Ethikrat: Stellungnahme zu Embryonentests

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Der ehemalige Bundesjustizminister Edzard Schmidt-Jortzig (FDP) ist der Vorsitzende des 26-köpfigen Deutschen Ethikrates

Berlin - Für seine heikle Entscheidung über ein Verbot von Gentests an Embryonen erhält der Bundestag vom Deutschen Ethikrat keine klare Empfehlung. Jetzt entfacht ein Streit über den Sinn der Stellungnahme.

Auch der Deutsche Ethikrat zeigt sich in seiner Stellungnahme zur Präimplantationsdiagnostik tief gespalten. Während die Hälfte der 26 Ratsmitglieder eine eng begrenzte Zulassung der PID befürwortet, ist die andere Hälfte gegen diesen Vorschlag oder unentschieden. “Es gibt in der PID keine Antwort, die moralisch einwandfrei wäre“, sagte Ratsmitglied Christiane Woopen am Dienstag in Berlin.

Der Bundestag beginnt kommende Woche mit seinen Beratungen über ein Verbot oder eine begrenzte Zulassung der PID. Auch im Parlament sind in allen Fraktionen unterschiedliche Auffassungen Frage vertreten. Bei der PID werden befruchtete Eizellen auf Erbschäden untersucht. Werden schwere Behinderungen oder Krankheiten festgestellt, werden die Embryonen getötet; nur gesunde werden in die Gebärmutter eingesetzt.

“Hohes medizinisches Risiko“

Die Befürworter im Ethikrat argumentieren mit dem Recht der Frau auf Fortpflanzung. Dieses sei abzuwägen mit dem Schutz des Embryos, sagte Woopen. Es handele sich letztlich um die Auswahl des kleineren Übels, sagte die Kölner Professorin für Geschichte und Ethik in der Medizin.

Die Befürworter schlagen eine Zulassung der PID bei einem “hohen medizinischen Risiko“ vor. Dazu zählte Woopen erbliche Anlagen, die zu einer schweren Krankheit oder Behinderung oder zum Tod des Kindes nach der Geburt führen würden. In solchen Fällen sei heute eine Abtreibung nach begonnener Schwangerschaft möglich. Es wäre widersprüchlich, einem Embryo aus dem Reagenzglas mehr Schutz zu gewähren als einem weiter entwickelten Fötus, sagte Woopen.

Ausdrücklich verbieten wollen auch die Befürworter, im Sinne eines “Designerbabys“ mit der PID Geschlecht oder spätere Krankheiten ausfindig zu machen. Auch soll die Zeugung eines “Rettungsgeschwisters“ - etwa zur Verpflanzung eines Organs - ausgeschlossen bleiben. PID soll nur an wenigen spezialisierten Zentren möglich und mit eingehender Beratung verbunden sein.

“Ein selektiver Blick“

Für die Gegner argumentierte der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, gerade bei Embryos aus dem Reagenzglas sei besondere Verantwortung geboten, weil eine PID bei natürliche Empfängnis gar nicht möglich sei. Zwar erkenne man die Nöte von Paaren nach Fehlgeburten und die Hoffnung auf die PID an, sagte der frühere Berliner Bischof. “Wir haben es uns nicht leicht gemacht.“ Dennoch sei eine Zulassung ethisch nicht vertretbar. “Mit der PID verbindet sich ein selektiver Blick“, sagte Huber.

Die von den Befürwortern vorgeschlagene Begrenzung auf ganz bestimmte Fälle halten die Gegner für Illusion. Eine Ausweitung der Indikationen sei absehbar, sagte Huber. Darüber hinaus werde sich Druck auf genetisch belastete Eltern aufbauen. Die Haltung der Gesellschaft zu Menschen mit Behinderungen könnte sich ändern - gegen alle Bemühungen, sie einzubeziehen. Schließlich befürchten die Gegner auch, dass viele “überzählige“ Embryonen als Abfall behandelt werden könnten.

Streit über Sinn der Stellungnahme

Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn kritisierte in der “Rheinischen Post“ das gespaltene Votum des Rats. “Es stellt sich einmal mehr die Frage, wozu es einen Ethikrat braucht“, sagte Spahn. “Letzten Endes fasst er die gesellschaftliche Debatte zusammen, nicht weniger, aber auch nicht mehr.“

Ratsmitglied Wolf-Michael Catenhusen widersprach dem. Alle Argumente und Begründungen seien noch einmal genau geprüft und erläutert worden. So sei die Frage, wie eine Zulassung der PID begrenzt werden könnte, so ausführlich wie nie zuvor behandelt worden. Huber sagte, mit der Stellungnahme sei Transparenz hergestellt worden. Aus den vorgelegten Argumenten könne nun jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.

Vergangenen Sommer hatte der Bundesgerichtshof die PID faktisch erlaubt. Dem Bundestag liegen drei Vorschläge vor - von einem völligen Verbot, das unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) befürwortet, bis zu einem Verbot mit Ausnahmen oder einer begrenzten Zulassung. Sie sollen am 17. März erstmals beraten werden.

dapd

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