Ärzte-Rebellion bringt Kassensystem ins Wanken

Nürnberg - Bayerns Ärzte proben die offene Rebellion. Sie stemmen sich gegen das System der Kassenärztlichen Vereinigungen, das im Gesundheitswesen die Gelder verteilt.

Am Mittwochnachmittag wollten mehrere tausend niedergelassene Mediziner in der Nürnberger Arena über einen kollektiven Ausstieg aus dem Kassensystem entscheiden. Der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes gibt sich zuversichtlich. “Ich gehe davon aus, dass die Abstimmung positiv verlaufen wird“, wiederholt Wolfgang Hoppenthaller seit Tagen geradezu gebetsmühlenartig. Dass bei der Abstimmung wirklich 60 Prozent der rund 7000 bayerischen Hausärzte die Aktion unterstützen, bezweifeln vor allem Krankenkassen. Das wirtschaftliche Risiko sei enorm hoch. Riskierten die Mediziner doch den dauerhaften Verlust ihres Kassenarzt-Status und damit einen großen Teil ihrer Einnahmen. Außerdem sei ein solcher Systemausstieg ungesetzlich, ermahnten Gesundheitspolitiker.

Hoppenthaller hält den Ausstieg hingegen für zwingend. Sonst “hätten die Hausärzte ihre letzte Chance vertan“, sagt Hoppenthaller. “Dann würde die ärztliche Versorgung auf dem Land in den nächsten Jahren zusammenbrechen.“ Mittlerweile seien die Honorare so niedrig, dass sich der Arztberuf nicht mehr lohne, sagen viele Ärzte. Bundesweit haben Mediziner in ländlichen Regionen Schwierigkeiten, Nachfolger zu finden. Darüber hinaus geht es den Ärzten um Planungssicherheit. Die sei mit der Gesundheitsreform und dem Aus von Hausarztverträgen infrage gestellt. Bundesweite Granden der Gesundheitsbranche blicken derweil mit wachsender Nervosität nach Bayern.

Auch in der organisierten Ärzteschaft geht man davon aus, dass ein Erfolg Hoppenthallers die mit Milliardensummen befriedeten Mediziner auch in anderen Ländern wieder auf die Barrikaden treiben könnte. Seit Jahren steigt das Honorar für die Ärzte - im kommenden Jahr auf mehr als 32 Milliarden Euro. Dennoch kommt wellenartig immer wieder Unmut und Protest. Viele Mediziner fühlen sich in ihrer Freiberuflichkeit durch das Kassensystem eingeschränkt, unter Wert bezahlt und durch Bürokratie drangsaliert. Als die Ärzte in den 50er Jahren ihre Freiberuflichkeit einschränkten und das Streikrecht aufgaben, war das ein Deal mit Vorteilen auch für die Mediziner. Sie bekamen den Auftrag, die Versorgung sicherzustellen - und garantierte Honorarzahlungen im Kassensystem. Wer seine Zulassung zurückgibt, ist für sechs Jahre aus dem System heraus, muss selbst kalkulieren und Privatrechnungen ausstellen. Wobei sich die Patienten nicht sicher sein können, ob die Kassen diese auch begleichen.

Als einige Dutzend Kieferorthopäden in Niedersachsen 2006 ihre Kassenzulassung zurückgaben und weiterhin Patienten auf Kassenkosten behandeln wollten, wurde schnell klar: Druckmittel, ihre Forderungen durchzusetzen, hatten sie kaum. Der Aktion blieb denn auch erfolglos. Bei Hoppenthaller könnte es freilich anders sein: Schafft er es, mehrere tausend Landärzte in Bayern auf seine Seite zu ziehen, könnten die Kassen unter Druck stehen, den Ärzten Zugeständnisse zu machen und sie mit neuen Verträgen auszustatten. Dann könnte Bayern zum Fanal werden und das Kassensystem zum Bröckeln bringen. Doch der Schuss könnte auch nach hinten losgehen: Wenn die Versorgung an den renitenten Medizinern vorbei mit Kliniken und anderen Ärzten gesichert werden kann, können Politik und Kassen künftig davon ausgehen, dass sie das Dauerlamento der “Halbgötter in Weiß“ nicht allzu ernst nehmen müssen.

dpa

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