Bildungsbericht 2014

Trend geht zur Bildung - aber nicht für alle

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Exklusion statt Inklusion ist im deutschen Bildungssystem an der Tagesordnung.

Berlin - Der Bildungserfolg in Deutschland hängt weiterhin wesentlich von der sozialen Herkunft ab. Auch bei der Inklusion gibt es noch massive Defizite, resümiert der neue nationale Bildungsbericht.

Danach lernen inzwischen viele Kleinkinder schon in der Kita. Es gibt mehr Abiturienten und so viele Studienanfänger wie noch nie. Die Zahl der erfolgreichen Hochschulabsolventen steigt, und in den Unternehmen wächst das Interesse an Weiterbildung.

Zu viele Jugendliche werden im deutschen Bildungssystem ausgegrenzt. Dieses Fazit zieht der am Freitag in Berlin vorgestellte Bericht „Bildung in Deutschland 2014“, der alle zwei Jahre von einem Wissenschaftlerteam im Auftrag von Bund und Ländern vorgelegt wird.

So hält in den Gymnasien der Zustrom weiter an. Gleichwohl wird jeder zehnte Gymnasiast zwischen der 5. und 9. Klasse wieder auf eine andere Schulform zurückgestuft. Ein Drittel der Schüler nutzt inzwischen Ganztagsangebote. Immer mehr junge Menschen erwerben eine Studienberechtigung, zuletzt 57 Prozent. Die Zahl der jährlichen Studienanfänger ist in den vergangenen zwölf Jahren um 200.000 auf jährlich 500.000 gestiegen. Inzwischen schließen mehr junge Frauen als Männer erfolgreich ein Studium ab. Unter den jungen Frauen sind dies 24 Prozent eines Jahrgangs, bei den gleichaltrigen Männern 22 Prozent.

Soziale Herkunft ist wesentlicher Faktor

Trotzdem hängt Bildungserfolg weiterhin wesentlich von der sozialen Herkunft ab. Noch immer können 18 Prozent der 15-jährigen Schulabgänger nur auf Grundschulniveau rechnen. 5,9 Prozent eines Jahrganges verlassen die Schule ohne Hauptschulabschluss. 28 Prozent der Bachelor-Studenten brechen ihr Studium ab. In der betrieblichen Lehre tun dies 22 Prozent. Und: Von den 30- bis 34-Jährigen haben 17 Prozent keinen Berufsabschluss.

„Unser Bericht zeigt ein Bildungswesen zwischen Bewegung und Stillstand“, resümierte der Frankfurter Entwicklungspsychologe Marcus Hasselhorn, Sprecher der Autorengruppe. Auf allen Ebenen steige die Bildungsbeteiligung. „Nicht alle gesellschaftlichen Gruppen sind Teil dieser Dynamik.“

Im Nachteil sind vor allem Kinder und Jugendliche, die in einer sogenannten Risikolage groß werden. Dazu zählen erwerbslose, armutsgefährdete oder bildungsferne Elternhäuser. Dies sind trotz eines leichten Rückganges noch immer 29,1 Prozent eines Jahrganges. Junge Erwachsenen mit Migrationshintergrund haben dreimal so häufig keinen Berufsabschluss wie Gleichaltrige mit deutschen Wurzeln.

Mehr Investitionen in Bildung geplant

„Der Bildungsbericht ist Ermutigung und Auftrag zugleich“, sagten übereinstimmend Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Sylvia Löhrmann (Grüne/NRW). Investitionen in Bildung lohnten sich für den Einzelnen wie für die Gesellschaft.

Die Gesamtausgaben für Bildung, Forschung und Wissenschaft in Deutschland beliefen sich 2012 auf 247,4 Milliarden Euro. Neuere Zahlen liegen nicht vor. Das sind 9,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Politisches Ziel ist es, diesen BIP-Anteil bis 2015 auf zehn Prozent zu steigern.

Inklusion in weiter Ferne

Einen Schwerpunkt setzt der Bildungsbericht diesmal bei den Bildungschancen für Behinderte und bei der angestrebten Inklusion - dem von einer UN-Konvention verlangten gemeinsamen Unterricht von Behinderten und Nicht-Behinderten. In Deutschland gibt es 493.000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf - das sind 6,6 Prozent aller Schüler. Die Quote schwankt im Bundesländer-Vergleich erheblich. Die Autoren bemängeln das Fehlen eines bundeseinheitlichen Verfahrens, mit dem der Förderbedarf festgestellt wird. Zudem müssten die verschiedenen Institutionen (Schule, Jugendhilfe, Sozialämter) bei den Hilfen stärker zusammen arbeiten.

Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe kritisierte: „Von inklusiver Bildung sind wir weit entfernt - Exklusion ist nach wie vor überall in der Bildung an der Tagesordnung. Wir grenzen aus und stufen ab.“ Der Bildungsverband VBE warnte: „Inklusion ist nicht schneller durch die Schließung von Förderschulen zu haben.“ Die Fraktionsvize der Grünen, Katja Dörner, hielt der Koalition vor, die den Ländern für Bildung jetzt zugedachten sechs Milliarden Euro seien angesichts der großen Herausforderungen „nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein“.

dpa

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