Kampf um Linken-Spitzenämter

Gysi warnt - Wagenknecht wartet ab

+
Gregor Gysi fürchtet eine Spaltung der Linken

Berlin - Showdown bei der Linken: Zehn Kandidaten bewerben sich für zwei Spitzenposten. Eine elfte könnte mit Sahra Wagenknecht noch kurzfristig hinzu kommen. Gysi warnt vor einer möglichen Spaltung.

Unmittelbar vor dem Linke-Parteitag hat Fraktionschef Gregor Gysi seine Partei in einem eindringlichen Appell vor dem Auseinanderbrechen gewarnt. “Entweder es gelingt ein Neubeginn, oder es endet in einem Desaster bis hin zu einer möglichen Spaltung“, sagte er der “Süddeutschen Zeitung“ zu dem seit Wochen tobenden Machtkampf um die Parteiführung. 550 Delegierte kommen am Samstag in Göttingen zusammen, um eine neue Doppelspitze mit mindestens einer Frau zu wählen. Es gibt zehn Bewerber, von denen sechs Chancen haben.

Unklar ist weiterhin ob die frühere Wortführerin der linksorthodoxen Kommunistischen Plattform, Sahra Wagenknecht, in letzter Minute ihren Hut noch in den Ring wirft. “Wer wie wann kandidiert, das wird man in den nächsten Tagen sehen“, sagte sie nach ihrer Ankunft in Göttingen. Ihr Lebensgefährte Oskar Lafontaine schloss kategorisch aus, doch noch überraschend seine Kandidatur zu erklären. “Das Thema ist gegessen“, sagte er.

Der 68-jährige Saarländer will am Samstag vor der Wahl der neuen Parteiführung eine mit Spannung erwartete Rede halten. Er hatte vergangene Woche auf eine Kandidatur verzichtet, weil er sich mit seinem Rivalen Dietmar Bartsch nicht einigen konnte.

Welche Konstellation er nun favorisiert, wollte Lafontaine nicht verraten. “Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil die Wahl geheim ist.“ Er ermahnte seine Partei erneut, sich wieder mit politischen Inhalten zu beschäftigen. Bei Themen wie der Finanzkrise könne die Linke eigene Akzente setzen. “Aber leider beschäftigen wir uns mit irgendwelchen Albernheiten.“

Das ist die Linken-Führung

Das ist die Linken-Führung

Nach dem Rückzug des Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine hat sich die Linkspartei überraschend schnell auf ein neues Personaltableau geeinigt. © dpa
Sowohl beim Vorsitz als auch beim Amt des Bundesgeschäftsführers gibt es künftig eine Doppelspitze. Die Kandidaten hat der Linken-Parteitag in Rostock Mitte Mai gewählt. © dpa
KLAUS ERNST (55) ist Parteivorsitzender. Seine Rede bei der Fraktionsklausur am 11. Januar hatte Bewerbungscharakter, der Partei- und Fraktionsvize versuchte als Versöhner zwischen dem West- und Ostteil der Partei aufzutreten. © dpa
Der für seine Späße bekannte Ernst ist für die Linke eine wichtige Brücke zu den Gewerkschaften. Er war unter anderem Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Schweinfurt. © dpa
Die lief dort zu Zeiten von Rot-Grün Sturm unter anderem gegen Hartz IV und Agenda 2010. © dpa
Ernst und andere Funktionäre verließen die SPD und gründeten die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG), die 2007 mit der PDS zur Linken fusionierte. © dpa
Seit 2005 sitzt Ernst im Bundestag. Er ist parteiintern umstritten, da er gegen Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch Partei ergriffen hatte. © dpa
GESINE LÖTZSCH (48) ist Parteivorsitzende: Die bislang stellvertretende Fraktionsvorsitzende ist einem größeren Publikum bisher kaum bekannt. Bei den Bundestagswahlen 2002, 2005 und 2009 holte sie das Direktmandat in Berlin-Lichtenberg. © dpa
Da 2002 die damalige PDS an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, saßen sie und Petra Pau allein für ihre Partei ganz hinten im Bundestag. © dpa
Ihre politische Karriere startete Lötzsch zu DDR-Zeiten: 1984 trat sie in die SED ein. Nach der Wende folgte der Wechsel in die PDS, wo sie bis 1993 an der Spitze der Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus stand. © dpa
Seit 2005 ist die promovierte Germanistin haushaltspolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag und als Expertin auch bei den anderen Parteien angesehen. © dpa
Ihre Aufgabe in der Partei sieht sie darin, das Zusammenwachsen der Ost- und Westteile zu stärken. © dpa
CAREN LAY (37) ist Bundesgeschäftsführerin: Die Soziologin ist zwar in Neuwied am Rhein geboren, zog aber über die Landesliste Sachsen in den Bundestag ein. © Die Linke Sachsen
“Allen Kindern die gleichen Bildungschancen zu eröffnen, auch Kindern aus ärmeren Familien, hat mich angetrieben“, sagt sie zu den Gründen, warum sie in die Politik gegangen ist. © dpa
Sie ist Mitglied beim BUND, Verdi und attac. In ihrer Partei wird sie eher dem realpolitischen Flügel zugerechnet. © Die Linke
Seit 2004 saß Lay im sächsischen Landtag, seit 2007 war sie parlamentarische Geschäftsführerin der sächsischen Linksfraktion. Seit 2009 ist sie Bundestagsabgeordnete. © Twitter
Als Bundesgeschäftsführerin müsste sie vor allem den von Bartsch erfolgreich betriebenen Aufbau junger Nachwuchstalente, die Arbeit am Grundsatzprogramm und die Verfestigung der Parteistrukturen vorantreiben müssen. © Linksfraktion im Bundestag
WERNER DREIBUS (62) ist Bundesgeschäftsführer: Der Gewerkschaftssekretär stammt aus Offenbach am Main. © dpa
Seit 1994 ist er Bevollmächtigter der IG Metall Offenbach. © Hoempage
Er war Gründungsmitglied der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) und sitzt seit 2005 im Bundestag. © Homepage
Ähnlich wie Lay ist er über die Parteigrenzen hinweg bisher ein eher unbeschriebenes Blatt und tritt angesichts der Popularität von Bartsch ein schweres Erbe an. © Homepage
Der stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion ist verheiratet und hat eine Tochter. © Homepage

Als Ersatzkandidat für Lafontaine schickt das linke Lager, dem überwiegend Westdeutsche angehören, den baden-württembergischen Landeschef Bernd Riexinger ins Rennen. Der 56-Jährige muss es vor allem mit dem 54-jährigen Fraktionsvize Bartsch aufnehmen, der die ostdeutschen Reformer hinter sich hat.

Zum Lafontaine-Lager zählt auch die sächsische Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann, auf Bartschs Seite wird die Hamburger Fraktionschefin Dora Heyenn eingeordnet. Als Alternative zwischen den beiden Flügeln stellen sich Parteivize Kipping und die nordrhein-westfälische Landeschefin Katharina Schwabedissen zur Wahl. Sie stünden mit ihren 34 und 39 Jahren für einen klaren Generationswechsel.

Wagenknecht wandte sich gegen die Spekulationen von Gysi und anderen, dass die Partei vor einer Spaltung stehe. “Ich denke, dass manche, die darauf hoffen, sich auch zu früh gefreut haben“, sagte sie.

Gysi verzichtete darauf, in dem Machtkampf Stellung zu beziehen. “Mein Maßstab ist, ob wir eine kooperative Führung hinbekommen, in der Repräsentanten von Volkspartei und Interessenpartei gezwungen sind, wirksam und gemeinsam zu handeln“, sagte er. Namen wollte er nicht nennen. Er kritisierte aber Forderungen aus westlichen Landesverbänden, Bartsch solle seine Kandidatur zurückziehen. “Jede und jeder hat das Recht zu kandidieren. Man sollte nicht öffentlich vorschlagen, dass einer auf seine Rechte verzichtet“, sagte Gysi.

Bartsch machte klar, dass er auch zu einer Doppelspitze mit seiner Rivalin Wagenknecht bereit wäre. “Allein Sahra Wagenknecht entscheidet, ob sie kandidiert“, sagte er der “Mitteldeutschen Zeitung“. “Und ich bin gegen jede Form der Ausschließeritis.“

Dass die Linke nach dem Parteitag auf die Erfolgsspur zurückkehrt, glaubt nur eine Minderheit der Deutschen. In einer Umfrage des Instituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa sagten 44 Prozent der Linken ein Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde bei der nächsten Bundestagswahl voraus. 39 Prozent glauben dagegen, dass die Linke den Wiedereinzug ins Parlament schafft. Die Linke stürzte seit der Bundestagswahl 2009 in den Umfragen von 11,9 auf derzeit 5 bis 6 Prozent ab.

dpa

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Zweitstärkste Impfwoche gegen Corona in Arztpraxen
POLITIK
Zweitstärkste Impfwoche gegen Corona in Arztpraxen
Zweitstärkste Impfwoche gegen Corona in Arztpraxen
Lauterbach legt gegen Wagenknecht beim Thema Booster-Impfungen nach - „Völlig absurd“
POLITIK
Lauterbach legt gegen Wagenknecht beim Thema Booster-Impfungen nach - „Völlig absurd“
Lauterbach legt gegen Wagenknecht beim Thema Booster-Impfungen nach - „Völlig absurd“
Grünen-Krawall um Ministerposten: Özdemir-Zoff eskaliert auf offener Bühne
POLITIK
Grünen-Krawall um Ministerposten: Özdemir-Zoff eskaliert auf offener Bühne
Grünen-Krawall um Ministerposten: Özdemir-Zoff eskaliert auf offener Bühne
Lukaschenko wirft Litauen Tötung von Migranten vor
POLITIK
Lukaschenko wirft Litauen Tötung von Migranten vor
Lukaschenko wirft Litauen Tötung von Migranten vor

Kommentare