Demjanjuk droht mit Hungerstreik

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John Demjanjuk will zwei Wochen keine Nahrung mehr zu sich nehmen.

München - Der mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk will zwei Wochen nichts mehr essen, weil er seine Verhandlung für einen politisch motivierten "Schauprozess" hält. 

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Der wegen Beihilfe zum tausendfachen Mord an Juden angeklagte John Demjanjuk und sein Verteidiger fahren noch einmal alle Geschütze auf: Mit einem Hungerstreik will der 90-Jährige die Berücksichtigung bestimmter Akten zum Beweis seiner Unschuld erzwingen. Sein Anwalt Ulrich Busch stellte am Dienstag rund 80 neue Beweisanträge - Staatsanwalt und Nebenklage sprachen von Prozess-Verschleppung. Ursprünglich waren für Dienstag nach mehr als 80 Prozesstagen die Plädoyers der Anklage geplant. Demjanjuk soll 1943 als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor bei der Ermordung von mindestens 27 900 Juden geholfen haben.

Wenn das Münchner Landgericht nicht die geforderten Beweismittel einbeziehe, werde er binnen zwei Wochen die Nahrungsaufnahme verweigern, kündigte Demjanjuk in einer von Busch verlesenen Erklärung an. Es handele sich um einen politischen Schauprozess. Er, ein “ukrainischer Bauer“, stehe anstatt schuldiger Deutscher vor Gericht. Busch, der in dem 15-monatigen Verfahren schon mehr als 200 Anträge gestellt hat, verlangte die Beiziehung Dutzender Akten sowie die Ladung zusätzlicher Zeugen.

“Herr Doktor Busch, ich habe den Eindruck, dass Sie hier Beweisanträge vorlesen, die längst eingeführt sind“, unterbrach der Vorsitzende Richter Ralph Alt am Nachmittag die Verlesung neuer Beweisanträge. “Ich bemühe mich schon, mich kurz zu fassen, aber es geht nicht immer“, antwortete Busch. Nebenklagevertreter Cornelius Nestler kritisierte, Busch habe unter anderem die Ladung bereits gestorbener Zeugen verlangt, darunter der Kommandant von Lager I in Sobibor, Karl Frenzel. Entweder Busch habe den Überblick verloren - oder er habe die “eindeutige Absicht der Prozessverschleppung“.

Demjanjuk, der an Rückenschmerzen, einer Blutkrankheit sowie Altersdiabetes leidet, verfolgt den Prozess von einem rollbaren Bett aus. Schon auf dem Weg in den Gerichtssaal hatte er mit der auf Pappe gemalten Zahl “1627“ die Beiziehung einer bestimmten, angeblich entlastenden KGB-Akte aus Moskau verlangt. In dem Verfahren würden Entlastungsbeweismittel unterdrückt und die Historie verfälscht - das seien “Waffen der Folter“, hieß es in seiner Erklärung. “Für mich bleibt nur ein einziger Weg, der Welt zu zeigen, was für eine Verhöhnung der Gerechtigkeit dieses Verfahren darstellt“, begründete Demjanujuk seine Hungerstreik-Drohung. Es war seine dritte Erklärung im Prozess.

Wegen Demjanjuks angeschlagener Gesundheit darf nur zwei Mal 90 Minuten pro Tag verhandelt werden. Sein betreuender Arzt Albrecht Stein sagte mit Blick auf den möglichen Hungerstreik, Unterzucker könne in kürzester Zeit zu lebensbedrohlichen Zuständen führen. Ob bei einem Hungerstreik eine Zwangsernährung in Frage käme, wollte Stein vorerst nicht kommentieren. “Das müssen wir abwarten.“

Busch wiederholte in seinen neuen Anträgen, Wachmänner seien nur zur Außensicherung des Lagers Sobibor eingesetzt gewesen - und hätten somit nichts mit den Massentötungen in den Gaskammern zu tun gehabt. Entgegen der Darstellung der Anklage hätten sie nicht fliehen können; sie hätten aus Befehlsnotstand gehandelt. Der SS-Ausweis mit der Nummer 1393 - eines der Hauptbeweismittel der Anklage - habe gar nicht Demjanjuk gehört.

Außerdem seien die in München erhobenen Vorwürfe Teil des Prozesses in Israel in den 1980er Jahren gewesen. In Israel war Demjanjuk als vermeintlicher “Iwan der Schreckliche“ von Treblinka zum Tode verurteilt worden. Fünf Jahre später stellte sich heraus, dass er verwechselt worden war, er wurde freigesprochen. Zeugen in Israel hätten aber ein Alibi für die Sobibor-Vorwürfe geliefert, argumentierte Busch. Sie hätten nämlich Demjanjuk an Tagen, an denen er laut Münchner Anklage in Sobibor gewesen sein soll, als Koch in Treblinka gesehen. Andere Zeugen wollen laut Busch Demjanjuk innerhalb der fraglichen Zeit zwischen März und September 1943 in Lublin, Lemberg und im SS-Ausbildungslager Trawniki getroffen haben.

Demjanjuk erklärte, er habe die Todeszelle in Israel mit Todesangst “an jedem dieser 1800 Tage“ überlebt; davor als Kind die Hungersnot unter Stalin und als junger Mann die deutsche Kriegsgefangenschaft, in der dreieinhalb Millionen Gefangene starben. “Jetzt, am Ende meines Lebens, versucht Deutschland - die Nation, die ohne Gnade und grausam Millionen unschuldiger Menschen ermordet hat - meine Würde, meine Seele, meinen Geist und mein Leben auszulöschen mit einem politischen Schauprozess und dem Versuch, mich, einen ukrainischen Bauern, für die Verbrechen, die Deutsche im Zweiten Weltkrieg verübt haben, schuldig zu sprechen.“

dpa

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