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„Online-Krieger“ als nützliche Rote Garde? - China spielt mit dem Feuer

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Von: Foreign Policy

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Eine Statue von Mao Zedong in der Stadt Lijiang.
Eine Statue von Mao Zedong in der Stadt Lijiang. © Kevin O´Hara/www.imago-image

China nutzt die Dienste von Cyber-Nationalisten - sie erinnern auf unangenehme Weise an die Roten Garden der 1960er-Jahre. Doch es ist ein gefährliches Spiel Pekings.

Peking - Als 1966 die Kulturrevolution in China* begann, standen die Rotgardisten an vorderster Front. Im Bann von Propaganda und Nationalismus und mit dem Ziel, Mao Zedong* bei der Verbreitung der roten Saat des Kommunismus zu helfen, begannen die Rotgardisten – zumeist Jugendliche, einige erst 14 Jahre alt – einen Angriff auf die chinesische Gesellschaft und ihre Eliten, von der Parteiführung bis zu den Lehrern.

Mit dem Auftrag, die „Vier Alten“ (alte Denkweisen, alte Kulturen, alte Gewohnheiten und alte Sitten) zu zerstören, wählten die Roten Garden ihre Zielscheiben, ob den Philosophen Konfuzius oder den militärischen Führer Lin Biao, auf der Grundlage der Anweisungen von oben sowie ihrer eigenen lokalen Rachegelüste und Launen. Man konnte ins Fadenkreuz geraten, weil man ein politischer Führer war, der Maos Politik ablehnte, oder ein Bauer, der sich etwas besser kleidete als der Rest des Dorfes. Diese chaotischen Zeiten, die zu Säuberungen, Todesfällen und sozialen Verwerfungen führten, haben in China und seinem Volk tiefe Spuren hinterlassen, die sich noch heute in der Angst der chinesischen kommunistischen Parteiführung vor Chaos und unkontrollierten Massenbewegungen zeigen.

China: Peking bildete eine neue „Volksarmee“ - getrieben von Nationalismus und Propaganda

Heute, Jahrzehnte nach der Kulturrevolution, hat sich in China eine neue Art von Volksarmee gebildet. Angetrieben vom gleichen Nationalismus und der gleichen Propaganda, verteidigen dieCyber-Rotgardisten mit der gleichen Mischung aus Inspiration von der Basis und Anweisungen von oben die empfindlichen Gefühle Chinas. Ob sie nun ein ausländisches Unternehmen, eine K-Pop-Gruppe oder ein ausländisches Basketballteam ins Visier nehmen, sie wecken unangenehme Erinnerungen an Maos Rote Garden und ihren Eifer, Zuwiderhandelnde zu bestrafen.

Die heutige Online-Legion ist nicht mehr so jung wie die Roten Garden. Aber es sind vor allem Menschen, die nach 1980 geboren wurden und mit Computern, Telefonen und dem Internet aufgewachsen sind, aber auch einer großen Menge an patriotischer Erziehung und Propaganda ausgesetzt waren. Manchmal werden sie auch als „Little Pinks“ bezeichnet, obwohl diese ursprüngliche Bezeichnung ihrer Vielfalt nicht mehr gerecht wird.

Der Begriff Wumao wurde ursprünglich geprägt, um bezahlte Propagandisten zu beschreiben, die online für alle Ebenen des chinesischen Staates arbeiten, wurde aber zum allgemeinen Slangwort für all jene, die nationalistische Posts verfassen, was zur Prägung des Begriffs Ziganwu (in etwa „Wumao aus eigenem Antrieb“) führte, um darauf hinzuweisen, dass diese Blogger keine finanzielle Entschädigung für ihre Aktionen erhalten. Was die Cyber-Rotgardisten von heute jedoch eint, ist der patriotische Wunsch, China vor vermeintlichen Angriffen oder Kränkungen aus dem Ausland zu schützen.

H&M bis Intel: Chinas ominöse Troll-Liste

Kürzlich wurden Unternehmen wie Walmart und Intel in die Liste der westlichen Unternehmen aufgenommen, die im Visier der chinesischen Netzgemeinde stehen. Walmart hat angeblich den Verkauf von in Xinjiang* hergestellten Produkten in seinen chinesischen Filialen eingestellt, weil in der chinesischen Region der Verdacht auf Zwangsarbeit besteht. Auch Intel versuchte, sich von Produkten aus Xinjiang zu distanzieren. Diese Entwicklungen wurden durch ein neues US-Gesetz verstärkt, das die Einfuhr von Produkten aus Xinjiang verbietet, sofern die Unternehmen nicht nachweisen, dass die Produkte nicht in Zwangsarbeit hergestellt wurden.

Der Online-Druck aus China war erfolgreich: Intel hat sich bei China dafür entschuldigt, dass es seine Zulieferer angewiesen hat, keine Produkte oder Arbeitskräfte aus Xinjiang zu beziehen oder einzusetzen. Bei dem Druck vermischten sich die Bemühungen von Basisbewegungen und der Staatsmacht: Walmart wurde von der chinesischen Antikorruptionsbehörde ins Visier genommen.

Diese Fälle waren nicht ungewöhnlich. Kurz nachdem die Europäische Union Sanktionen gegen vier chinesische Regierungsvertreter und eine Organisation verhängt hatte, die in die Missstände in Xinjiang verwickelt sind, rief China patriotische Internetnutzer dazu auf, H&M zu boykottieren, ein schwedisches Bekleidungsunternehmen, das 2020 angekündigt hatte, keine Baumwolle aus Xinjiang mehr zu kaufen, da das Risiko bestehe, dass sie aus Zwangsarbeit stamme.

Chinas „Volksboykotte“: Auch Unternehmen und Promis sind beteiligt

In China werden diese Boykottbewegungen von drei Stellen unterstützt: der Regierung, den Unternehmen und dem Volk. Obwohl sich die Zentralregierung bei vielen Boykotten relativ bedeckt hält, wird der Aufruhr der Cyber-Rotgardisten in Wirklichkeit als nicht-offizielles Instrument zur Bestrafung oder zur Druckausübung auf ein Land oder ein ausländisches Unternehmen eingesetzt. Auf der Weltbühne werden offizielle Sanktionen oder Zölle umgehend erwidert, und missbräuchliche Wirtschaftsmaßnahmen können einfach bei der Welthandelsorganisation angezeigt werden.

Volksboykotte, die als Basisbewegungen und nicht als staatliche Maßnahmen angesehen werden, sind jedoch schwieriger zu bekämpfen - obwohl sie manchmal genauso effizient sind. Die Regierung kann rhetorische Unterstützung leisten, und staatliche oder parteiinterne Stellen können sogar kleine organische Kampagnen entscheidend verstärken – im Fall von H&M brachte ein Weibo-Post eines Mitglieds der Kommunistischen Jugendliga den Boykott einem breiten Publikum nahe. Ungeachtet offizieller Anreize kann in Chinas straff geführtem Online-Umfeld keine Kampagne jemals erfolgreich sein, wenn die Regierung ihr nicht erlaubt, zu gedeihen.

Auch Unternehmen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sind an Boykottbewegungen in China beteiligt. Aus ihrem Bedürfnis heraus, sich von „toxischen“ Themen zu distanzieren und ein patriotisches und vertrauenswürdiges Image zu vermitteln, reiten sie auf der nationalistischen Welle. So wurden H&M-Produkte beispielsweise auch von den E-Commerce-Plattformen Alibaba, JD.com und Pinduoduo boykottiert, die die Produkte aufgrund der öffentlichen Kritik aus dem Sortiment nahmen. Die App-Stores von Xiaomi, Huawei* und Vivo haben die H&M-App aus ihrem Angebot entfernt, während DiDi, Baidu* und Meituan H&M-Geschäfte von ihren Karten gelöscht haben. Auch Online-Publikationen könnten sich dem Zug anschließen, um während eines Boykotts ihre Besucherzahlen oder ihr Image aufzubessern.

Immer mehr Follower für Boykott-Teilnehmer - Chinas Regierung unterstützt die Entwicklung

Der Boykott von H&M wurde auch von Prominenten wie dem Sänger Wang Yibo, der Sängerin und Schauspielerin Victoria Song und dem Schauspieler Huang Xuan angeführt, die ankündigten, ihre Werbeverträge mit H&M zu kündigen. Auch von Nike, das zusammen mit Burberry, Adidas, New Balance und Zara auf der Liste der Boykottziele stand, trennten sich prominente Persönlichkeiten. Im jüngsten Fall von Intel brach der Sänger Karry Wang seine Beziehungen zu dem US-Unternehmen ab.

Die sichtbarsten Boykottteilnehmer sind schließlich das Volk, das meist keine finanziellen oder politischen Interessen hegt, sich aber verpflichtet fühlt, für China einzutreten, oder sogar wütend auf ausländische Organisationen reagiert, die chinafeindlich erscheinen und bestraft werden müssen. Zu dieser Kategorie sollten wir auch die Influencer auf Weibo oder anderen Plattformen zählen, von denen einige von persönlichen und nicht von patriotischen Interessen geleitet werden könnten. Diese Leute predigen patriotische Aktionen und kritisieren gleichzeitig westliche Unternehmen oder Chinesen, die als Fürsprecher des Westens angesehen werden – und gewinnen dabei immer mehr Follower. Diese Bewegung wird zu einer Kraft, die die Partei und die Regierung sowohl intern als auch extern unterstützt.

Ausländer in Chinas Fokus: Manchmal auch ein Offline-Kalkül

Der Kreuzzug gegen Ausländer ist eine alte Taktik, und manchmal auch ein Offline-Kalkül. Als im Jahr 2012 die Spannungen zwischen China und Japan nach der Entscheidung der japanischen Regierung, eine Inselgruppe namens Senkaku (in Japan) und Diaoyu (in China) zu kaufen, zunahmen, protestierten die chinesischen Bürger nicht nur friedlich gegen Japan. Sie begannen, japanische Waren, Unternehmen und den Tourismus zu boykottieren und griffen sogar japanische Unternehmen an, wie etwa ein Einkaufszentrum des japanischen Unternehmens AEON und ein Panasonic-Werk. Ferner zerstörten sie japanische Geschäfte und Autos, die chinesischen Bürgern gehörten. Die chinesische Regierung hat die Proteste nicht nur gebilligt und unterstützt, sondern auch den Transport der Demonstranten in Reisebussen ermöglicht. Infolgedessen haben viele japanische Unternehmen ihre Fabriken in China aus Sorge vor Gewalt vorübergehend geschlossen.

Im Jahr 2017 boykottierten chinesische Netizens südkoreanische Unternehmen wegen der Stationierung eines US-Raketenabwehrsystems durch die südkoreanische Regierung. Das südkoreanische Unternehmen Lotte hatte der koreanischen Regierung ein Grundstück für das Raketenabwehrsystem zur Verfügung gestellt, das vor nordkoreanischen Raketenbedrohungen schützen sollte. Die chinesische Online-Wut beschränkte sich nicht auf Lotte, sondern weitete sich auf den Boykott des Tourismus in Südkorea, von koreanischen Serien und K-Pop aus, was die Beziehungen zwischen China und Südkorea beeinträchtigte und zu einem ernsthaften diplomatischen Konflikt zwischen den beiden Ländern führte.

Im Oktober 2020 begann die chinesische Cyber-Armee damit, die K-Pop-Gruppe BTS zu löschen, nachdem sich ihr Bandleader über den Koreakrieg geäußert hatte. In den letzten Jahren haben zahlreiche Auseinandersetzungen und Kritik zwischen chinesischen und südkoreanischen Netzbürgern dazu beigetragen, dass sich das Image Chinas in der südkoreanischen Öffentlichkeit stark verschlechtert hat.

China: Mao vertrieb die Jugend aufs Land - nun könnte das Online-Feuer außer Kontrolle geraten

Die Kulturrevolution und die Rotgardisten haben tiefe Spuren in der Geschichte Chinas hinterlassen, die Stabilität des Landes beeinträchtigt und sogar die Existenz der Partei gefährdet. Mao gelang es, die Gemüter zu beruhigen, indem er die Jugend aufs Land vertrieb und das Wachstum der gefährlichen Bewegung stoppte. Die meisten derjenigen, die heute Boykotte durchführen, sind jedoch junge Menschen, die lange nach der Kulturrevolution geboren wurden und die aus diesen Erfahrungen wenig gelernt oder sie vergessen haben.

Zensur und Anstiftung sind in China wirksame Mittel zur Kontrolle der Öffentlichkeit gewesen. Doch spielt die Regierung ein riskantes Spiel, denn die nationalistische Inbrunst, die sie schürt, könnte auf sie zurückfallen. In der Diplomatie muss man manchmal einen Schritt zurücktreten – etwas, das den Online-Bewegungen schwer zu erklären ist.

Die Folgen von Chinas selbstbewusster und nationalistischer Außenpolitik werden immer deutlicher, und die chinesische Regierung wird schließlich einen Schritt rückwärts machen müssen, um die grundlegenden Wirtschaftsbeziehungen aufrechtzuerhalten. So hat das Europäische Parlament bereits signalisiert, dass es dem umfassenden Investitionsabkommen zwischen der EU und China nicht zustimmen wird, solange Peking die Sanktionen gegen seine Mitglieder nicht aufhebt. Wie wird die chinesische Öffentlichkeit dann reagieren? In der Vergangenheit ist China von seinen einst leidenschaftlichen nationalistischen Verpflichtungen abgerückt. Die antisowjetischen Proteste und hitzigen Grenzstreitigkeiten der 1960er-Jahre verhinderten nicht, dass die meisten Grenzprobleme mit der Sowjetunion und später mit Russland in den 1980er- und 1990er-Jahren auf bedächtige und vernünftige Weise gelöst wurden, aber dafür bedurfte es mehrerer Jahre Abstand.

Als Großmacht kann sich China nicht von jeder Aktion in der Welt angegriffen fühlen. Boykotte und die Invisiernahme im Internet betreffen nicht nur ausländische Unternehmen, sondern auch die chinesischen Bürger, die für sie arbeiten und von denen einige aufgrund der betroffenen oder geschlossenen Unternehmen ihren Arbeitsplatz und ihr Einkommen verlieren könnten. Gleichzeitig verschlechtern Cyber-Armeen das Image Chinas im Ausland und könnten einige ausländische Unternehmen dazu zwingen, China den Rücken zu kehren. Das Entfachen von Online-Feuern birgt die Gefahr, dass Peking selbst in Brand gerät.

Von Andreea Brinza

Andreea Brinza ist Vizepräsidentin des Romanian Institute for the Study of the Asia-Pacific, wo sie die Geopolitik Chinas und Ostasiens analysiert. Sie ist zudem Doktorandin und forscht über die Belt and Road Initiative.

Dieser Artikel war zuerst am 7. Januar 2022 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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