100 Tage Hollande - Normal, nicht gewöhnlich

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Francois Hollande ist 100 Tage im Amt

Paris - In seinen ersten 100 Tagen führt sich Hollande als „normaler, aber nicht gewöhnlicher“ Präsident ein. Kritikern ist das zu wenig. Paris steht vor schweren Entscheidungen.

Er fährt Zug, isst Käse und hält Distanz zur deutschen Kanzlerin: Frankreichs neuer Staatschef François Hollande scheint der perfekte Gegenentwurf zum Vorgänger Nicolas Sarkozy zu sein. Doch nicht alle Franzosen, die ihn gewählt haben, jubilieren. Dem Land steht ein Herbst mit schwierigen Entscheidungen bevor. Das macht die Reise zu Angela Merkel an diesem Donnerstag nicht leichter.

Im französischen Urlaubsmonat August war auch Hollande am Meer. Ein paar Urlaubsfotos in der Klatschpresse, der 58. Geburtstag in aller Stille, kurze Auftritte bei Trauerfeiern, sonst gab's nicht viel vom immer noch recht frisch gebackenen Präsidenten. Da war die Nation anderes vom bis an die Nervgrenze quirligen Sarkozy gewohnt.

Nicht bei allen Franzosen kommt das gut an. In einer Umfrage erklärten sich 54 Prozent unzufrieden mit dem neuen Präsidenten. Die Mehrheit ist der Meinung, die Lage entwickle sich negativ. Tatsächlich steht Frankreich am Rande einer Rezession. Wirtschaftsexperten bemängeln, Hollande habe nichts getan, um die Wettbewerbsfähigkeit französischer Unternehmen zu steigern.

Gegenwind auch auf anderen Gebieten: Selbst die sozialistische Regierung lässt massenweise Roma aus Rumänien abschieben. Die EU-Kommission will sich das - wie schon bei der Vorgängerregierung - genau anschauen. Es gab wieder schwere Jugendkrawalle, die als Ausdruck der Perspektivlosigkeit in sozial schwachen Vorstädten gelten.

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Gleichzeitig meinen 57 Prozent der Franzosen, Hollande halte sich an Wahlversprechen. So wurden die Gehälter der Regierungsmitglieder gekürzt, die Truppen werden schneller aus Afghanistan abgezogen. Nach Vorwürfen, in der Außenpolitik tatenlos zu sein, empfing Hollande direkt nach dem Urlaub als erster Vertreter einer Veto-Macht den neuen UN-Syrienvermittler Lakhdar Brahimi.

Für den größten Wirbel der Amtszeit des nach eigener Einschätzung „normalen, aber nicht gewöhnlichen“ Präsidenten sorgte ausgerechnet seine Lebensgefährtin Valérie Trierweiler. Mit einer Twitter-Nachricht unterstützte sie im Parlamentswahlkampf ausgerechnet den politischen Gegner von Ségolène Royal. Die war nicht nur die offizielle Kandidatin von Hollandes Sozialistischer Partei, sondern auch seine langjährige Partnerin und ist die Mutter seiner vier Kinder. „Zickenkrieg“ titelten die Klatschblätter.

Wahre Probleme warten woanders: Die zweitgrößte EU-Volkswirtschaft ist seit drei Quartalen nicht mehr gewachsen, die Arbeitslosenquote stieg auf mehr als zehn Prozent und große Unternehmen wollen Tausende weitere Stellen streichen. Im Haushalt 2013 fehlen schätzungsweise etwa 33 Milliarden Euro.

Auch das Verhältnis von Hollande zur Kanzlerin Merkel gilt als schwierig. Der Präsident hat mehrfach klargemacht, die Zeiten deutsch-französischer Alleingänge seien vorbei. In Berlin heißt es vor dem aktuellen Treffen, der Abstimmungsbedarf zwischen Präsident und Kanzlerin sei immer groß. Angeblich soll der Franzose auf einen SPD-Kanzler nach der Bundestagswahl 2013 hoffen. Nach außen hin geben sich Merkel und Hollande aber professionell freundschaftlich - zur Begrüßung gab es zuletzt sogar Küsschen.

dpa

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