SPD-Kanzlerkandidat

Gabriel: "Wir halten an Steinbrück fest"

+
SPD Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (v. li.) neben dem SPD Bundesvorsitzenden Sigmar Gabriel und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier bei der SPD-Klausurtagung in Berlin.

Friedewald/Berlin - Die SPD zeigt sich unbeeindruckt vom Absturz ihres Kanzlerkandidaten in den Umfragen. Auch bei einer Wahlschlappe in Niedersachsen will sie Steinbrück nicht infrage stellen.

Das verspricht jedenfalls der Parteichef.

Die SPD-Führung will auch bei einer Wahlschlappe in Niedersachsen ihren Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück nicht fallen lassen. „Egal wie die Niedersachsenwahl ausgeht: Es wird keine Diskussion um den Kanzlerkandidaten geben“, sagte Parteichef Sigmar Gabriel am Samstag bei einer Klausurtagung der Hessen-SPD in Friedewald. Spekulationen über eine mögliche Ablösung Steinbrücks seien „völliger Quatsch“ und eine Erfindung der Medien. „Da ist viel Wind vor der Haustür. Wir halten an Peer Steinbrück fest.“

Der Abwärtstrend für die SPD in den Umfragen setzte sich allerdings fort. In einer Emnid-Erhebung für die „Bild am Sonntag“ büßten die Sozialdemokraten erneut einen Punkt ein und kamen nur noch auf 26 Prozent - den schlechtesten Wert seit neun Monaten. Noch weitaus massiver als seine Partei war Steinbrück selbst in den letzten Wochen in den Umfragen abgestürzt. Im ZDF-Politbarometer liegt er im direkten Vergleich mit Kanzlerin Angela Merkel mit 25 zu 65 Prozent Unterstützung inzwischen klar hinten. Bei der Niedersachsen-Wahl in einer Woche wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Rot-Grün und Schwarz-Gelb erwartet.

Gabriel räumte ein, dass die Debatten um Steinbrück nicht hilfreich für die SPD seien. Sie hätten „nichts zur Steigerung des Wohlbefindens der Bevölkerung mit der SPD beigetragen“, sagte er. SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel sagte, für die Landtagswahl um die Jahreswende 2013/14 könne die Hessen-SPD „mehr Rückenwind vom Bund gebrauchen“.

Unterstützung erhielt Steinbrück vom scheidenden rheinland-pfälzischen Ministerpräsident Kurt Beck, der seine Partei zur Solidarität mit dem Kanzlerkandidaten aufrief. „Was im Moment abläuft, ist eine üble Kampagne“, sagte Beck dem „Tagesspiegel“ (Sonntag). Auch Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) hält die Vorwürfe gegen den Kanzlerkandidaten für überzogen. „Ich wundere mich darüber, was Peer Steinbrück alles vorgeworfen wird“, sagte er der „Welt am Sonntag“.

Sogar ein politischer Gegner nahm Steinbrück gegen übermäßige Kritik in Schutz. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) nannte in einem „Welt“-Interview die viel kritisierte Äußerung des früheren Finanzministers über die Höhe der Kanzlerbezüge zwar „unklug“, aber auch „ehrlich“ und „zutreffend“. Steinbrück hatte beklagt, dass in Deutschland der Bundeskanzler weniger verdiene als ein nordrhein-westfälischer Sparkassendirektor.

Peer Steinbrück: Klare Kante und loses Mundwerk

Peer Steinbrück: Klare Kante und loses Mundwerk

Die einzige Wahl, die Peer Steinbrück bisher bestreiten musste, hat er verloren. Mit 65 Jahren wagt er von der Hinterbank nochmals den großen Sprung. © dpa
Steinbrück tritt als Kanzlerkandidat der SPD gegen Angela Merkel an. © dpa
In diesem Jahr sind gleich drei Steinbrück-Biografien erschienen. Die beiden Journalisten Eckart Lohse und Markus Wehner bezeichnen Steinbrück als einen der „zweifellos interessantesten Politiker dieser Jahre“. © dpa
Eine Gefahr für ihn ist immer sein loses Mundwerk. © dpa
Als Bundesfinanzminister (2005 bis 2009) bewegte er durch unbedachte Äußerungen schon mal die Märkte. Der Schweiz drohte er, selbstbewusst wie er nun mal ist, in Sachen Schwarzgeld mit der Kavallerie. © dpa
Geboren am 10. Januar 1947 in Hamburg, wächst er in einem eher konservativen Elternhaus auf, erst 1969 schwenkt der Vater wegen Willy Brandt auf die SPD um. © dpa
Seinen eigenen trockenen Humor führt er auf seine Großmutter zurück - jüngst antwortete er einem Journalisten auf Fragen, ob er dieses oder jenes ausschließe: „Steinbrück schließt nicht aus, dass er Hundefutter isst“. © dpa
Als Schüler hatte er Flausen im Kopf. Neben Griechisch und Latein ist ausgerechnet Mathe ein Problem. Zweimal bleibt er sitzen. Statt zu lernen, schießt er Lehrern lieber aus dem Paternoster heraus mit einem Blasröhrchen Erbsen auf die Beine. © dpa
Das Ende der Schulzeit empfindet er als Befreiung. Seine Klassenarbeiten verbrennt Steinbrück nach dem Abi im Ofen. © dpa
Zum Studium der Volkswirtschaft und Sozialwissenschaften geht er nach Kiel. © dpa
Seine politische Karriere beginnt 1974 im Bundesbauministerium und führt ihn in das Forschungsministerium und als Referent in das Bonner Bundeskanzleramt. © dpa
Dort regiert Helmut Schmidt, der ihn geeignet hält für den Job des Regierungschefs. Von 1986 bis 1990 leitet er das Büro von NRW-Ministerpräsident Johannes Rau. Anschließend ist Steinbrück bis 1998 in Kiel, unter anderem als Wirtschaftsminister. © dpa
Dann kehrt er nach Nordrhein-Westfalen zurück. Nach Stationen als Wirtschafts- und Finanzminister wird er 2002 als Nachfolger des nach Berlin gewechselten Wolfgang Clement Ministerpräsident. © dpa
2005 wird Steinbrück trotz der Wahlniederlage gegen die CDU zum Finanzminister in Berlin berufen. © dpa
Im Oktober 2008 verkündet er mit Angela Merkel die berühmte Garantie für alle deutschen Spareinlagen. Eines macht er heute klar: Sollte er nicht Kanzler werden, geht er auf keinen Fall nochmals als Juniorpartner in ein Kabinett Merkel III. © dpa
Verheiratet ist er mit einer Lehrerin (links im Bild Ehefrau Gertrud). Sie haben drei erwachsene Kinder. Steinbrück ist ein Schnellleser und begeisterter Cineast. Und Peer Steinbrück ist leidenschaftlicher Sammler von Schiffsmodellen. © dpa
Dass der bald 66-Jährige so richtig will und die bisher unangreifbare Merkel mit Hilfe der Partei stellen möchte, wurde zuletzt beim Zukunftskongress der SPD-Fraktion sichtbar. Er hielt eine für ihn überraschend sozialdemokratische Rede. © dpa
Die nervösen Reaktionen der Union auf sein Papier zur Bändigung der Finanzmärkte zeigten, dass er hier für die SPD einen möglichen Wahlkampfschlager gefunden hat. © dpa
Mit seiner „klaren Kante“ ist er sicher der Kandidat, der Merkel am gefährlichsten werden wird. © dpa

Der Kanzlerkandidat selbst will seinem Stil trotz seiner schlechten Umfragewerte treu bleiben. „Wir werden stärker über unsere Inhalte, über unsere Themen reden müssen“, sagte er der „Braunschweiger Zeitung“ (Samstag). „Ich will allerdings auch bei meinem Stil bleiben: Sagen, was ich denke. Viele Bürger sagen mir, sie wollten keine Politiker, die immer nur glatt geschliffene Antworten geben.“

Steinbrück räumte aber auch Fehler ein: Selbstkritisch gesehen hätte er die Reaktionen auf seine Äußerungen zum Kanzlergehalt vorhersehen müssen. „Aber die Alarmglocken haben nicht geläutet, weil ich und andere das ja auch vorher schon gesagt haben.“

Nach einem Bericht des „Focus“ will Steinbrück sein Wahlkampfteam Anfang Februar mit dem promovierten Politikwissenschaftler Timo Noetzel verstärken. Der 36-Jährige solle kampagnenfähige Themen identifizieren, sie mit Inhalten unterfüttern und den Kandidaten strategisch beraten.

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Scholz sieht Koalitionsverhandlungen im Zeitplan
POLITIK
Scholz sieht Koalitionsverhandlungen im Zeitplan
Scholz sieht Koalitionsverhandlungen im Zeitplan
Ampel-Koalitionsvertrag: Kein Arbeitsverbot für Asylbewerber – „Verlangen aber auch etwas von ihnen“
POLITIK
Ampel-Koalitionsvertrag: Kein Arbeitsverbot für Asylbewerber – „Verlangen aber auch etwas von ihnen“
Ampel-Koalitionsvertrag: Kein Arbeitsverbot für Asylbewerber – „Verlangen aber auch etwas von ihnen“
Belarus-Krise: Kritik an Merkel-Telefonat wächst - Bundesregierung dementiert Lukaschenko-Aussage
POLITIK
Belarus-Krise: Kritik an Merkel-Telefonat wächst - Bundesregierung dementiert Lukaschenko-Aussage
Belarus-Krise: Kritik an Merkel-Telefonat wächst - Bundesregierung dementiert Lukaschenko-Aussage
Morawiecki kritisiert Merkels Gespräche mit Lukaschenko
POLITIK
Morawiecki kritisiert Merkels Gespräche mit Lukaschenko
Morawiecki kritisiert Merkels Gespräche mit Lukaschenko

Kommentare