Staatsbesuch in Tschechien

Gauck bekennt sich zu deutscher Schuld

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Bundespräsident Joachim Gauck (l) und der tschechische Staatspräsident Vaclav Klaus beantworten in Prag Fragen von Journalisten.

Prag - Gauck setzt bei seinem ersten Besuch als Bundespräsident in Tschechien Prioritäten. Er bekennt sich zur deutschen Schuld durch Krieg und Besatzung. Über die Vertreibung wird später geredet

Bei seinem schwierigen Besuch am Schicksalsort Lidice bei Prag schloss Bundespräsident Joachim Gauck kurz die Augen und verneigte sich vor den Opfern eines NS-Massakers. Als erstes deutsches Staatsoberhaupt besuchte der 72-Jährige die Gedenkstätte nahe der tschechischen Hauptstadt. Hier hatten SS-Einheiten das böhmische Dorf im Juni 1942 zerstört und die meisten Bewohner ermordet.

Mit dem Besuch der Gedenkstätte Lidice setzte Gauck zum Abschluss seines Besuchs im Nachbarland ein Zeichen. Am Ehrenmal legte er einen Kranz nieder. Vor einer Bronzestatue für die ermordeten Kinder von Lidice, das Besucher mit Spielzeugtieren geschmückt haben, sang ein Kinderchor in der Kälte. „Das habt ihr ganz wunderbar gemacht“, bedankte sich Gauck anschließend bei den Kleinen.

Von der ersten Minute an war die Tagesreise des Bundespräsidenten von der Vergangenheit beherrscht. Gauck war sich bewusst, dass seine Gastgeber klare Worte zur deutschen Verantwortung erwarteten, und er blieb sie nicht schuldig. Er äußerte Scham und Trauer darüber, „was deutsche Vorgängergenerationen angerichtet haben“.

Aber trotz der historischen Belastung verlief der Antrittsbesuch Gaucks in Prag überraschend entspannt. Und der Bundespräsident und sein tschechischer Amtskollege Vaclav Klaus verstanden sich offensichtlich besser als manche befürchtet hatten. Zum direkten Streit über die Europapolitik mit dem bekennenden Euroskeptiker kam es jedenfalls nicht. Klaus sei nun einmal Ökonom und Professor, meinte Gauck scherzhaft. Er als Theologe habe dagegen „die Lizenz für eine Haltung, die der Präsident möglicherweise für Naivität hält“.

Pastor Gauck trifft Professor Klaus. Die Chemie zwischen den beiden älteren Herren (Gauck 72, Klaus 71) schien zu stimmen. Das ist nicht selbstverständlich. Die Tschechen vergleichen Gaucks Biografie als Kämpfer gegen den Kommunismus gern mit dem Leben ihres Dichterpräsidenten, dem im Dezember gestorbenen Vaclav Havel. Pikant daran ist, dass Klaus und Havel jahrelang innenpolitische Gegner waren.

Aber Gauck hatte seinen tschechischen Amtskollegen bereits vor vier Monaten mit einer besonderen Geste beeindruckt, die in Prag sehr positiv aufgenommen wurde. In einem persönlichen Schreiben äußerte er „tiefe Betroffenheit und Scham“ angesichts des NS-Massakers von Lidice vor 70 Jahren.

Klaus sprach von einer „starken Aussage“ Gaucks. Der Brief sei ein wichtiges Signal zur weiteren Vertiefung der Beziehungen zwischen beiden Nachbarländern. Entgegen diplomatischer Gepflogenheiten veröffentlichte er das Schreiben sogar auf seiner Internet-Seite.

Schwierig bleibt allerdings das Thema Vertreibung. Auf Fragen nach einer Geste der Entschuldigung von tschechischer Seite wegen des Schicksals der Sudetendeutschen verwies Klaus am Mittwoch nur auf die deutsch-tschechische Erklärung von 1997. Klaus hatte sie als damaliger Ministerpräsident mit Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl ausgehandelt. „Dem kann ich nichts Neues und Grundsätzliches hinzufügen“, sagte er. Auch Gauck hielt sich mit Forderungen an die tschechische Seite zurück.

Bei aller historischen Last hat sich doch auch eine Beziehung guter Nachbarschaft zwischen beiden Ländern entwickelt. Und Klaus warnt vor der Fixierung auf die Vergangenheit. „Ohne Rückspiegel sollte man kein Auto fahren, aber der Rückspiegel darf auch nicht größer sein als die Frontscheibe, durch die man nach vorne schaut.“

dpa

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