Frankreich: Streit um polygame Beziehungen

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Auch Playboy-Gründer Hugh Hefner umgibt sich gerne mit vielen Frauen.

Paris - Außereheliche Beziehungen sind bei Franzosen sehr beliebt. Jetzt will ein Minister die "faktische Polygamie" verbieten lassen - und begibt sich damit in Sachen Ausländerfeindlichkeit auf dünnes Eis.

“Zwischen fünf und sieben“ heißen in Frankreich die außerehelichen Beziehungen, die sich nach Büroschluss und vor dem Abendessen abspielen. Manche von ihnen halten jahrelang neben der Ehe. Zahlreiche Politiker in Frankreich sind für amouröse Doppelleben bekannt, unter anderem der frühere Präsident François Mitterrand. All dies dürfte Innenminister Brice Hortefeux allerdings nicht im Blick haben, wenn er “faktische Polygamie“ verbieten will.

Dem Minister geht es eher um “muslimische Polygamie“, also um Vielehen muslimischer Einwanderer. Er fordert eine Verschärfung des Gesetzes. Künftig sollen auch rein religiös geschlossene Ehen und Wohngemeinschaften mit mehreren Frauen darunter fallen. Damit begibt er sich allerdings auf juristisches Glatteis und facht zudem eine Debatte an, die schnell antiislamische Züge bekommen könnte.

Sozialbehörden unterstützten Polygamie stillschweigend

Auslöser ist der Fall von Lies Hebbadj. Der 35-Jährige erscheint wie das wandelnde Klischee eines extremistischen Muslims und Sozialschmarotzers. Hebbadj kam mit zwei Jahren aus Algerien nach Frankreich und bekam die Staatsbürgerschaft durch seine Heirat mit einer Französin. Er trägt einen zauseligen Vollbart, ein bodenlanges Gewand und ein Palästinensertuch auf dem Kopf. Soweit kann ihm niemand etwas Illegales vorwerfen.

Was Hortefeux in Rage gebracht hat, ist die Tatsache, dass Hebbadj bis zu 17 Kinder von vier Frauen haben soll, mit denen er in einer gemeinsamen Wohnanlage zusammenlebt. Mehrere der Frauen beziehen staatliche Unterstützung als Alleinerziehende. Seine Ehefrau, eine zum Islam konvertierte Französin, trägt Vollschleier. Hebbadj wurde zur öffentlichen Figur, als sie gegen einen Strafzettel protestierte, den sie für das Autofahren mit Gesichtsschleier bekommen hatte.

Die Vielehe muslimischer Einwanderer war in Frankreich lange ein Tabuthema. Bis 1993 war der Nachzug mehrerer Ehefrauen von Einwanderern erlaubt. Auch nach dem Verbot wurde dies noch eine Weile geduldet. Die Sozialbehörden unterstützen seit Jahren stillschweigend polygame Haushalte. Seit 2001 sind die Präfekten aufgefordert, die räumliche Trennung von Zweit- und Drittehefrauen zu fördern. In der Praxis ließ sich das allerdings kaum umsetzen.

Vater muss sich wegen Verdacht auf Sozialhilfebetrug verantworten

Zuletzt flammte das Thema nach den Krawallen in den Pariser Vorstädten 2005 öffentlich auf. Mehrere Politiker sahen einen Zusammenhang zwischen Vielehen, überbelegten Sozialwohnungen, vernachlässigten Kindern und sozialer Misere. Laut einer Studie sind in Frankreich bis zu 20 000 Familien von Polygamie betroffen.

Ob die Verschärfung der Gesetze sich umsetzen lässt, ist fraglich. Einwanderungsminister Eric Besson warnte bereits, dass es heikel sei, “faktische Polygamie“ juristisch zu definieren. Aber auch wenn sich die Gesetzeslage nicht ändert, könnte der Fall der Regierung Sympathien am rechten Rand der Wählerschaft einbringen, wo antimuslimische Haltungen verbreitet sind.

Sicher ist, dass Hortefeux - der kürzlich wegen einer rassistischen Bemerkung zu einer Geldstrafe verurteilt worden war - zahlreiche Muslime gegen sich aufgebracht hat, die sich durch den Fall Hebbadj stigmatisiert fühlen. Mehrere führende Muslime hatten sich umgehend von Hebbadj distanziert und die Polygamie verurteilt.

Der Vater der riesigen Kinderschar muss sich nun wegen des Verdachts auf Sozialhilfebetrug und anderer Vergehen vor Gericht verantworten - allerdings nicht mehr wegen Polygamie, denn die lässt sich ihm nach der aktuellen Gesetzeslage kaum nachweisen.

dpa

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