Hitzige Debatten und Handgreiflichkeiten bei "Die zwölf Geschworenen" im Stadttheater

Zweifel und Vorurteile

+
Es geht heiß her in diesem Stück: Die Geschworenen zeigen nach und nach ihre Aggressionen und Gefühle.

Es ist ein schwülheißer Sommertag – eine „Affenhitze“ herrscht in New York. Draußen heulen die Sirenen. Zwölf Geschworene befinden sich in einem Raum der Justiz. Sie sollen über das Schicksal eines angeblichen Vatermörders entscheiden. Ihm droht die Todesstrafe.

Im Rahmen der Weilheimer Festspiele wird das Stück „Die zwölf Geschworenen“ im Stadttheater aufgeführt. Regie führt Yvonne Brosch.

Die zwölf Geschworenen

Das Urteil scheint eindeutig: Todesstrafe für den Mörder, der seinen Vater umgebracht hat. Es gibt Zeugenaussagen und Indizien, die gegen den jungen Mann mit südamerikanischer Herkunft sprechen. Elf der Geschworenen plädieren für die Todesstrafe. Nur ein Geschworener, Nr. 8 (gespielt von Heiko Dietz), ist für „nicht schuldig“. Er versetzt sich in die Lage des Jungen und versucht mit sachlichen Argumenten zu überzeugen. Die Geschworenen beginnen den Fall komplett neu aufzudröseln, erkennen Widersprüche bei den Indizien und Zeu genaussagen. Und zu guter Letzt zeigen sie auch, dass sie alle von Vorurteilen und Fehlurteilen gelenkt werden. 

So beharrt Geschworener Nr. 3 vehement auf „schuldig“. Dem Darsteller Winfried Hübner gelingt es sehr authentisch, diesen aufbrausenden und wütenden Charakter zu verkörpern. Das Besondere an der Aufführung ist: Jeder Charakter hat eine eigene Vergangenheit, eine eigene Sicht auf die Welt und einen bestimmten sozialen Hintergrund. So bemerkt eine Theaterbesucherin in der Pause: „Mir gefallen die unterschiedlichen Charaktere sehr gut. Die einzelnen Schauspieler bringen diese gut rüber. Sie zeigen, dass die Herkunft der Geschworenen Einfluss darauf nimmt, wie sie sich entscheiden.“ Auffallend gut gespielt ist die Rolle des Geschworenen Nr. 7, dargestellt von Uwe Kosubek. Er bringt seinen Baseball-Slang in die Diskussion mit ein. Nr. 7 möchte nämlich möglichst schnell eine Entscheidung treffen, um rechtzeitig zum Baseballmatch zu kommen. 

Die Situation, dass die Geschworenen in einem Raum zusammen sind und erst heraus dürfen, wenn sie eine einstimmige Entscheidung getroffen haben, gleicht einem sozialen Experiment. 

Bühnenbauer und Techniker Andreas Arneth betont im Gespräch mit dem Kreisboten, dass dieses Stück auch für junges Publikum geeignet ist – ab 14 Jahren aufwärts. Ursprünglich wurde dieses Gerichtsdrama von Reginald Rose als Fernsehspiel konzipiert und kam 1957 mit Schauspieler Henry Fonda in die Kinos. „Die Frage nach Urteil und Gerechtigkeit ist ein aktuelles Thema“, findet Regisseurin Yvonne Brosch und bezieht sich hierbei nicht nur auf den Fall Mollath: „Das Stück zeigt, wie Vorurteile und Bequemlichkeit regelrecht zum Tode oder zu einem Fehlurteil führen können.“

Das Ensemble, welches aus Münchener Profis und vier Weilheimer Laien besteht, lässt die Zuschauer den Atem anhalten. Es baut Spannung bis zur letzten Sekunde auf. 

Arneth legte bei der Gestaltung des Bühnenbilds Wert auf kleine Details, um eine realistische Kulisse zu schaffen. Wichtig sei der „amerikanische Touch“, da dieses Stück nie in Deutschland spielen könnte, schließlich gab es dort keine Todesstrafe. Der Zuschauer wird in die Zeit der 60er Jahre versetzt. Eine amerikanische Flagge hängt an der Wand, ebenso ein Bildnis des amerikanischen Präsidenten. 

Der Druck, der auf den Geschworenen lastet, zeigt sich auch in der Hitze des Raumes. Diese wird symbolisiert durch heruntergelassene Jalousien, einen Wasserspender und einen Ventilator. 

Der Zuschauer betrachtet das Schauspiel aus einer Ecke heraus. Anfangs sitzen manche Geschworenen sogar mit dem Rücken zu Publikum und zeigen erst später ihr wahres Gesicht. Auch das ist eine Metapher für dieses Stück. Denn nach und nach kommt heraus, was die einzelnen Geschworenen antreibt, bestimmte Ansichten zu vertreten. 

Können die Geschworenen also überhaupt nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden? Dieses spannende Gerichtsdrama gibt tiefe Einblicke in das Unterbewusstsein der menschlichen Psyche. Gespielt wird es im Stadttheater Weilheim noch an den Freitagen, 24. Oktober und 31. Oktober, jeweils um 20 Uhr und am Sonntag, 2. November, um 18 Uhr. Karten sind erhältlich im Medienhaus, Münchener Straße 1, Weilheim, unter Tel. 0881/18967.

von Mirjam Mögele

Auch interessant

Meistgelesen

"Der Tiger" ist wieder zu Hause
"Der Tiger" ist wieder zu Hause
Tenne steht in Flammen
Tenne steht in Flammen
Notlandung im Getreidefeld
Notlandung im Getreidefeld
Bauland wird immer teurer
Bauland wird immer teurer

Kommentare