Auch alte Wulff-Getreue gehen auf Distanz

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Geht's immer noch in die gleiche Richtung: Bundespräsident Wulff (li.) und sein Nachfolger als Niedersächsischer Ministerpräsident, David McAllister.

Hannover - Erstmals seit Affären-Beginn trifft Bundespräsident Wulff mit seinem Nachfolger in Hannover zusammen: Am Dienstag wird der Bundespräsident in der alten Heimat begrüßt. Doch auch hier wächst die Kritik.

Anfang 2013 wird in Niedersachen gewählt. Es sind schwere Zeiten für Christian Wulff. Nicht nur im Haifischbecken Berlin, sondern auch in seiner Heimat Niedersachsen steht der Bundespräsident wegen seines Umgangs mit der Kreditaffäre massiv in der Kritik. Selbst sein Nachfolger und Parteifreund David McAllister (CDU) geht inzwischen vorsichtig auf Distanz zum Staatsoberhaupt. Denn für ihn nähert sich der Wahlkampf.

Ungeachtet aller Kritik - die politische Arbeit Wulffs in Niedersachsen stehe aber nicht zur Debatte: „Ich werde nicht zulassen, dass die Person Christian Wulff oder dessen Arbeitsweise als Ministerpräsident diskreditiert wird“, versichert McAllister.

Christian Wulffs politisches Leben in Bildern

Christian Wulffs politisches Leben in Bildern

Er will dafür sorgen, dass beim Thema Aufklärung in der Kredit- und Medienaffäre der Ball weiter beim Bundespräsidenten in Berlin und nicht bei der Staatskanzlei in Hannover liegt. Genau hier - in der Innenstadt und rund 20 Kilometer vom in die Schlagzeilen geratenen Haus der Wulffs in Großburgwedel entfernt - werden McAllister und Wulff am Dienstag zusammentreffen - unter immenser medialer Beobachtung, versteht sich. Es ist das erste Treffen der beiden Niedersachsen seit Beginn der Affäre.

Es ist eine überaus unangenehme Situation für McAllister und dessen Niedersachsen-CDU. „2012 wird ein Jahr der Sacharbeit“, betont er derzeit gerne und versucht, das Thema Wulff klein zu halten. In der Vergangenheit suchte er die Nähe zu Wulff - etwa bei dessen offiziellem Antrittsbesuch im Mai 2011. Jetzt sieht das anders aus. Kein Wunder: Am 20. Januar 2013 will McAllister sein von Wulff geerbtes Amt als Regierungschef in Niedersachsen verteidigen.

Auch in der niedersächsischen CDU wächst die Zahl der Kritiker am einstigen Partei- und Regierungschef. Zumindest hinter den Kulissen befürchten viele ehemalige Weggefährten negative Konsequenzen für den Urnengang, „der ja glücklicherweise erst in einem Jahr stattfindet“.

Im Gegensatz zu vielen Politikerkollegen hat McAllister sich in den vier Wochen, in denen ganz Deutschland über den privaten 500 000-Euro-Kredit für Wulff diskutiert, mit öffentlicher Schelte zurückgehalten. Einzig ein Telefonat habe es seither gegeben, betont er, darin habe er Wulff um eine transparente Aufklärung gebeten.

Gänzlich konnte McAllister diese Stille aber nicht durchhalten. Hatte er anfangs noch diplomatisch erklärt, Wulff habe die Anfrage des Landtags zumindest formal richtig beantwortet, ging er jetzt in einem Interview der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ deutlicher auf Distanz: „Sollte es falsche Auskünfte der Landesregierung gegenüber dem Parlament gegeben haben, werden wir sie richtigstellen.“ Manche Fragen werde aber nur Wulff selbst beantworten können.

Angesichts der aktuellen Schlagzeilen gerät der eigentliche Anlass des Treffens in Hannover - die Eröffnung der Villa Seligmann als Europäisches Zentrum für Jüdische Musik - ungewollt in den Hintergrund. Für Wulff dürfte dies auch deshalb ärgerlich sein, weil ihm schon in seiner Amtszeit als niedersächsischer Regierungschef der Austausch der Kulturen und Religionen eine Herzensangelegenheit war.

Doch auch für McAllister ist es ein besonderer Termin. Immerhin war es Wulff, der ihn 2002 zum CDU-Generalsekretär in Niedersachsen machte und dem er nach der gewonnen Landtagswahl 2003 an der Spitze der CDU-Landtagsfraktion nachfolgte. Trotz der langen gemeinsamen Zeit - von Freundschaft will McAllister bei Wulff nicht sprechen: „Wulff war für mich Förderer, Kollege, Vorgesetzter.“

Für die Opposition im niedersächsischen Landtag ist die „Causa Wulff“ eine willkommene Steilvorlage für Kritik an Schwarz-Gelb. Dies wird sich in dieser Woche auch in der Januar-Sitzung der Parlamentarier zeigen - für die Grünen ist es gar die „Woche der Entscheidung“. SPD und Grüne haben insgesamt 160 Fragen zu Wulff an die Staatskanzlei gestellt und pochen auf deren Beantwortung im Plenum.

Am Freitag steht zudem ein Antrag der Linksfraktion auf einen Untersuchungsausschuss zur Abstimmung. Die jüngsten Vorwürfe gegen Wulff, bei denen es um eine private finanzielle Förderung eines Oktoberfestbesuchs geht, zeigten, dass die Kumpanei von Politik und Wirtschaft aufgedeckt werden müsse, sagt Fraktionschef Hans-Henning Adler .

Ob McAllister selbst ans Rednerpult treten wird, ist noch unklar. Eine Regierungserklärung, wie von der Opposition gefordert, werde es aber auf keinen Fall geben. Aus der Sicht von Linken, Grünen und SPD ist McAllister trotz der zur Schau gestellten Distanz aber definitiv mehr als „nur“ der Wulff-Nachfolger - von einem „Tandem Wulff/McAllister“ ist die Rede. Auch heißt es, McAllister klebe an Wulff. Es bleibt spannend - an der Leine und an der Spree.

dpa

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