft sieht auf städtischer Seite Handlungsbedarf.

Von den rund 10 000 Arbeitskräften in Weilheim leben circa 30 Prozent im Stadtgebiet. 7 000 Menschen pendeln zur Arbeit ein und 5 000 Weilheimer haben ihren Arbeitsplatz außerhalb der Stadt. Bis zum Jahr 2035, so der Gewerbeverbandsvorsitzende Hans-Georg Geist, wird für den Landkreis Weilheim-Schongau ein Bevölkerungswachstum von 7,1 Prozent prognostiziert, das aufgrund der Flüchtlingszahlen wohl noch höher ausfallen wird. Der Wohnungsbau hinke der Nachfrage stark hinterher.

„Junge Familien auf der Suche nach einem Eigenheim sind in jedem Fall die Dummen. Sie zahlen entweder heute hohe Preise oder später hohe Zinsen“, konstatierte Geist. Auch neue Unternehmen, die sich in dem künftigen Gewerbegebiet „Achalaich“ ansiedeln, werden nach Mitarbeitern suchen, die der leergefegte regionale Arbeitsmarkt jedoch nicht hergibt. „Wo sollen die von auswärts angeworbenen Fachkräfte denn wohnen?“, fuhr der Gewerbeverbandschef fort.

Unternehmer Klaus Bauer beklagte den Mangel an Ein- bis Zweizimmerwohnungen im niedrigen Preissegment, die „für die Zukunft der Weilheimer Wirtschaft extrem wichtig“ seien. Von den 240 Beschäftigten der Bauer-Gruppe pendeln 65 Prozent aus dem Umkreis von 30 Kilometern ein. „Der Radius wird immer größer“, schilderte Bauer die Situation in seinem Betrieb und verwies auf den damit einhergehenden Anstieg der Verkehrsbelastung in Weilheim. Die Gefahr, dass Mitarbeiter abwandern, weil sie keine bezahlbare Wohnung finden, sei groß. Aufgabe der Stadt sei es, rechtzeitig die Weichen zu stellen. „Wir müssen uns speziell um die jungen Leute kümmern“, appellierte Bauer.

51 Prozent der Weilheimer wohnen zur Miete. Der Quadratmeterpreis liegt bei Wohnungen zwischen 9,35 (Bestand) und elf Euro (Neubau). Arthur Wilm, Leiter der Immobilienabteilung in der Sparkasse, lieferte den Teilnehmern aktuelle Zahlen. Seinen Ausführungen zufolge sind die Mieten im Laufe der letzten zehn Jahre um 33 Prozent gestiegen, Wohnungen zum Kauf sogar um 64 Prozent. Angebote im Niedrigpreisbereich gibt es kaum. Für sechs angebotene Wohnungen, führte der Immobilienfachmann beispielhaft an, sind derzeit 686 Kaufinteressenten vorgemerkt. Wilm sprach auch die Verteilung der Einkommen an: Das Gros der Weilheimer Haushalte verfügt über ein monatliches Nettoeinkommen unter 3 600 Euro, nur bei 28 Prozent liegt es darüber. Wenn die Prognosen zutreffen, rechnete Wilm vor, wird Weilheim in 20 Jahren rund 2 500 Einwohner mehr zählen.

Im Stadtgebiet, führte Architekt Florian Lechner ins Feld, gebe es „unglaublich große Bestände an brach liegendem Wohnraum“. In Häusern blieben nach dem Auszug von Familienmitgliedern oft jahrzehntelang ganze Etagen ungenutzt. Eine Aufteilung in mehrere Wohneinheiten gestalte sich aber schwierig. Hohe Grundstückspreise und viele Reglementierungen würden das Bauen teurer machen. Für ein weiteres Einheimischenmodell habe die Stadt kein Bauland zur Verfügung. Den Forderungen der Wirtschaft nach kleinen Wohneinheiten hielt Stadtratsmitglied Lechner (BfW) entgegen, dass andererseits auch der Bedarf an großen Wohnungen für Familien mit mehreren Kindern gedeckt werden müsse. Für 450 Wohneinheiten gebe es derzeit Baurecht, berichtete Lechner.

Diese Zahl relativierte in der Diskussion Frank Dittmann, da seiner Meinung nach 300 Wohnungen davon für Bürger mit einem Monatseinkommen unter 3 500 Euro nicht erschwinglich seien: „Das ist eine Milchmädchenrechnung“, so Dittmann.

Eine Möglichkeit, die Wohnsituation für ihre Mitarbeiter zu entspannen, sehen die Unternehmer in der Errichtung von Betriebswohnungen. Allerdings wurde auf Hindernisse, wie Einschränkungen durch das Mietrecht, hingewiesen. Kritisiert wurde ferner, dass die Stadt diese Wohnungen auf dem Betriebsgelände nicht genehmigt. Michael Schulze, Inhaber der Firma „Dr. Müller Diamantmetall AG“, die 2008 aus Feldafing nach Weilheim umgezogen ist, denkt bereits über Konsequenzen und eine Verlagerung des Betriebes ins Ausland nach: „Unser größtes Problem ist Mitarbeiter zu finden. Wir sind platztechnisch am Ende und suchen mittlerweile nach neuen Standorten für unsere Firma.“

Für Gustl Bernhofer, früherer Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Oberland, stellten sich folgende Fragen: „Es wäre interessant zu wissen, wie denkt die Stadt, wer ist die Stadt und hat sie ein Konzept?“

Die Wirtschaftsvertreter sehen zur Behebung der Wohnungsmisere auch die Kommunalpolitik in der Pflicht. Gewerbeverbandsvorsitzender Geist stellte am Ende des fast dreistündigen Themenabends „Wohnen in Weilheim – Quo vadis?“ fest: „Man wird die Preisdynamik durchbrechen müssen, wenn Weilheim eine gesunde Wirtschaft haben möchte.“ Bürgermeister Markus Loth und Andrea Roppelt, Leiterin der städtischen Bauverwaltung, beide in der Einladung als Referenten angekündigt, waren nicht vertreten. Auf Nachfrage begründete dies Veranstalter Geist mit einer Terminüberschneidung des Bürgermeisters.

Von Maria Hofstetter

Meistgelesen

Fällaktion in Murnau
Fällaktion in Murnau
Kleiner Käfer, großer Schaden
Kleiner Käfer, großer Schaden
Alles auf einen Blick
Alles auf einen Blick
Existenz von Imkerei bedroht
Existenz von Imkerei bedroht

Kommentare