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42-Stunden-Woche? Gabriel fordert Mehr-Arbeit – und prophezeit „zehn anstrengende Jahre“

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Von: Andreas Schmid

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Sigmar Gabriel, ehemaliger Vorsitzender der SPD, spricht sich für eine längere Arbeitswoche aus
Sigmar Gabriel, ehemaliger Vorsitzender der SPD, spricht sich für eine längere Arbeitswoche aus. (Archivfoto) © IPON/Imago Images

Sigmar Gabriel fordert, dass Menschen „etwas mehr arbeiten“. Konkret geht es um die aus der Wirtschaft geforderte 42-Stunden-Woche. Die Politik ist uneins.

Berlin - Kommt die 42-Stunden-Woche? Geht es nach dem früheren SPD-Chef und Merkel-Vizekanzler Sigmar Gabriel, dann müssen die Menschen in Deutschland künftig mehr arbeiten. „Wir können es drehen, wie wir wollen“, sagte Gabriel der Bild am Sonntag: „Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, kommen jetzt mindestens zehn Jahre, in denen es anstrengender wird als in den letzten.“

Sigmar Gabriel für 42-Stunden-Woche - wegen Fachkräftemangel

In der Regel arbeiten deutsche Arbeitnehmer 40 Stunden pro Woche. Industriepräsident Siegfried Russwurm hatte sich zuletzt öffentlich für zwei Stunden mehr eingesetzt. Laut Gabriel eine „berechtige“ Idee: „Wollen wir Menschen nicht lieber wieder mehr verdienen lassen, indem wir etwas länger arbeiten?“

Man müsse den Vorschlag in Tarifverhandlungen klären, „denn mit Zuwanderung allein werden wir das Fachkräfteproblem nicht lösen“, sagte Gabriel. Der Fachkräftemangel sei allgegenwärtig. „Uns fehlen Menschen für die Arbeit, weil die Babyboomer in Rente gehen und danach der Pillenknick kommt.“

42-Stunden-Woche? Lindner fordert „mehr Überstunden“

Die Rufe nach einer 42-Stunden-Woche kamen in den vergangenen Wochen vor allem aus der Wirtschaft. Garniert werden sie mit Ökonomenstimmen, die auch über einen Renteneintritt ab 70 Jahren nachdenken. Anklang finden diese Ideen bei der FDP. Im Juni erklärte Parteichef Christian Lindner auf Twitter, es brauche „mehr Überstunden“. Denn Deutschland sei in „einer fragilen Lage“. Linke und Grüne kritisierten den Vorstoß.

42-Stunden-Woche: Gabriels SPD widerspricht

Die Linke sieht die aktuellen Vorschläge vom Renteneintritt mit 70 oder der 42-Stunden-Woche als „eine Ohrfeige für die Menschen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben“, wie Parteichefin Janine Wissler der dpa sagte.

Widerspruch kam auch von den Gewerkschaften. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel sprach von „billigen Scheinlösungen“ und warnte vor „überlangen Arbeitszeiten“, die auf Dauer krank machten. Die IG Metall watschte die Pläne als einen „Raubbau an der Gesundheit der Beschäftigten“ ab.

SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert sagte, so etwas „kann aus Sicht der SPD kein Beitrag zur Lösung sein“. Zur Einordnung: Sigmar Gabriel war acht Jahre lang Parteichef der SPD. Unter Angela Merkel war er Außen- und Wirtschaftsminister. Nach seinem Ausscheiden aus der Politik wechselte der 62-Jährige in die Wirtschaft. Gabriel ist Aufsichtsratschef des Stahlkonzerns Thyssenkrupp und sitzt in den Aufsichtsräten von Siemens Energy und Deutscher Bank.

Energieknappheit: Gabriel fordert Bevorzugen der Wirtschaft

Gabriel agiert also auch als Wirtschaftsvertreter, wenn er von einer „Zerreißprobe“ spricht, welche Akteure bei Gasknappheit Versorgungsvorrang haben sollen: Privathaushalte oder die Wirtschaft? Der Ex-Minister legt sich fest: Es muss die Wirtschaft sein. „Weil drei Grad kältere Temperaturen zu Hause im Zweifel besser weggesteckt werden können als das Abschalten ganzer Wirtschaftszweige, in denen ja Hunderttausende Menschen arbeiten und ihr Geld verdienen.“

Hintergrund ist der Notfallplan Gas von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Aktuell ist die zweite von drei Stufen ausgerufen. Bei Stufe drei entscheidet der Staat, wer versorgt wird und wer nicht.

Ein russischer Gasstopp würde Deutschland hart treffen, meint Gabriel: „Teile der Wirtschaft würden zum Erliegen kommen, die Arbeitslosigkeit würde steigen.“ Derzeit fließt wieder russisches Gas nach Deutschland. Wie lange (noch), scheint unklar – zu abhängig ist man vom Gusto des Kreml. Laut Habeck wird Russland die Gasmenge „immer wieder“ verknappen. „Wir müssen akzeptieren, dass Putin diesen Gashebel gegen uns einsetzt.“ (as)

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