Giordano warnt Seehofer: NS-Verbrechen nicht verdrängen

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Schriftsteller Ralph Giordano (87)

Köln - Der jüdische Schriftsteller Ralph Giordano hat die Heimatvertriebenen vor einer historischen Verdrängung der Naziverbrechen gewarnt. Zu diesem Thema hat auch CSU-Chef Horst Seehofer Post von Giordano bekommen.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer solle der “Tradition der Verdrängung“ bei einem Festakt am nächsten Samstag in Berlin ein Ende bereiten, schrieb der 87-Jährige in einem offenen Brief an den CSU-Politiker. Zentraler Kritikpunkt Giordanos ist die vor 60 Jahren verabschiedete - und bis heute umstrittene - “Charta der deutschen Heimatvertriebenen“.

Der Bund der Vertriebenen (BdV) hatte die Charta jüngst bei einer anderen Feierstunde als herausragend gewürdigt. Für Giordano ist sie dagegen ein “Paradebeispiel deutscher Verdrängungskünste“, wie er der Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch in Köln sagte. In dem Dokument würden die NS-Verbrechen, die Vertreibung der Juden seit 1933, der Vernichtungskrieg im Osten und der Holocaust nicht einmal erwähnt.

Die meistgesuchten Nazi-Verbrecher

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Er hoffe, dass Seehofer sich in seiner Rede daher nicht auf die Charta stützen werde. “Was wird nun diesmal, Herr Ministerpräsident? Wieder Berufung auf eine Schrift zur Vertreibung, die kein Wort, keine Silbe, keine Buchstaben von der Vorgeschichte der Vertreibung enthält, also ihrem apokalyptischen Ursprung?“. Es sei einäugig, wenn die Heimatvertriebenen in der Charta als “die vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen“ bezeichnet würden.

Die vor 60 Jahren verabschiedete Charta war die erste gemeinsame Erklärung der deutschen Vertriebenengruppen nach dem Zweiten Weltkrieg. Darin wird das Recht auf Heimat gefordert und ein Verzicht auf Rache und Vergeltung erklärt.

dpa

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