Sechs Transportflugzeuge gelandet

Umstrittener Rüstungsdeal: China liefert offenbar Flugabwehrraketen an Serbien

  • Sven Hauberg
    VonSven Hauberg
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Sechs riesige Transportflugzeuge, beladen offenbar mit Flugabwehrsystemen, landen in Serbien: Ein Waffendeal zwischen China und dem Westbalkan-Staat sorgt für Aufregung.

München/Belgrad – Waffenlieferungen an die Ukraine? Geht gar nicht! So zumindest sieht das China*. Militärische Unterstützung für Kiew, so tönt es immer wieder aus Peking, würde den Krieg nur verlängern und das Leid der Zivilbevölkerung vergrößern. Waffen nach Europa zu liefern, ist für Peking aber offenbar kein Problem. Zumindest dann nicht, wenn sie an eine befreundete Regierung gehen. Mehreren Berichten zufolge macht China derzeit genau das: Chinesische Y-20 Militärtransportflugzeuge sollen am Wochenende Flugabwehrsysteme nach Serbien gebracht haben. Es wäre die erste Lieferung dieser Art an ein europäisches Land.

Militärexperten zufolge soll es sich um Chinas Flugabwehrsystem HQ-22 handeln, das in der Exportversion als FK-3 bezeichnet wird. Chinas Außenamtssprecher Zhao Lijian bestätige am Montag, dass sein Land „kürzlich Transportflugzeuge der Luftwaffe entsandt hat, um konventionelle militärische Güter nach Serbien zu liefern“. Details nannte Zhao nicht. Allerdings betonte er, es handle sich um eine Lieferung im Rahmen eines normalen „Kooperationsprojekts“. Man solle „nicht zuviel hineininterpretieren“. Es ist eine übliche Aussage bei Sicherheitskooperationen Pekings.

Serbien bestätige den Deal bislang nur indirekt. Der Nachrichtenagentur AP zufolge sagte der unlängst wiedergewählte Präsident Aleksandar Vucic, sein Land werde in Kürze „den neuesten Stolz“ Serbiens zeigen können.

Ein Y-20-Transportflugzeug führt 2019 während einer Veranstaltung zum 70. Gründungsjubiläum der Luftwaffe der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Changchun eine Flugvorführung durch.

China: Waffenlieferung hat nichts „mit der aktuellen Situation zu tun“

Während manche Militärexperten einen Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg* vermuten, sagte Außenamtssprecher Zhao in Peking, die Lieferung „richtet sich weder an Dritte, noch hat sie etwas mit der aktuellen Situation zu tun“. Auf die Nachfrage eines AFP-Journalisten, ob ein derartiger Deal den fragilen Frieden in Europa nicht gefährde, reagierte Zhao ungehalten. „Haben Sie sich jemals Gedanken darüber gemacht, ob der regionale Frieden und die Stabilität bedroht sind, wenn die USA Waffen an Europa und Taiwan* verkaufen?“, fragte er zurück.

China behauptet, sich im Ukraine-Krieg neutral zu verhalten, hat den russischen Angriff aber bislang nicht verurteilt. Stattdessen macht Peking die Nato und vor allem die USA für die Eskalation verantwortlich*. Ob die Lieferungen an Serbien als Signal an die Nato gedeutet werden sollen, ist offen. Unklar ist auch, wie sich die Stationierung der Flugabwehrsysteme auf die regionale Sicherheit auf dem Balkan auswirken – vor allem in Hinblick auf das von Serbien nicht anerkannte Kosovo.

China: Einer der größten Waffenexporteure der Welt

Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri war China im Zeitraum von 2017 bis 2021 der viertgrößte Waffenexporteur der Welt – nach den USA, Russland und Frankreich, und vor Deutschland. 2020 soll das Land Rüstungsgüter im Wert von 67 Milliarden US-Dollar exportiert haben. Am vergangenen Wochenende berichtete Chinas Staatsfernsehen von einer großen Militärmesse mit Hunderten von Anbietern. Die Volksbefreiungsarmee habe bei der Veranstaltung vor allen nach Drohnen und intelligenten Fahrzeugen Ausschau gehalten, wie die South China Morning Post schreibt.

Serbien soll das nun gelieferte Flugabwehrsystem bereits 2019/2020 bestellt haben, zusammen mit Aufklärungs- und Kampfdrohnen vom Typ Wing Loong 2F. Die USA hatten Belgrad damals vor diesem Schritt gewarnt. Die Regierung in Belgrad gilt als äußerst Peking-freundlich*; Präsident Vucic werfen manche Beobachter einen autoritären Regierungsstil vor. Zusammen mit Ungarn gilt Serbien als Chinas Lieblingspartner in Europa. Vucic ließ chinesische Firmen in seinem Land Brücken und Straßen bauen. Derzeit entsteht eine Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Belgrad und Budapest. Ein erstes Teilstück der von chinesischen und russischen Unternehmen gebauten Bahnlinie wurde Mitte März eingeweiht.

China und Serbien: Xi Jinping lobt „eiserne Freundschaft“

Vucic war zu den Olympischen Winterspielen nach Peking gereist und wurde dort mit einem Empfang bei Staats- und Parteichef Xi Jinping* belohnt. Xi lobte dabei die „eiserne Freundschaft“ zwischen China und Serbien. Als Russland in der vergangenen Woche aus dem UN-Menschenrechtsrat ausgeschlossen wurde, stimmte Serbien – anders als China – zwar für diesen Schritt. Vucic begründete dies allerdings mit dem Druck, der auf sein Land ausgeübt worden sei – und wurde dafür von chinesischen Staatsmedien gefeiert. „Nur Serbien hat es gewagt, zu sprechen“, titelte etwa die staatlich kontrollierte Global Times.

Der Waffentransport vom Wochenende wirft allerdings nicht nur ein Schlaglicht auf die engen Beziehungen zwischen Belgrad und Peking; er zeigt auch, wie technologisch fortgeschritten Chinas Militärmaschinen sind. Die Global Times zitierte am Wochenende einen chinesischen Militärexperten mit den Worten, der Einsatz der Y-20-Maschinen spiegele eine erhebliche Verbesserung der strategischen Langstreckentransportfähigkeiten der chinesischen Luftwaffe wider. Die Transporter, die auf den Spitznamen „Dickes Mädchen“ hören, wurden erst 2016 in Dienst gestellt und können 66 Tonnen aufladen. In Europa waren die Maschinen schon mehrfach gelandet – etwa 2020, als sie mehr als hundert chinesische Soldaten zu einer Militärparade in Russland brachten. Dass nun sechs Flugzeuge vom Typ Y-20 gleichzeitig in Europa landen, war laut chinesischen Staatsmedien allerdings eine Premiere. (sh) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Lin Hong/Xinhua/Imago

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