Rücktritt in London

Britisches Regierungsbeben: Das sind die möglichen Johnson-Nachfolger

Briten-Premier Johnson verkündet am Donnerstag seinen Rücktritt.
+
Bye, Bye Boris: Briten-Premier Johnson verkündet am Donnerstag seinen Rücktritt.
  • Andreas Schmid
    VonAndreas Schmid
    schließen

Boris Johnson schmeißt hin, er musste aufgeben. Als Parteichef tritt er ab, als Premier will er vorerst weitermachen. Die Liste der möglichen Nachfolger ist lang.

London - Die politische Karriere des Boris Johnson neigt sich dem Ende entgegen. Nachdem zahlreiche Skandale des britischen Premierministers folgenlos geblieben waren, trat Johnson am Donnerstag als Parteivorsitzender der Konservativen Partei zurück. Ihm blieb nichts anderes übrig, nachdem mehrere Minister die Reißleine gezogen und Johnson öffentlich zum Rücktritt gedrängt hatten.

Premierminister will der 58-Jährige vorerst aber bleiben. Im Rennen um seine Nachfolge gibt es bislang keinen klaren Favoriten. Ein Überblick zu den möglichen Kandidatinnen und Kandidaten:

Johnson-Nachfolge: Drei Kandidaten mit vorgeworfenen Finanzvergehen

  • Rishi Sunak: Der erste hinduistische Finanzminister Großbritanniens wurde lange als Favorit für die Nachfolge von Johnson gehandelt. Doch Fragen zu seinem beträchtlichen Privatvermögen und Steuertricks seiner Familie schadeten zuletzt seinem Ruf. Als Finanzminister trat Sunak am Dienstag aus Protest gegen Johnsons Amtsführung zurück, was die Spekulationen um seine eigenen Ambitionen anheizte.
  • Nadhim Zahawi: Sunaks Nachfolger als Finanzminister hatte sich zuvor einen Namen als Verantwortlicher für Großbritanniens Corona-Impfkampagne gemacht. Davor war er Bildungsminister. Der 55-Jährige kam als Kind als Flüchtling aus dem Irak nach Großbritannien. Bevor er in die Politik ging, gründete er das bekannte Meinungsforschungsinstitut YouGov. Auch Zahawis Ruf wird von Fragen nach seinem Privatvermögen überschattet.
  • Sajid Javid: Der frühere Investmentbanker gehört dem wirtschaftsliberalen Flügel der Konservativen an. 2020 war er im Streit mit Johnson als Finanzminister zurückgetreten, wurde gut ein Jahr später jedoch als Gesundheitsminister erneut ins Kabinett berufen. Er hatte Johnson lange verteidigt, trat nun aber erneut zurück. Er steht ebenfalls wegen mutmaßlichen Steuertricks in der Kritik.

Johnson-Nachfolge: Ben Wallace als Topkandidat

  • Ben Wallace: Der Verteidigungsminister hat im Zuge seiner Politik im Ukraine-Krieg an Beliebtheit gewonnen. In einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage unter Tory-Mitgliedern wäre er bei einer Neuwahl des Parteivorsitzenden der Top-Favorit. Wallace kündigte an, dass er selbst trotz der massenhaften Rücktritte im Amt bleiben werde.
Ben Wallace, britischer Verteidigungsminister.

Johnson-Nachfolge: Zwei Frauen als mögliche Premierministerin?

  • Penny Mordaunt: 2019 wurde sie die erste britische Verteidigungsministerin, derzeit ist die 49-Jährige Staatsministerin für Außenhandel. 2016 kämpfte sie für den Brexit. Die Reservistin der Royal Navy gilt als gute Rednerin. Einige sehen in ihr eine Kompromisskandidatin für den Vorsitz der zerstrittenen Partei. Laut einer YouGov-Umfrage hat sie nach Wallace die zweitgrößten Chancen auf das Amt der Parteichefin.
  • Liz Truss: Die Außenministerin wird in der konservativen Partei für ihre Offenheit und ihr Durchsetzungsvermögen geschätzt. Allerdings hat dies auch Fragen zu ihrem Urteilsvermögen aufgeworfen, zum Beispiel als sie im Februar Briten zum Kampf in der Ukraine aufforderte. Kritiker werfen der 46-Jährigen vor, sich durch ihre Freimütigkeit angreifbar zu machen.
Die britische Außenministerin Elizabeth „Liz“ Truss.

Übrigens: Eine Frau als Regierungschefin Großbritanniens wäre kein Novum. In der Vergangenheit bekleideten dieses Amt schon Margaret Thatcher (1979 bis 1990) und Theresa May (2016 bis 2019). Thatcher und May waren zugleich Parteivorsitzende der Conservative Party.

Großbritannien: Weitere Johnson-Kandidatin

  • Jeremy Hunt: Der frühere Außen- und Gesundheitsminister unterlag 2019 im Rennen um den Parteivorsitz der Konservativen. Im vergangenen Monat leitete Hunt mit klarer Kritik am Parteichef recht unverhohlen einen erneuten Versuch ein, ihm den Chefposten streitig zu machen. Unter Johnsons Führung würden die Wähler „uns nicht mehr vertrauen“, eine Niederlage bei den nächsten Parlamentswahlen sei programmiert.
  • Tom Tugendhat: Der 49-jährige ehemalige Armeeoffizier ist ein prominenter Abgeordneter und Vorsitzender im einflussreichen Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten. Eine Kandidatur im Falle eines Führungswechsels hat er angedeutet, parteiintern steht ihm das Lager der Johnson-Anhänger jedoch kritisch gegenüber. Profiliert hat er sich unter anderem mit einer harten Haltung gegenüber China und Kritik am Truppenabzug aus Afghanistan.

Das Rennen um die Johnson-Nachfolge ist eröffnet. Als aussichtsreichste Nachfolgekandidaten gelten Verteidigungsminister Ben Wallace und Außenministerin Liz Truss. Kurz nach dem britischen Politikbeben hat sich aber noch kein vollends klarer Favorit im Rennen um das Johnson-Erbe herauskristallisierst, weswegen die Liste der potenziellen Nachfolger noch lang ist. (as mit Material der AFP)

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Nukleare Eskalation? Stimmungsumschwung in Russland? Vier offene Fragen für Scholz und Deutschland
Politik
Nukleare Eskalation? Stimmungsumschwung in Russland? Vier offene Fragen für Scholz und Deutschland
Nukleare Eskalation? Stimmungsumschwung in Russland? Vier offene Fragen für Scholz und Deutschland
Nach G7-Gipfel: Aufräumarbeiten rund um Elmau
POLITIK
Nach G7-Gipfel: Aufräumarbeiten rund um Elmau
Nach G7-Gipfel: Aufräumarbeiten rund um Elmau
Ukraine-Krieg: „Verheerende Verluste“ für Russland – Neue Details bekannt
POLITIK
Ukraine-Krieg: „Verheerende Verluste“ für Russland – Neue Details bekannt
Ukraine-Krieg: „Verheerende Verluste“ für Russland – Neue Details bekannt
Ukraine-Referenden: Russlands Eil-Plan sickert durch - selbst Serbien erteilt Putin nun Abfuhr
Politik
Ukraine-Referenden: Russlands Eil-Plan sickert durch - selbst Serbien erteilt Putin nun Abfuhr
Ukraine-Referenden: Russlands Eil-Plan sickert durch - selbst Serbien erteilt Putin nun Abfuhr

Kommentare